„Viele ungewollt Schwangere in Polen sind aktuell sehr verzweifelt“

Seit vergangener Woche gilt in Polen ein faktisches Abtreibungsverbot. Die Gruppe Ciocia Basia aus Berlin organisiert für Pol*innen sichere Abbrüche in Deutschland.

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In Polen gilt seit vergangener Woche ein faktisches Abtreibungsverbot. Foto: © Wojtek Radwanski / AFP / Getty Images

Seit Tagen demonstrieren in Polen Tausende Menschen für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Grund ist die Entscheidung des polnischen Verfassungsgerichts von vergangener Woche, das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch zu verschärfen. Bis dahin war ein Abbruch legal, wenn die Schwangerschaft das Ergebnis einer Vergewaltigung ist, das Leben oder die Gesundheit der schwangeren Person gefährdet oder das ungeborene Kind schwere Fehlbildungen aufweist. Nun entschieden die Richter*innen, dass ein Schwangerschaftsabbruch auch dann illegal und verfassungswidrig ist, wenn der Fötus schwer geschädigt ist.

Dabei ist das laut Statistik des polnischen Gesundheitsministeriums der mit Abstand häufigste Grund für eine Abtreibung: 2019 wurden von insgesamt 1.100 Schwangerschaftsabbrüchen 1.074 mit Fehlbildungen des ungeborenen Kindes begründet. Das polnische Abtreibungsrecht zählt ohnehin zu den strengsten in Europa.

Die Berliner Gruppe Ciocia Basia (zu Deutsch: Tante Barbara) hilft seit 2015 jenen, die in Polen keinen Zugang zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch haben. Als Teil des europäischen Netzwerks Abortion Without Borders bieten die Mitglieder Beratung an, verschicken Pillen für medikamentöse Abbrüche, organisieren operative Eingriffe in Deutschland und anderen europäischen Ländern und unterstützen wenn nötig auch finanziell. Im Gespräch mit ze.tt spricht Anne Pfautsch von Ciocia Basia darüber, wie es den Menschen gerade geht, die bei ihnen Hilfe suchen, und was sie für jene befürchtet, denen sie nicht (rechtzeitig) helfen können.

Frau Pfautsch, vergangene Woche hat das polnische Verfassungsgericht entschieden, dass Schwangerschaftsabbrüche auch dann illegal sind, wenn der Fötus schwere Fehlbildungen hat. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Anne Pfautsch: Es ist eine Flut an Menschen, die uns anruft. Viele ungewollt Schwangere in Polen sind aktuell sehr verzweifelt. Menschen, die dort schon einen Termin für eine legale Abtreibung hatten, wurde dieser nun abgesagt. Dementsprechend haben wir es gerade sehr viel mit Spätabbrüchen nach der 14. Schwangerschaftswoche zu tun.

Viele rufen auch vorsorglich an, um sich zu informieren und sicherzugehen, dass unsere Nummern funktionieren, damit sie wissen, was sie tun können, für den Fall, dass sie ungewollt schwanger werden. Das ging schon mit der Corona-Krise und den Reisebeschränkungen los und dauert natürlich an. Je nach den aktuellen Einreisebestimmungen stellt sich für uns auch die Frage, wohin wir Menschen für einen Spätabbruch schicken können – in der Regel nach Großbritannien, die Niederlande, Belgien oder Spanien.

Sind Sie auf die Menge von Anfragen vorbereitet?

Jein. Wir haben alle gehofft, dass dieses Gesetz nicht verabschiedet wird, dass es nicht so weit kommt. Vielleicht sind wir deshalb auch etwas überrascht von der Menge, die nun auf uns einprasselt. Schon mit Beginn der Pandemie hat sich die Anzahl der Anfragen für Pillen für einen medikamentösen Abbruch und der Menschen, die für operative Eingriffe zu uns kommen, verdoppelt. Früher waren es zwei bis drei pro Woche für die Pillen und drei bis vier für einen operativen Eingriff; heute sind es drei bis fünf beziehungsweise sieben bis acht. Das ist ziemlich viel; bei Ciocia Basia arbeiten alle ehrenamtlich.

Welche Hilfe können Sie ungewollt Schwangeren in dieser Situation anbieten?

Wenn uns eine Person kontaktiert, verweisen wir sie bis zur achten Woche zunächst an Women Help Women, wo sie die Pillen für einen medikamentösen Abbruch bestellen kann, die dann zu ihr nach Hause geschickt werden. Wenn die Person nach Berlin kommen will, begleiten wir sie zur*m Ärzt*in und sie nimmt die erste Pille hier ein und die zweite dann zu Hause. Wenn es um einen operativen Eingriff geht, holen wir die Person ab, stellen ihr eine Unterkunft, begleiten sie in die Klinik und übersetzen. Und wir helfen auch finanziell aus, wenn nötig.

Woher kommen die Gelder?

Über Spenden. Menschen unterstützen uns, indem sie unter anderem Soli-Partys veranstalten und dort für uns sammeln, und wir haben eine Kampagne auf GoFundMe gestartet.

Reicht das aus?

Nein. Seit der Gründung von Ciocia Basia 2015 haben wir viel Öffentlichkeitsarbeit geleistet, Flyer und Sticker verteilt. Wir bekommen mittlerweile Anfragen von Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten Polens und auch abseits der Ballungszentren. Viele von ihnen können nicht den vollen Betrag für einen Abbruch zahlen. Wir schicken aber niemanden weg. Unser Anspruch ist es, allen Menschen zu helfen, die uns darum bitten.

Nur weil dieses Gesetz verabschiedet wurde, heißt das nicht, dass Abtreibungen nicht stattfinden. Es heißt einfach nur, dass ein Zugang zu sicheren Abbrüchen nicht mehr gewährleistet ist.

