Vier Frauen erzählen, was sie bei der Geburt ihres ersten Kindes erlebt haben

Viele werdende Eltern erleben nicht die Geburt, die sie sich vorher vorgestellt haben. Vier Frauen berichten von ihren Erfahrungen.

Vier Frauen erzählen, was sie bei der Geburt ihres ersten Kindes erlebt haben
Die Geburt des ersten Kindes läuft für viele Frauen anders als gedacht. Foto: Kevin Liang / Unsplash | CC0

Die Probleme in der Geburtshilfe sind bekannt: Immer mehr Kreißsäle auf dem Land oder in kleineren Städten schließen, der Hebammenmangel führt dazu, dass viele Frauen während der Geburt nicht mehr gut betreut werden können. Gerade Leute, die in dem Bereich arbeiten, sehen die Lage teils dramatisch: An manchen Tagen, so schildert es eine Hebamme in diesem Interview, sei es während ihres Diensts in der Klinik einfach nur Glück, wenn alles gutgehe.

Viele Frauen erleben nicht die Geburt, die sie sich vorher vorgestellt haben. Denn eine Geburt kann viele Verläufe nehmen: Eine blitzschnelle Geburt ohne irgendwelche Komplikationen? Ein Kaiserschnitt, auch wenn man sich so sehr eine spontane Geburt gewünscht hat? In diesem Text erzählen vier Frauen von ihren ganz unterschiedlichen Geburtserlebnissen.

Sehr schnelle Geburt: Regine, bei der Geburt 34

„Meine Ängste vor der Geburt drehten sich vor allem um Fragen wie: Schaffe ich das, halte ich durch, halte ich die Schmerzen aus – und natürlich: Wird es meinem Kind dabei gutgehen und es gesund auf die Welt kommen? Was mir enorm geholfen hat, um Vertrauen in mich zu bekommen und emotional gestärkt in den Prozess zu gehen, war ein Hypnobirthing-Kurs. Statt ins Unbekannte zu springen, habe ich in der Vorbereitung durch Meditation und Übungen ein Bild bekommen von der Geburt an sich, und von meiner eigenen Kraft und meinen Möglichkeiten. Und doch kam es auch bei mir anders als geplant.

Nach einigen Stunden Wehen, die ich zu Hause gut alleine durchstehen konnte, sind wir, als es gefühlt Zeit wurde, ins Krankenhaus gefahren. Zehn Minuten nach der Ankunft im Aufnahmezimmer hatte ich einen Blasensprung, dem direkt Presswehen folgten. Damit war ich erst völlig überfordert und der Satz der herbeigeeilten Hebamme, dass ich mich jetzt schneller verabschieden müsste als vielleicht gedacht, machte mich auch ein wenig traurig. Eine Stunde später, nach einem Raumwechsel in den Kreißsaal in einer Wehenpause, und einem unangekündigten Dammschnitt – den ich gespürt habe, aber das war nicht wirklich schmerzhaft – war meine gesunde Tochter auf der Welt.“

Geplanter Kaiserschnitt, obwohl eine vaginale Geburt gewünscht wurde: Susann, bei der Geburt 34

„Wenn ich mich an meine Schwangerschaft erinnere, dann tue ich das mit einem Lächeln im Gesicht. Nach ein paar erinnerungswürdigen Anekdoten rund um spontanes Übergeben in der Innenstadt lief alles ziemlich reibungslos. Ich fühlte mich gut. Ich arbeitete bis kurz vor Geburt. Die Ärzt*innen waren alle zufrieden. Und als großes Plus hatte ich eine wundervolle Beleghebamme an meiner Seite. Durch sie habe ich die Angst vor der Geburt verloren und selbst eine Hausgeburt konnte ich mir mehr und mehr vorstellen. Auf jeden Fall sollte es eine natürliche Geburt werden.

Genau eine Woche vor dem Entbindungstermin drehte sich alles um: Streptokokken B: positiv. Richtige Position des Kindes: negativ. Etliche Einläufe, Besuche beim Osteopathen und Termine in der Klinik später war klar: In zwei Tagen wird mein Sohn per geplantem Kaiserschnitt zur Welt kommen müssen. Da war ich fünf Tage über dem errechneten Termin und nervlich zwischen Vorfreude und Angst gefangen. Irgendwie fühlte es sich so an, als hatte ich die Erwartungen an mich selbst nicht erfüllt. Alle reden von den Stunden des Kämpfens und dann der Erlösung. Die Internet-Foren rund um die Defizite von Kaiserschnittkindern reichen von Oxytocin- also Kuschelhormon-Mangel bis Immunstörungen. Wer einen Kaiserschnitt haben wird, sollte sich diese Recherche dringend ersparen.

