Videokonferenzen: Nur, weil wir uns im Kapuzenpulli kennen, sind wir keine Kumpels

In Videokonferenzen sehen wir Dinge von Vorgesetzten und Kolleg*innen, die wir vorher nicht kannten – und vielleicht auch lieber gar nicht kennen würden. Wie wirkt sich das langfristig auf die Zusammenarbeit im Job aus?

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Zu viel Privates zu zeigen, kann das Miteinander im Job nachhaltig beeinflussen. Foto: Daria Nepriakhina / Unsplash | CC0


Woche X der Pandemie im Homeoffice. Woche X der Videokonferenzen. Jede*r weiß inzwischen, dass der*die Chef*in ein Sexpistols-Poster im Arbeitszimmer hat und der*die Kolleg*in nur einen einzigen Hoodie, dass Bernd aus der Buchhaltung komplett im Bann seiner Katze Minki steht und Aileen den FC St. Pauli liebt. Wir sehen uns mit ungewaschenen Haaren, manchmal ohne Hose und im privaten Umfeld – zumindest in Teilen davon.

Es ist paradox: Obwohl seit Ausbruch der Corona-Pandemie diejenigen von uns, die können, nicht mehr räumlich zusammenarbeiten, kommen wir uns näher. Durch Videokonferenzen wird die Trennung zwischen privat und beruflich jeden Tag ein Stückchen mehr aufgeweicht. Wir sehen Dinge, von denen wir vorher keine Ahnung hatten. Aber was macht das langfristig mit uns?

Videokonferenzen offenbaren Privates

Gar nicht so wenige Menschen haben eine Art Alter Ego im Job, zeigen sich besonders professionell, besonders sachlich, eher verschlossen, durchsetzungsfähig, zielstrebig, gewissenhaft, zurückhaltend – je nachdem. Oftmals ist so ein Image über Jahre hinweg aufgebaut und gepflegt worden. Und manchmal sind diese Menschen privat doch ziemlich anders.

Durch die Arbeit im Homeoffice und die damit einhergehenden Videokonferenzen funktioniert die Trennung von Job und Privatem nicht mehr so einfach und das sorgsam gepflegte Image beginnt mitunter zu bröckeln. Beispielsweise, wenn sich jemand ohne IT-Support als erstaunlich technikscheu entpuppt, wenn private Details wie Familienbeziehungen und -interaktionen, Wohnsituation und persönliche Vorlieben offenbart werden oder auch nur, wenn irgendwer im Homeoffice schlicht erheblich anders aussieht – Kapuzenpulli, Dutt und Dreitagebart statt Büro-Outfit.

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Das muss aber nicht zwingend etwas Schlechtes sein. Ein entscheidender Faktor dafür, wie wir das Gesehene wahrnehmen und es unsere Einstellung beeinflusst, ist unsere vorherige Kenntnis der entsprechenden Seiten von Kolleg*innen und Chef*innen. Je weniger wir wissen, desto stärker der Effekt.

„Inwieweit es unsere Einstellung zu der Person verändert, hängt auch davon ab, inwieweit die Dinge oder Verhaltensweisen, die wir sehen, uns berühren“, erklärt die Berliner Karriereberaterin und Coachin Petra Barsch.

Dadurch kann sogar Nähe entstehen – vorausgesetzt, was wir sehen, sagt uns zu und stimmt mit unserem eigenen Weltbild überein. „Mag ich die Sexpistols, wird mir die Person sympathischer oder ich nehme mir vor, mal mit ihr*ihm darüber zu sprechen, auch wenn ich ihn*sie bisher vielleicht nicht so gut kannte“, sagt Petra Barsch.

Außerdem auf ze.tt: So unterschiedlich arbeiten Menschen weltweit

Wir sehen die private und menschliche Seite und das kann sich durchaus langfristig positiv auf die Zusammenarbeit auswirken, weil es uns einander näher bringt, wir Gemeinsamkeiten entdecken und dadurch bonden.

