Video: Junge Union grölt Wehrmachtslied in Berliner Kneipe – und versucht sich jetzt rauszureden

Mitglieder der Jungen Union Limburg dachten, es sei eine gute Idee, am Jahrestag der Reichspogrome ein altes Wehrmachtslied zu singen. Ein Problem wollen sie nicht sehen.

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Mitglieder der JU Rheingau-Taunus und Limburg grölten den Westerwaldmarsch, den unter anderem Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg sangen. Screenshot: Twitter / Alexander Fröhlich

Die Junge Union (JU), die Jugendorganisation der CDU, ist in Erklärungsnot. Bei einem Ausflug von Mitgliedern aus Rheingau-Taunus und Limburg in die Hauptstadt lebten sie ihr Motto „Ein bisschen Spaß muss sein“ fragwürdig aus: In einer Kneipe im Berliner Stadtteil Moabit stimmten mehrere von ihnen am Abend des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht den Westerwaldmarsch an – ein Lied, das bei Soldaten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg beliebt war. Sie sangen es etwa beim Einmarsch in die Niederlande und Belgien.

Eine Künstlerin, die sich zuvor durch die grölenden JU-Mitglieder gestört gefühlt hatte, nahm die Szene auf Video auf. Die jüdische Frau hatte zuvor Blumen zum Gedenken an die deportierten Menschen niedergelegt, wie sie dem Tagesspiegel erzählte, der zuerst über den Vorfall berichtete. Laut ihr seien ihr die Jungpolitiker mehrfach durch Grölen und homophobe Sprüche aufgefallen, bevor sie das Lied sangen – durch das Video hätten sie sich bestärkt gefühlt.

Die Bundeswehr verbannte das Lied, das in der NS-Zeit beliebt war

Im Video zu sehen ist auch der 22-Jährige Vorsitzende der JU Limburg, Nils Josef Hofmann. Hofmann war vor seiner Zeit beim CDU-Jugendverband bei der AfD tätig – ein Umfeld, in dem Referenzen auf die NS-Zeit bekanntlich nicht unüblich sind. In einer Stellungnahme bestätigt die JU Limburg die im Video zu sehende Situation und versucht sich gleichzeitig aus der Affäre zu ziehen.

Der Vorfall in der Kneipe wird dort als „stimmungsvolle und ausgelassene“ Tagung am Ende eines eindrucksvollen Tages in der Bundeshauptstadt beschrieben. Das Lied sei in Hessen ein seit Jahrzehnten etabliertes und beliebtes Volks- und Wanderlied, das bei Kerbegesellschaften und Pfadfinder*innengruppen gesungen werde. Man fühle sich sehr mit Traditionen verbunden und könne aber gleichzeitig super feiern. „Wir bedauern, dass es nicht möglich ist, in einer Stadt, in der öffentliches Kiffen immer wieder toleriert wird, ein Deutsches Volks- und Wanderlied, mit dessen Text keinerlei politische Aussage einhergeht, zu singen“, heißt es weiter. Weitere Vorwürfe weise man als „Unwahrheiten“ zurück.

Ob ein Saufgelage am Gedenktag der Reichspogrome der richtige Kontext für das Lied ist, stellen die Mitglieder dabei offenbar nicht in Frage. Sie lassen jedenfalls die geschichtliche Vorbelastung außer Acht. Dass keine politische Aussage damit einhergehe, sieht zum Beispiel die Bundeswehr anders, die, unter anderem wegen diesem in der NS-Zeit beliebten Lied, 2017 ein Liederbuch verbannte, in dem es vorkam. „Dieses Lied ist das wohl bekannteste Lied der ehemaligen deutschen Wehrmacht“, stand darin. „Es sollte daher immer besonders sorgsam abgewogen werden, ob und wo dieses Lied durch Angehörige der Bundeswehr gesungen wird.“

Ursprung des Westerwaldmarschs

Das Lied soll in einem Lager des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) entstanden sein, wie Musikforscher*innen vermuten. Es sei anschließend 1935 zum Westerwaldmarsch komponiert worden. Bis 1945 war es sehr populär. Die erste Strophe:

Heute wollen wir marschier’n / einen neuen Marsch probier’n / In den schönen Westerwald, / ja da pfeift der Wind so kalt. / In den schönen Westerwald, / ja da pfeift der Wind so kalt.

Der FAD war ein Dienst für arbeitslose Menschen, die für gemeinnützige Arbeiten eingesetzt wurden. Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er instrumentalisiert und für militärische Bauarbeiten eingesetzt. Das Lied eignete sich dabei wohl aufgrund seiner Marschtauglichkeit. Sie sangen es bei verschiedenen Einmärschen.

Kritik aus dem Berliner Abgeordnetenhaus

Während der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch die Jungpolitiker in Schutz nimmt und dabei ebenfalls das Argument aufführt, das Lied sei eine traditionelle Liebeserklärung an die Heimat, kommt aus dem Berliner Abgeordnetenhaus Kritik.

„Am 80. Jahrestag der Novemberpogrome beliebte Wehrmachtslieder zu singen, macht mich fassungslos“, sagt die Grüne June Tomiak dem Tagesspiegel. Mitglieder der JU aus Berlin hätten in der Vergangenheit bereits für ähnliche Schlagzeilen gesorgt. Sven Kohlmeier von der SPD spricht von „ein paar Rechtsverirrten bei der Jungen Union, die es auch früher schon gegeben hat“. Sie spielen auf einen Vorfall bei der Berliner JU an: 2005 gab es auf einer Reise rechtsextreme Sprüche, Mitglieder zeigten sich mit Hakenkreuz.

Auch aus Teilen der JU gibt es Kritik. So fordert etwa ein Mitglied JU Berlin: „Das ist nicht meine JU! Ausschluss aus der Jungen Union!“

Ob der Vorfall Konsequenzen für die Mitglieder der Jugendorganisation hat, ist unklar. Der Sprecher der JU Hessen sieht zumindest großen Klärungsbedarf und sagt, der Fall werde „selbstverständlich aufgearbeitet“.