Verwirrung um BKA-Bericht zu Hanau: Das Misstrauen migrantischer Communitys wächst

Das BKA soll die rechtsextreme Gesinnung des Täters von Hanau in einem Bericht schmälern – die Behörde dementiert. Was macht das alles mit jenen, die von Rassismus betroffen sind? Ein Kommentar

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Am 19. Februar wurden in Hanau neun Menschen bei einem rassistischen Anschlag ermordet. Foto: © David Gannon / AFP / Getty Images

Nach dem Terroranschlag von Hanau schien sich die deutsche Gesellschaft einig: Rassismus ist ein Problem mit realen Folgen. Dann berichteten Ende vergangener Woche WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung, dass das Bundeskriminalamt (BKA) an einem Abschlussbericht arbeitet, darin Rassismus nicht als ausschlaggebendes Tatmotiv nennt und den Täter nicht als Rechtsextremisten bezeichnet.

BKA-Präsident Holger Münch wies die Medienberichte am Dienstag auf Twitter zurück: Ein solcher Bericht existiere nicht, die Ermittlungen dauerten weiter an. Die Tat bewerte man als „rechtsextremistisch“, sie beruhe auf „rassistischen Motiven“.

Für mich ist die Angelegenheit jetzt schon zermürbend

Wie passt das alles zusammen? Gar nicht. Es heißt, der Täter habe mit Menschen mit Migrationsgeschichte in einer Fußballmannschaft gespielt und gelegentlich seinem Schwarzen Nachbarn geholfen. Ergo könne er kein Rechtsextremist gewesen sein. Das ist Unsinn: Jemand kann höflich und gleichzeitig rassistisch sein. Alles andere ignoriert die strukturelle Dimension von Rassismus.

Zu diesem Zeitpunkt ist nicht komplett nachvollziehbar, ob das BKA die rechtsextreme Gesinnung des Täters schmälert. Auf mich wirkt das Statement von Holger Münch eher wie versuchte Schadensbegrenzung. Doch solange keine handfesten Beweise in Form eines fertigen Abschlussberichts vorliegen, bleiben nur Spekulationen.

Das Letzte, was dieses Land braucht, sind Behörden, die das Problem Rassismus mit all seinen Facetten nicht ausreichend erkennen.

Egal wie das Ganze ausgeht: Für mich ist die Angelegenheit jetzt schon zermürbend. Es ist anstrengend, sich damit auseinanderzusetzen. Als von Rassismus betroffene Person wünsche ich mir gerade von den Behörden, die mit der Aufklärung solcher Gewalttaten betraut sind, eindeutige Zeichen. Nicht Irritationen wie diese.

Sie triggern mich. Sie wecken negative Erinnerungen an Zeiten, in denen Rassismus in Deutschland noch viel weniger ernst genommen wurde als heute.

Seit Hanau fühlen sich viele rassifizierte Menschen nicht mehr sicher und das Letzte, was dieses Land braucht, sind Behörden, die das Problem Rassismus mit all seinen Facetten nicht ausreichend erkennen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie gefährlich das sein kann. Denn oftmals ignorierten Ermittlungen zu rechten Straftaten die rassistischen Motive. So kann man zukünftige Taten nicht vorbeugen und wird den Opfern und Angehörigen nicht im Geringsten gerecht. Vor allem die Auswirkungen des Umgangs mit dem sogenannten NSU lösen in so einer Situation eine argwöhnische Abwehrhaltung in mir aus.

Dahinter steht die Angst, dass sich das Ganze wiederholen könnte. Dass auf polizeilicher Ebene immer noch nicht begriffen wurde, wie real die Gefahr durch Rassismus ist. Nicht ohne Grund, wenn man den Recherchen von WDR. NDR und SZ glaubt.

Ich bin davon ausgegangen, dass dieses Mal alles anders wird – wie naiv

Für mich und für viele andere in den sozialen Medien erschien das Ganze plausibel. Das zeigt vor allem eins: Es fehlt an Vertrauen in die Sicherheitsorgane dieses Staates. Viele Menschen aus migrantischen Communitys fühlen sich ohnehin von der Polizei im Stich gelassen oder gar bedroht. Man fragt sich, was noch geschehen muss, damit dort konsequent gegen Rassismus vorgegangen wird – auch in den eigenen Reihen.

Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis endlich etwas passiert?

Medienberichte wie diese fallen dann auf fruchtbaren Boden. Sie erfüllen Erwartungen, die eigentlich enttäuscht werden sollten. Sollte sich herausstellen, dass das BKA den Täter tatsächlich nicht als Rechtsextremisten, als Rassisten klassifiziert, würde das viele Vorbehalte, die gegenüber Ermittlungsbehörden gehegt werden, bestätigen.

Das Gefühl, alles vorhergesehen zu haben, lässt mich machtlos zurück. Wie viel lauter soll man noch schreien? Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis endlich etwas passiert? Ich bin wirklich davon ausgegangen, dass dieses Mal alles anders wird. Dass nach dieser schrecklichen Tat in Hanau niemand mehr die Augen vor dem Rassismusproblem Deutschlands verschließen könne. Dachte ich. Wie naiv.

Die weiteren Entwicklungen und Ermittlungen bleiben nun abzuwarten. Eines ist aber jetzt schon klar: Die ohnehin schon bestehende Kluft zwischen Teilen der Bevölkerung und den Sicherheitsbehörden ist größer geworden.