Am Tag der Geburt wurden mein Freund und ich um neun Uhr morgens zu Hause von unserer Hebamme abgeholt. In der Klinik warteten wir gemeinsam in einem kleinen Raum. Alles verzögerte sich. Eine andere Frau hatte Nachblutungen. Nicht nur, dass ich gleich Mama werden würde: Ich stand auch vor meiner ersten Operation. Mein Puls stieg also stündlich. Als mich die OP-Schwestern abholten und in den OP brachten, verschwimmt meine Erinnerung. Die Nadel im Rücken für die Spinalanästhesie berührte einen Nerv, der mein Knie elektrisierte – also nochmal von vorn. Ich dachte immer, nach dieser Spritze sei man wie gelähmt, und ich erinnere mich, wie ich den Ärzt*innen zurufe: ‚Ich kann meine Beine noch bewegen.‘ Die versicherten mir aber, dass sie mich gerade in den Bauch piksen und ich das ja offenbar nicht spüre. Mir war übel. Alle paar Minuten habe ich zur Narkoseärztin gesagt, dass ich vermutlich gleich ohnmächtig werde. Sie wusste das mit etwas Adrenalin zu verhindern.

Und mein Mann versuchte die Anspannung mit dem Reden über Essen – ich war ja inzwischen seit 20 Stunden nüchtern – zu lösen. Tatsächlich konnte ich erst loslassen, als Caspar direkt nach der Entbindung auf mir lag – denn in der Klinik, in der ich entbunden habe, werden die Babys auch direkt nach einem Kaiserschnitt zum Kuscheln der Mutter auf den Bauch gelegt. Das ist nicht in jeder Klinik so. Auf das Zunähen habe ich mich nicht mehr konzentriert. Nur die Untersuchung von Caspar dauerte lange, und in diesem Moment begannen sie – die Sorgen einer Mutter. Als wir zurück in unserem Vorbereitungszimmer waren, Caspar das erste Mal von mir gestillt wurde, kam die Nachricht: Die B-Streptokokken wurden im Nabelschnurblut gefunden. Auch hier empfehle ich keine Internetrecherche. Eine Blutabnahme und vier Stunden später erst die Erleichterung: alles in Ordnung.“

Eingeleitete Geburt: Julia, bei der Geburt 30

„Wie will ich gebären? Als meine Hebamme mich etwa in der zehnten Woche fragte, ob ich schon wisse, wo ich das Kind bekommen will, war ich überfordert. Nach einigen Überlegungen entschieden sich mein Freund und ich dann für ein Geburtshaus und hatten Glück: Wir bekamen einen Platz. In den nächsten Monaten reifte dann bei uns die Idee, unser Baby zu Hause zu bekommen, da der Geburtstermin im Dezember war. Die Aussicht, wenige Stunden nach der Geburt eventuell in Schnee und Eis mit einem Taxi zurück zu unserer Wohnung fahren zu müssen und dort in den fünften Stock zu steigen, klang nicht besonders reizvoll. Woche für Woche hatte ich mehr Vertrauen in meinen Körper und meine Hebamme – ich freute mich auf die Hausgeburt, hoffte, die Nachbar*innen würden die Geräuschkulisse gut wegstecken und nicht die Polizei rufen, wir kauften einen Satz roter Handtücher und kümmerten uns um einen Geburtspool.

Dann wurde bei mehreren Terminen bei meiner Gynäkologin klar, dass mein Baby nicht so schnell zunahm, wie es sollte. Das Fruchtwasser nahm ab. Alles deutete daraufhin, dass die Plazenta schlechter arbeitete und wir konnten von außen nicht wissen, wann sie das Baby nicht mehr versorgen konnte. Ich musste nun häufiger zum CTG. Nach jedem Termin bei der Ärztin war ich ängstlich, nach jedem Termin mit meiner Hebamme schwand diese Angst ein wenig. Laut meiner Hebamme sprach nichts gegen eine Hausgeburt.

