Vero wäre das bessere Instagram – wenn die App richtig funktionieren würde

Das neue Social Network Vero ist in aller Munde. Der Hype ist trotz Startschwierigkeiten berechtigt. Wir haben die App getestet.

Die App Vero verspricht "True Social" zu sein – doch stimmt das?

Wird die App Vero das neue Instagram? © Elif Kücük / ze.tt

Vero  was für ein Name. Vero steht für Wahrheit. Und auch der Slogan – „True Social“ – verspricht geradezu eine Revolution. Denn sind wir mal ehrlich: Wie social sind denn die gängigen sozialen Netzwerke wie Facebook oder Instagram überhaupt noch? Facebook, lieber Leser*innen, ist das mit den Katzenvideos, den Classical Art Memes und den Petitionen. Instagram, liebe Leser*innen, ist das, wo alles immer so geleckt, teuer oder lecker aussieht und man sich vorher zweimal überlegt, was man postet. Nun drängt sich die neue App Vero auf den Markt, die eigentlich gar nicht mehr so neu ist. Doch vom App-Store-Ladenhüter avancierte sie in den letzten Tagen zum Download-Hit.

Was kann sie?

Im Gegensatz zu Instagram könnt ihr auf Vero nicht nur Fotos bearbeiten und hochladen, sondern auch Links, Musik, Filme, Serien, Bücher und Orte empfehlen, in eurem Feed teilen, in einer Art Bibliothek sammeln und die Produkte zum Teil sogar in der App kaufen. Außerdem könnt ihr eure Kontakte einstufen und somit entscheiden, wer was sieht: enge Freund*innen, Freund*innen, Bekannte und Follower*innen. So könnt ihr zum Beispiel einstellen, dass das süße Babyfoto nur die engsten Freunde sehen können, die Acai Bowl hingegen sämtlichen Followern angezeigt wird. Soll ja schließlich jede*r wissen, wie #healthy ihr seid durch #cleaneating. Dahinter steckt, dass die Macher*innen von Vero echte Freund*innen nicht  zu einfachen Follower*innen degradieren wollen.

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Der Feed von Vero ist chronologisch aufgebaut. Das bedeutet, dass die App ohne Algorithmen auskommt, da keine Daten darüber erhoben werden müssen, was euch wohl am besten gefallen könnte. Auch Werbung wird es – Stand: heute – auf der App vorerst nicht geben, was wiederum heißt, dass einzelne User*innen ihre Postings nicht durch Bezahlung boosten können. Geld wird mit Käufen innerhalb der App, zum Beispiel von Songs, verdient und mit den Nutzer*innen: Diese müssen nämlich zukünftig für die App zahlen. Wieviel ein Abo kostet, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt. In ihrem Manifest schreiben die Macher*innen: „Unser Geschäftsmodel ist abobasiert. Wir machen unsere Nutzer zu unserer Kunden, nicht die Werbetreibenden.“ Die erste Million User*innen darf das Netzwerk jedoch dauerhaft kostenfrei nutzen. Vielleicht ist dieser große Run auf die App, um zu der glücklichen Million zu gehören, auch einer der Gründe, warum die App momentan mit immensen technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Natürlich wurde sich gleich auf Twitter dafür entschuldigt. Total social eben.

Vero hat momentan noch technischen Probleme.
Vero hat momentan noch technische Probleme. Screenshots: Vero | Collage: ze.tt

Wozu taugt sie?

Für mich klingt Vero nach dem Hippiekind, das Instagram, Facebook, Twitter und Pinterest in einer durchfeierten Nacht miteinander gezeugt haben: jung, frisch, stylish, idealistisch ambitioniert, ein bisschen was von allem, was wir bisher so kannten, und dennoch irgendwie neu. Ich finde gerade die Vorstellung reizvoll, dass nicht irgendwelche Algorithmen darüber entscheiden, dass ich mir jetzt doch bitte dieses #OOTD anzuschauen habe oder dass ich diese Sneaker jetzt aber ganz, ganz dringend brauche und dass die Plattform ganz ohne eigene Werbung auskommt. Wir dürfen dabei jedoch nicht vergessen: Nur weil Vero selbst keine Werbung schaltet, heißt das noch lange nicht, dass keine stattfindet. Auch auf dieser Plattform wird die Berufsgruppe der Influencer*innen weiterhin brav ihr Waschmittel mit ins Bett nehmen, mit der elektrischen Zahnbürste am Pool chillen oder ganz casual mit einer Tafel Schokolade posieren – und dafür auch weiterhin von Firmen Geld einsacken. Und auch der Aspekt, dass auf Vero Käufe abgeschlossen werden können, die App quasi auch als eine Art Marktplatz fungiert, sollten wir nicht vergessen.

