Video aus Chemnitz: Diese Menschen widersprechen dem Verfassungsschutzpräsidenten

Hans-Georg Maaßen sagte in einem Interview, er bezweifle die Echtheit eines Videos, in dem Menschen angegriffen werden. Recherche-Ergebnisse zeigen aber: Das Video ist echt.

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Aziz (Mitte) ist im Video rechts außen zu sehen, Barin steht links neben ihm. Fotos: Screenshot Antifa Zeckenbiss / ze.tt

Alihassan Sarfaraz, Aziz, wie ihn seine Freund*innen nennen, trägt am Freitagnachmittag markante schwarze Sportschuhe mit weißen Sohlen. Diese Information ist deshalb wichtig, weil er dieselben schwarzen Sportschuhe mit weißen Sohlen auch in einem Video trägt, das vergangene Woche viral ging – und dessen Echtheit jetzt von Hans-Georg Maaßen, Präsident des Verfassungsschutzes, angezweifelt wird. Aziz wird in dem Video von einem Mann über die Straße gejagt. ze.tt hatte Aziz ausfindig gemacht und über seine Geschichte berichtet. Am Freitagnachmittag treffen wir ihn noch einmal in Chemnitz. Diesmal bringt er seinen Freund Barin Afshar mit. Barin ist ebenfalls in dem Video zu sehen.

Hans-Georg Maaßen zweifelt in einem Interview mit der Bild, das am Freitag veröffentlicht wurde, an der Echtheit des Videos: „Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist.“ Er fügt hinzu: „Nach meiner vorsichtigen Bewertung sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken.“

Recherchen von ze.tt und unseren Kolleg*innen von ZEIT ONLINE zeigen jedoch: Das Video ist echt.

Der zweite Mann, der im Video vor Männern davonläuft, bestätigt Aziz’ Aussage

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Aziz steht ganz recht, in der Mitte des Bildes ist Barin zu sehen. Foto: Screenshot Antifa Zeckenbiss

Aziz hatte nach dem Vorfall am Mittwoch, den 29. August, eine Anzeige auf dem Polizeipräsidium in Chemnitz erstattet; wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung. Sein Smartphone ist am Bildschirm gesprungen, nachdem er mit einer Bierflasche angegriffen worden sei. Er war zu diesem Zeitpunkt mit zwei Freund*innen unterwegs: einer jungen Frau und Barin Afshar.

Barin Afshar bestätigt Aziz’ Aussage gegenüber ze.tt. Er selbst ist laut den Angaben der beiden Männer ebenfalls in dem fraglichen Video zu sehen, trägt darin eine kurze Hose, ein weißes T-Shirt und darüber eine Jeansjacke. Barin kam 2015 nach Deutschland. Wie Aziz musste auch er aus seiner Heimat, Mazar-e-Sharif, in Afghanistan, flüchten.

ze.tt stand am Freitag außerdem kurz mit der jungen Frau in Kontakt, die Aziz und Barin begleiten haben soll. Sie soll nach Angaben der beiden Männer kurz vor der Szene, die im Video zu sehen ist, Faustschläge ins Gesicht bekommen haben. Sie wurde erst am Freitag, elf Tage nach dem Angriff, aus dem Krankenhaus entlassen und wollte sich selbst zu dem Vorfall bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht weiter äußern.

Auch die Generalstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass im Video Aziz zu sehen ist

Dass das fragliche Video tatsächlich am Sonntag, den 26. August, in Chemnitz entstand, lässt sich leicht beweisen. Der Journalist Lars Wienand arbeitete unter anderem anhand der Plakate im Hintergrund auf, dass die Videos in Chemnitz aufgenommen wurden.

Zudem zeigt das Video, wie im Hintergrund ein Mann mit Sonnenbrille und einer um die Hüfte gebundenen türkisfarbenen Jacke durch das Bild läuft. Dieser Mann ist in zwei weiteren Videos zu sehen: in einem Video, das am 26. August um 20.18 Uhr auf Twitter hochgeladen wurde und in einem Video, das Aziz selbst vor dem Angriff filmte. Laut den Handydaten wurde es am 26. August auf der Bahnhofstraße aufgenommen, wo sich später auch der Angriff auf Aziz zugetragen hatte. Am Ende dieses Videos auch zu sehen, wie andere Menschen über die Straße gejagt werden.

Aziz ist fassungslos über die Aussage Maaßens, das Video, in dem der Angriff auf ihn zu sehen ist, sei eine Falschinformation: „Ich bin der Mann im Video, der angegriffen wurde. Das Video ist echt.“ Der Sprecher der sächsischen Generalstaatsanwaltschaft, die mittlerweile in dem Fall ermittelt, bestätigt das. Dort sieht man keine Anhaltspunkte dafür, dass das Video eine Fälschung sei. Gegenüber ze.tt sagte der Sprecher, das Video werde ernst genommen und in den Ermittlungen verwendet. Die Generalstaatsanwaltschaft geht zudem davon aus, dass der verfolgte Mann im Video Aziz ist. Sie widerspricht damit der Aussage Maaßens.

Warum trifft Maaßen so eine Aussage?

Die ursprüngliche Quelle für das Twitter-Video ist weiterhin unbekannt. ze.tt steht allerdings in Kontakt mit der Antifa-Gruppe Zeckenbiss, die es hochgeladen hatte. Laut dieser sei es zuerst in einer Telegram-Gruppe mit dem Namen „Bewegwas Deutschland“ aufgetaucht. Wie Screenshots zeigen, heißt der User, der es hochgeladen hatte, Oliver. Ob dieser User gleichzeitig auch derjenige ist, der das Video filmte, ist unklar.

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Das Video tauchte in einer Telegram-Gruppe namens „Bewegwas Deutschland“ auf und wurde dort von einem User hochgeladen, der Oliver heißt. Screenshots: Antifa Zeckenbiss

Die Aussagen von Aziz und Barin, sowie alle bisher vorgenommenen Auswertungen des Videos von der Generalstaatsanwaltschaft und Medien zeigen, dass es sich bei der Aufnahme um keine Fälschung handelt. Aziz wurde angegriffen, so wie es an diesem Tag auch weitere Angriffe auf Menschen gab. Wie der Tagesschau-Journalist Patrick Gensing recherchierte, wurden am 26. und 27. August insgesamt 140 Anzeigen registriert.

Aziz und Barin stellen sich am Freitag deshalb kopfschüttelnd die Frage: „Warum sagt der Verfassungsschutzpräsident so etwas?“ Eine Antwort darauf gibt es nicht, nur weitere Fragen. Zum Beispiel, warum der Verfassungsschutzpräsident diese Bedenken der Bild mitteilt – und nicht der Bundeskanzlerin, die die Menschenjagden kürzlich verurteilt hatte. Oder, ob ein Präsident eines Geheimdienstes, der selbst Fehlinformationen lanciert, noch tragbar für diese Position ist.