Ich hatte Angst vor einer Geburt im Krankenhaus. Zu viele Frauen in meinem Umfeld hatten dort schlechte Erfahrungen gemacht. Interventionskaskaden, ruppige Behandlungen unter der Geburt, traumatische Kaiserschnitte. Wir holten schließlich an einem Freitagmorgen im Krankenhaus unserer Wahl, das einen Hebammen-geleiteten Kreißsaal hat, eine Zweitmeinung ein. Die Gynäkologin war sehr verständnisvoll, im Gegensatz zu meiner Ärztin machte sie mir keine Angst. Sie erzählte, ihre beiden Kinder selbst in einer Hausgeburt entbunden zu haben, verurteilte mich nicht für meinen Wunsch. Sie riet jedoch dazu, die Geburt nun einzuleiten, weil sie nicht einschätzen konnte, wie kräftig mein Baby war und wie gut die Versorgung im Bauch für es aktuell war. Das war vier Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Wir sollten gleich da bleiben. Mein Freund fuhr nach Hause, um Sachen zu holen.

Ich hatte Angst vor einer Geburt im Krankenhaus. Zu viele Frauen in meinem Umfeld hatten dort schlechte Erfahrungen gemacht.

Die Hebammen, die mich im Kreißsaal in Empfang nahmen und das weitere Vorgehen erklärten, waren alle sehr nett und nahmen sich Zeit, meine Fragen zu beantworten. Neben dem einleitenden Medikament setzte mir ihre ‚Nadel-Expertin‘, wie sie sie nannten, Akupunkturnadeln ins Ohr, die geburtsunterstützend wirken sollten. Nichts geschah. Das CTG schlug nicht aus, nicht mittags, nicht nachmittags, nicht abends. ich fühlte mich körperlich wie immer. Ich hatte Panik, auf die Einleitung der Wehen würde die berüchtigte Interventionskaskade folgen. Ich entschloss mich, nicht zu googeln. Vor dem Schlafengehen bekam ich kein weiteres Medikament.

Am nächsten Morgen wurde ich von Wehen geweckt, die rasch unangenehm wurden. Mein Körper hatte auf die Einleitung angesprochen, ich brauchte keine weiteren Mittel an diesem Samstagmorgen, um die Geburt in Gang zu setzen. Die Hebammen sagten mir, ich könnte um 9 Uhr in die Badewanne, um mich ein wenig zu entspannen. Bevor ich dort hineinstieg, war der Muttermund bei drei Zentimetern, als ich etwa 40 Minuten später wieder hinauskletterte – mein Freund und die Hebamme mussten mir helfen, so stark waren die Schmerzen – war der Muttermund bereits bei acht Zentimetern. Das Bad hatte die Wehen erst richtig ins Rollen gebracht.

Wir wechselten in eines der Zimmer im Kreißsaal. Ich fand keine Position, in der sich die Wehen wirklich gut veratmen ließen, am besten ging es mir auf allen Vieren. Irgendwann kam die Hebamme herein und sagte zu mir: ‚Sie schreien anders. Ich schau mal, wie weit Sie sind. … Legen Sie mal ihr Bein auf meine Schulter, das Baby muss noch um die Kurve.‘ Ein, zwei Wehen später sagte sie zu meinem Freund: ‚Ich kann die Haare sehen. Es hat Ihre Haarfarbe. Fühlen Sie mal!‘ Die Hebamme holte eine große Flasche Öl und goss es großzügig über meinen Schritt. Nach zwei Wehen war mein Baby da. Es war 11.40 Uhr. Keine fünf Stunden, nachdem die Wehen mich geweckt hatten. Mein Freund hatte später einen riesigen blauen Fleck an seinem Oberarm, den ich ihm bei den letzten Wehen mit meiner Hand gequetscht hatte. Mein Baby war da: Zart, mit einem schwarzen Schopf, topfit, unglaublich niedlich. Es begann nur wenige Augenblicke später das erste Mal an meiner Brust zu trinken. Die Erfahrung in diesem Krankenhaus hat viele meiner Vorurteile entkräftet, auch wenn ich in den Wochen und Monaten danach über die Berichte von Freundinnen das Gefühl bekam, dass wir großes Glück mit unserer Geburt gehabt haben.“

Traumatische Geburt: Lena, bei der Geburt 31

„Die Schwangerschaft mit meinem ersten Kind war völlig unkompliziert, mir ging es gut und ich freute mich auf die Geburt. Erstmal lief alles ganz normal, ich hatte einen Blasensprung und bin in die Klinik gefahren, dort wurden die Wehen immer stärker. Ich bin mit der Hebamme, die mich betreut hat, überhaupt nicht klar gekommen, sie war ruppig und unverschämt. Als ich in der Badewanne lag, sagte sie tatsächlich: ‚Raus jetzt, der Chefarzt kommt gleich zur Untersuchung und der wird grantig, wenn sie dann noch nackig sind‘ – da hab ich sie fast auslachen müssen, denn was sollte für den Chefarzt der Geburtshilfe normaler sein als eine nackte Frau?