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Auch ein nettes und in meinen Augen durchaus sinnvolles Feature: Die Auswahl der Personengruppen, denen eure Postings angezeigt werden. Denn sind wir doch mal ehrlich: Jede*r kennt sie, diese Personen, die wir flüchtig oder entfernt beruflich kennen und die wir ganz sicher nicht der Kategorie „Freunde“ zuordnen würden. Dennoch gibt es diesen Schlag Mensch, der sich anscheinend nach dem Erstkontakt sofort hinters Smartphone klemmt und Freundschafts- oder Follow-Anfragen auf allen gängigen sozialen Netzwerken in die Welt hinausspuckt. Ich jedoch möchte auf gar keinen Fall, dass diese Personen sehen, welches Bild ich Sonntagmittag nach dem Aufstehen abgebe oder dass ich ein gefährliches Faible für alkoholische Mischgetränke mit Tequila habe. Bei Vero kann ich nun auswählen, ob meine Postings alle mit mir vernetzten Personen erreichen oder ob ich nur meinen engen Freund*innen die sonntäglich-verkaterte Knitterfresse mit dem Hinweis #iwokeuplikethis zeigen möchte. Vielleicht schafft Vero es ja, diese Hemmschwelle aufzubrechen.

Technische Probleme

Die App könnte außerdem ein weiteres Problem lösen, mit dem ich zu kämpfen habe: Überforderung. Ihr kennt das: Sonntagabend, Gesicht steht wieder halbwegs, und man liegt rum und will irgendwas angucken. Aber was ist denn irgendwas? Wenn ich dann auf Facebook poste: „Brauche Filmempfehlungen“, weiß ich genau, dass die Hälfte der Kommentare lauwarm-lustig ins Nichts führt und die andere Hälfte mir Filme empfiehlt, die ich entweder schon gesehen habe oder niemals sehen möchte. Besonders eifrig kommentieren meist übrigens weiter oben bereits erwähnten Personen aus der „Woher kennen wir uns nochmal?“-Kategorie. Auf Vero können auch Links, Bücher, Serien und Co. gepostet und unter Collections gesammelt werden. Ihr müsst also nicht länger die Schwarmintelligenz fragen, sondern könnt euch von den ungefragten Empfehlungen anderer User*innen inspirieren lassen.

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Generell ist Vero sehr visuell: Die App kommt durchgestylt-minimalistisch daher, die Benutzung erfolgt intuitiv und ist selbsterklärend. Ich habe mich relativ schnell reingefunden. Das größte Problem, das die App momentan hat und das eine Beurteilung nicht wirklich möglich macht: Die technischen Probleme nerven sehr. Bei mir hat die Anmeldung ewig gedauert, Postings wurden nicht hochgeladen, Chat-Nachrichten nur sehr, sehr langsam gesendet. Offensichtlich brauchen wir noch etwas Geduld mit dem neuen Social Network, das gerne eine Revolution sein möchte.

Make Social Networks social again?

Doch hält Vero, was es verspricht? Bleibt die App ihrem Motto treu und ist true social? Ich bin mir da nicht ganz so sicher, aber vielleicht ist es auch einfach zu früh. Denn soziale Netzwerke machen nur dann Spaß, wenn man wirklich sozial sein kann. Momentan hält sich die Anzahl der User*innen trotz des aktuellen Hypes noch in Grenzen, das eigene Netzwerk sieht entsprechend mickrig aus, und der Feed ist noch relativ überschaubar *insert tumbleweed here*. Doch vielleicht schafft Vero es, auch vermeintlich unwichtige Dinge, die nicht perfekt poliert und inszeniert daherkommen, wieder in den Fokus der sozialen Netzwerke zu rücken und das verstaubte Credo, man könne nur Dinge posten, die möglichst viele Likes absahnen, zu durchbrechen. Es lohnt sich in jedem Fall, die App mal herunterzuladen und auszuprobieren – wenn sie dann mal funktioniert.

Eine Frage hätte ich aber doch noch: Erinnert ihr euch noch an Ello?