Andererseits kann das, was wir in Videokonferenzen von Kolleg*innen und Vorgesetzten mitbekommen, uns auch stutzig machen und unser Bild von der Person arg negativ beeinträchtigen. „Geht mir das, was ich sehe, gegen den Strich – zum Beispiel Anschreien der Kinder – bekommt mein Verhältnis zu der Person einen Knacks oder schlimmer, das Ansehen sinkt“, meint Petra Barsch. „Wenn ich Einblicke bekomme, die unsympathisch oder abstoßend auf mich wirken, kann das zu einer ablehnenden Haltung führen oder zu Respektverlust.“

Nahbar versus unprofessionell

Völlig egal, wie lange das Team im Homeoffice zusammenarbeitet und wie viele Videokonferenzen in Jogginghose und Kapuzenpulli abgehalten werden – es ist immer noch ein professionelles Umfeld, es ist immer noch der Job und kein Chat mit Freund*innen.

Das sollten wir nicht vergessen, mahnt Expertin Petra Barsch: „Wenn man sich zu leger, zu familiär oder zu unprofessionell oder komplett anders als sonst zeigt – das heißt nicht, wenn im Homeoffice mal das Kind dazwischen winkt, sondern wenn jemand ungekämmt im Schlafanzug vor einem unaufgeräumten Hintergrund sitzt – ist das respektlos und besser zu vermeiden.“

Außerdem sei es laut der Beraterin wichtig, gerade in Videokonferenzen bewusst auf einen respektvollen Umgang miteinander zu achten und Kommunikationsregeln aufzustellen und einzuhalten. Es gehen dabei nämlich mitunter wichtige nonverbalen Kommunikationssignale verloren. Zudem ist die Situation für die Mehrheit der Beteiligten neu und unter Umständen anstrengend und belastend. Auch Konflikte lassen sich nicht mal eben so in der Teeküche ausräumen und können deshalb länger unterschwellig vor sich hinschwelen.

Letztlich kann durch Videokonferenzen ein Gefühl falscher Kumpelhaftigkeit entstehen – dann nämlich, wenn „zugelassen wird, dass Professionalität in der Kommunikation, Präsentation der Person und des Umfeldes nicht mehr so wichtig genommen werden“, sagt Petra Barsch.

Wenn man sich zu leger, zu familiär oder zu unprofessionell oder komplett anders als sonst zeigt, ist das respektlos und besser zu vermeiden.

Karriereberaterin Petra Barsch

Spätestens bei der Rückkehr an den physischen Arbeitsplatz wird dann klar: Nur, weil wir uns im Kapuzenpulli kennen und die gleichen Bands oder Vereine mögen, sind wir immer noch hauptsächlich Kolleg*innen oder Mitarbeiter*innen und Vorgesetzte – und eben keine besten Freund*innen.

Was zeigen – und was nicht?

Dennoch kann die Verwischung der Grenze von Privat und Beruf sich langfristig eher positiv auf die Zusammenarbeit auswirken – wenn dabei ein paar Dinge beachtet werden.

Dazu gehört, in der Online-Kommunikation die gleichen Grundsätze einzuhalten wie im echten Leben, respektvoll miteinander umzugehen. Und sich auch vor Videokonferenzen einmal kurz Gedanken machen, was wir eigentlich zeigen wollen und was vielleicht auch eher nicht. „Einblicke in das Privatleben genau überlegen – was will ich wie weit preisgeben und was kann die Konsequenz davon sein?“, sagt Petra Barsch.

Dabei sei es vor allem für Führungskräfte wichtig, keine Einblicke in Bereiche zuzulassen, die zu Respektverlust führen könnten. Wobei der Rahmen, in dem sich das bewegt, natürlich durchaus branchenabhängig ist. Ein bisschen Spaß darf ruhig mal sein und gehört in schweren Zeiten dazu:

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Wir werden früher oder später in den professionellen Alltag ohne tägliche Videokonferenzen, Kapuzenpulli und Katzenalarm zurückkehren, aber es wird laut Expertin eine etwas andere Professionalität sein: „Sie wird, wenn alles gut geklappt hat, vertrauensvoller sein und offener füreinander machen. Denn die Einblicke, die gegeben wurden, verschwinden in der Offlinewelt nicht, sie wirken nach.“

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