Später, als ich keine Netzunterhose anziehen wollte, weil ich das Gefühl hatte, ich wollte unten frei sein, sagte sie: ‚Anziehen jetzt, sonst gibt es gleich eine Riesensauerei‘ – ich verlor ja viel Fruchtwasser. Ich konnte diese Frau wirklich nicht mehr ernst nehmen, fühlte mich wie ein kleines ungehorsames Mädchen behandelt, fragte mich: Ist ihr größtes Problem, dass ich ihr den Kreißsaal dreckig mache? Der Chefarzt machte eine vaginale Untersuchung, die so unfassbar wehtat, ich weiß bis heute nicht, was er da gemacht hat, er hat dazu einfach gar nichts gesagt. Ich hatte eine Zusatzversicherung für die Chefarztbehandlung, im Nachhinein würde ich sagen, dass das für die Geburt gar nicht gut war, weil der Rest eines Geburtsteams ja so eingespielt und routiniert ist und ich das Gefühl hatte, alle werden nervöser, wenn dann auf einmal der Chefarzt kommt.

Ich bin mit der Hebamme, die mich betreut hat, überhaupt nicht klar gekommen, sie war ruppig und unverschämt.

Nach 14 Stunden war ich jedenfalls völlig fertig, aber der Muttermund endlich acht Zentimeter geöffnet, also fast schon Zeit zu pressen. Dann ging alles total schnell: Man hatte Blut am Köpfchen meines Sohnes abgenommen und der Sauerstoffwert war anscheinend sehr schlecht, plötzlich ging eine Sirene an und ich wurde hektisch für einen Notkaiserschnitt fertiggemacht, da war auch keine*r mehr nett, ich hatte Angst. Als ich wieder aufwachte, lag mein Sohn zwei Meter entfernt in einem Glaskasten und wurde für den Transport in die Neonatologie in eine andere Klinik fertiggemacht. Er hatte während der Geburt ins Fruchtwasser gekackt, was zu einer Infektion führen kann, er sollte sicherheitshalber durchgecheckt werden. Ich hatte mich für die Klinik entschieden, weil beim Infoabend gesagt wurde, man könne mitfahren, falls das Kind im Notfall verlegt werden müsste. Nun sagte mir die zuständige Ärztin barsch, ich würde nirgendwo hinfahren, und auch zu David, dem Vater meines Sohnes, sagte sie, er könne zwar mitfahren, aber auf die Station dürfe er eh nicht, er könnte dann in der Cafeteria warten.

David und ich blieben dann in einem Familienzimmer in der Klinik. Ich war völlig im Adrenalinrausch – gar nicht so sehr in Angst und Panik, weil mein Baby weg war, sondern einfach völlig wie auf Drogen, ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Am nächsten Tag drängte ich David, in die Klinik zu fahren und unseren Sohn zu holen. Das dauerte dann bis nachmittags, ohne zwingenden Grund, bis David dort richtig auf den Tisch haute. Dann hatte ich meinen Sohn endlich bei mir.

Dass ich mit dem Geburtserlebnis zu kämpfen hatte und es nicht richtig verarbeitet hatte, merkte ich erst etwa sieben Monate später, nachdem sich endlich alles eingependelt hatte und ich nach dem Ausnahmezustand der ersten Monate wieder etwas zur Ruhe kam. Ich besuchte eine Gruppentherapie für Mütter, die eine traumatische Geburt erlebt hatten, merkte aber, dass ich lieber mit der Therapeutin alleine sprechen wollte. Nach zwei oder drei Stunden mit ihr merkte ich, dass es mir besser ging. Sie ermutigte mich auch, einen Brief an die Klinik zu schreiben, um das Erlebte zu verarbeiten, was ich auch irgendwann machen wollte, aber irgendwann merkte ich doch, dass ich das nicht brauchte. Ein Schlüsselmoment in dieser Zeit war, als ich mit meinem Sohn im Auto saß und während The First Day of my Life von Bright Eyes einen heftigen Weinkrampf bekam. Danach ging es mir besser, das war befreiend, ich merkte: Es ist jetzt raus, es ist vorbei, ich kann jetzt damit abschließen.“


Von Lisa Seelig auf EDITION F.

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