Anne Pfautsch, Ciocia Basia

Ihre Arbeit ist legal, aber vermutlich nicht ganz ungefährlich.

Es gibt immer wieder Hassmails und Drohungen von polnischen Politiker*innen oder von Ordo Iuris, einer ultrakatholischen Organisation in Polen, die gegen Abtreibungen und die Rechte von LGBTIQA-Menschen kämpft. Das sind auch die Organisator*innen der sogenannten LGBT-freien Zonen in Polen. Immer wieder versuchen sie, Menschen zu verklagen, bis jetzt scheitern sie. Einige meiner polnischen Kolleg*innen geben deshalb auch keine Interviews und wollen nicht namentlich genannt werden. Sie wissen nicht, was der polnische Staat sich noch einfallen lässt.

Generell ist Ciocia Basia ja aber in Deutschland aktiv und somit gelten für uns deutsche Gesetze. Wir erfahren sehr viel Unterstützung von Beratungsstellen und auch von Gynäkolog*innen, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Sie halten uns zum Beispiel Termine frei, weil in vielen Fällen die Zeit drängt.

Was wird womöglich aus den Menschen in Polen, denen Sie nicht helfen können?

Ich befürchte, dass sie entweder dazu gezwungen werden, Kinder auszutragen, die sie nicht austragen wollen, oder dass sie sich für eine unsichere Abtreibung entscheiden. Das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass Menschen unfruchtbar werden oder sterben. Davor habe ich wirklich Angst.

Was man sich immer wieder klarmachen muss ist: Nur weil dieses Gesetz verabschiedet wurde, heißt das nicht, dass Abtreibungen nicht stattfinden. Es heißt einfach nur, dass ein Zugang zu sicheren Abbrüchen nicht mehr gewährleistet ist. Wir hatten auch zuvor schon vermehrt mit Spätabbrüchen zu tun, weil in Polen jede*r Ärzt*in sich aus ethischen Gründen dagegen entscheiden konnte, eine Abtreibung aufgrund einer schweren Fehlbildung des Fötus durchzuführen. Das haben etliche auch getan.

Was dieses Urteil einmal mehr zeigt, ist, dass wir in einem patriarchalen System leben, in dem weiße Männer entscheiden, dass Frauen nicht das Recht haben über ihren Körper zu entscheiden.

Anne Pfautsch, Ciocia Basia

Seit Tagen gibt es Kundgebungen in Polen, für Mittwoch wurde zu einem landesweiten Streik aufgerufen. Glauben Sie, dass die Proteste etwas bewirken können?

Ich habe gestern mit einer Freundin darüber gesprochen und gesagt: Nein. Ich wünsche es mir, weil ich glaube, dass das der einzige Weg ist, auf sich aufmerksam zu machen und diese Proteste, die europaweit stattfinden, wahnsinnig wichtig sind, um Solidarität zu demonstrieren. Aber ich glaube auch, dass der polnische Präsident Andrzej Duda sich davon nicht beeindrucken lassen wird. Was dieses Urteil einmal mehr zeigt, ist, dass wir in einem patriarchalen System leben, in dem weiße Männer entscheiden, dass Frauen, aber auch BIPoC und LGBTIQ-Menschen, nicht das Recht haben über ihren Körper zu entscheiden.

Könnte dieses Urteil Signalwirkung haben?

Ich denke, dass Polen in dieser Hinsicht ein besonderer Fall ist, weil die katholische Kirche hier so stark ist. Was wir aber nicht vergessen sollten: Auch in Deutschland, das sich gern als Herzstück der Europäischen Union begreift, stehen Schwangerschaftsabbrüche im Strafgesetzbuch.

Anti-Choice-Gruppen, die gegen das Recht auf Abtreibung arbeiten, sind global sehr gut vernetzt und zum Teil auch sehr gut finanziell aufgestellt, weil sie zum Beispiel von der Kirche mitfinanziert werden. Diese Menschen setzen sich nicht nur für ein komplettes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen ein, sondern sprechen auch LGBTIQA-Menschen ihre Rechte ab. Was stoppt sie in Polen nach sogenannten LGBT-freien Zonen und der Verschärfung des Verbots von Schwangerschaftsabbrüchen als Nächstes eine Verfolgung dieser Menschen anzustreben? Das macht mir Angst.

Was würden Sie sich für Ihre Arbeit wünschen?

Eine Abtreibung ist für mich erst mal nicht emotional oder kontrovers, und es ist auch nichts, worüber Politiker*innen zu entscheiden haben. Es ist ein fundamentales Recht, das jede*r haben sollte. Wenn wir das Thema emotional aufladen, trägt das nicht dazu bei, dass Abtreibungen irgendwann legal sein werden.

Die Art, wie wir bei Ciocia Basia damit umgehen, ist sehr nüchtern. Ein Mensch kontaktiert uns und bittet um Hilfe für einen Abbruch und wir organisieren das. Das ist alles. Wir fragen nie, warum sich jemand für eine Abtreibung entscheidet oder in was für einer Situation die Person ist. Eine Klientin hat mir erzählt, dass sie, als sie in Polen zu Abtreibungen googelte, nur in Foren landete, die einem mit der Hölle drohen oder vorwerfen, Mord zu begehen. Bei Ciocia Basia habe sie hingegen das Gefühl, einer Freundin gegenüber zu sitzen. Für sie sei es unfassbar toll zu wissen, dass es Menschen gibt, die einen nicht verurteilen und einfach da sind. Das hat wiederum mich sehr berührt. Deshalb machen wir diese Arbeit.