­Verliebt, verfolgt, verhaftet: Weshalb es so gefährlich ist, in Kairo homosexuell zu sein

Homosexualität ist in Ägypten nicht verboten. Trotzdem nutzt die Staatsmacht alle Mittel, um Schwule zu verfolgen.

Schwule können sich in Kairo nur heimlich lieben.

Schwule können sich in Kairo nur heimlich lieben. © Cole HutsonUnsplash

Ob Taschen aus Kamelleder, mit Hieroglyphen verzierte Sitzkissen oder Gebetsketten: Der Chan el-Chalili, der älteste und größte Basar Kairos, lässt keine Wünsche unerfüllt. Es gibt in der Metropole wenige Orte, die sich besser dazu eignen, dem stressigen Straßenverkehr und dem konstanten Smog-Gestank zu entgehen. Mitten auf dem Markt schlendert Walid* umher. Der 25 Jahre alte Ägypter ist nicht an den Souvenirs seiner Heimatstadt interessiert. Er ist mit Malik* verabredet, mit dem er sich wenige Minuten später eine Shisha in einem der vielen kleinen Lokale des Basars teilen wird. Doch was niemand der anderen Gäste bemerken soll: Walid und Malik sind ein Paar. Offen ausleben können sie das nicht. Bis heute weiß außer ihren engsten Freund*innen niemand von ihrer Beziehung. Alleine die Tatsache, dass sie verliebt sind, könnte sie dieser Tage ins Gefängnis bringen und das, obwohl Homosexualität in Ägypten nicht verboten ist.

Konzert löste Verhaftungswelle aus

„Das Konzert hat alles verändert“, sagt Walid. Ende September hatte die libanesische Band Mashrou‘ Leila einen Auftritt in der Stadt. Ihr schwuler Frontmann ist bekennender Aktivist der LGBTQ-Community. Zum Eklat kam es, als eine Gruppe von Konzertbesucher*innen die von Christopher Street Days bekannten Regenbogenflaggen schwenkte. Für mehr als 50 der jungen Fans endete der Konzertbesuch mit einer Verhaftung, während die Band mit einem landesweiten Auftrittsverbot bestraft wurde. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Anstiftung zur Unzucht. Das war der Anfang einer ganzen Verhaftungswelle gegen Homosexuelle.

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Seit Malik und Walid denken können, werden Schwule, Lesben und Transsexuelle in Ägypten ausgegrenzt. Immer wieder kommt es zu Verhaftungen und Prozessen. Nach dem Arabischen Frühling Anfang der 2010er Jahre und dem späteren Sturz der Muslimbruderschaft war es jedoch etwas ruhiger um die queere Szene geworden – jetzt ist die Verfolgung durch den Staat wieder in vollem Gange.

„Wir waren nicht bei dem Konzert, aber seit den Festnahmen sind wir paranoid“, erzählt Walid. Gerüchte, wonach die Regierung Grindr, die schwuleVariante der Dating-App Tinder nutzt, um Schwule in den Hinterhalt zu locken, machen den beiden Angst. Vor einigen Jahren lernten auch sie sich über die App kennen, ist es doch praktisch unmöglich sich in der Öffentlichkeit anzusprechen. „Jetzt müssen wir noch vorsichtiger sein als ohnehin schon“, sagt Malik.

Regime will mit Strafen gegen Homosexuelle bei der Bevölkerung punkten

Nur wenige hundert Meter von ihm entfernt liegt die Sayyidna-al-Husain-Moschee, die Sonnenschirme sind zum Freitagsgebet gespannt, um den Betenden Schatten zu spenden. Ihre Mitglieder und radikalen Prediger veranstalten seit einigen Monaten eine regelrechte Jagd auf Schwule, angefeuert von Präsident Abdel Fattah al-Sisi. Da der Ex-General als nicht besonders gläubig gilt und die Stimmen der radikalen Muslime bei den anstehenden Präsidentenwahlen dringend bräuchte, hat er zum extra harten Handeln gegen Homosexuelle aufgerufen.

Auch wenn Homosexualität als solche nach ägyptischen Recht nicht strafbar ist, nutzen Polizei und Justiz bereits alle möglichen Mittel, um gegen schwule Männer vorzugehen. Vergangenes Jahr setzte der höchste Rat für Presseregulierung ein Verbot für die „Propagierung von Homosexualität“ in ägyptischen Medien durch. Homosexualität sei eine „schändliche Krankheit, die verborgen werden muss“, so die Begründung. Gleichzeitig werden Homosexuelle unter dem Vorwurf der Unzucht oder der Beleidigung der Religion verhaftet. Bürgerrechtsorganisationen klagen an, dass sich dabei einige der Festgenommenen Analuntersuchungen unterziehen mussten.

Homosexualität könnte bald offiziell illegal sein

Doch es ist nicht nur die jüngste Verhaftungswelle, die Malik und Walid Sorgen macht. In Ägypten ist Homophobie weit verbreitet, die Bevölkerung sehr konservativ eingestellt. Laut einer 2013 durchgeführten Studie des Meinungsforschungsinstituts Pew Global befanden 95 Prozent der Ägypter*innen, dass Homosexualität nicht zu akzeptieren sei. Entsprechend häufig kommt es zu Übergriffen und Diskriminierungen. Auch Malik hat das schon erlebt. Als er vor einigen Jahren unbeschwert mit seinem damaligen Freund tanzte, wurden die beiden bespuckt und bedroht.

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Bald könnte Homosexualität auch offiziell illegal sein. Ein neuer Gesetzesentwurf, der seit Ende Oktober im Parlament diskutiert wird, soll das Schwulsein nun vollends kriminalisieren und mit einem eigenen Paragrafen verbieten. Er sieht mehrjährige Gefängnisstrafen vor. „Das wäre eine Katastrophe für uns“, sagen Malik und Walid. Beide besuchen in Kairo die zweitgrößte Universität Afrikas, wollen Ingenieur und Grafiker werden und sich eine erfolgreiche Zukunft aufbauen. Eine Festnahme würde ihren ganzen Lebensweg zerstören, dessen sind sie sich sicher.

Während die beiden im Café über ihre Angst berichten, wird bekannt, dass nun auch ein deutscher Urlauber in Kairo festgenommen wurde. Trotz der Reisewarnung des Auswärtigen Amtes hatte der aus Nürnberg stammende Mann über eine Dating-App mit ägyptischen Männern gechattet und ein Treffen organisiert. Nach seiner Festnahme verbrachte er eine Nacht in Haft und wurde des Landes verwiesen. In Deutschland kann er seine Homosexualität frei ausleben. Malik und Walid müssen sich weiter verstecken.

*Name von der Redaktion geändert