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Vom Berghain-Hipster zum Businessfuzzi: Keine U-Bahnlinie ist so sehr Berlin wie die U8

Ein U-Bahnwagon ist ein Sammelbecken der Kulturen. Ein Fotograf porträtiert Fahrgäste der Berliner U8, die zwischen Neukölln und Wittenau hin- und herfahren.

Eine Fahrt in der Berliner U-Bahn ist alles außer normal. Den wenigen Platz in einem U-Bahnwagon müssen sich Menschen aus allen Ecken der Stadt, des Landes, der Welt teilen. Ein Wagon ist ein Sammelplatz größtmöglicher Diversität und damit unweigerlich auch einer mit hohem Konfliktpotenzial. Und das, obwohl eigentlich alle so rasch und ungestört wie möglich von A nach B kommen wollen.

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Da gibt es die mies gelaunten Menschen, die mit hängenden Mundwinkeln gereizt zur Arbeit fahren. Die verbitterten Omis, die leise alles beschimpfen, was ihr Blickfeld kreuzt. Die schrillen Käuze, die mit ihrem irren Modestil aus der Zukunft kommen müssen. Es gibt die Berghain-Hipster, die Möchtegern-Models, die Aldi-Einkäufer*innen, die verschwitzten Rucksacktourist*innen, die Neonazis, die Dichten, die Druffis, die rücksichtslosen Döneresser, die gestressten Businessfuzzis mit Laptop auf dem Schoß, die bettelnden Musizierenden und Poetry-Slammer*innen, die Möbel-Schlepper*innen, die lautstark Telefonierenden. Es wird gelesen, getanzt, geschlafen, gespielt, geschminkt, geschrien, gekotzt und konsumiert. Der U-Bahnwagon ist ein Multikulti-Wohnzimmer auf Rädern.

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Von allen zehn U-Bahnlinien Berlins treffen vor allem in der U8 die unterschiedlichsten Welten aufeinander, findet Fotograf Leon Kopplow: „Vom Wedding, dem Immigrantenbezirk im Norden, über die touristische Mitte bis ins schöne Little Turkey in Neukölln weist die U8 die drastischsten Kontraste an Menschen auf.“ Er selbst hat etwa zehn Jahre in Neukölln gelebt. Um dahin und von da fortzukommen, verbrachte er automatisch viel Zeit in der U8 und erlebte die bunten Fahrgäste mit.

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Wenn ich die Leute aus ihrer Blase hole und aus nächster Nähe betrachte, ja fast mit dem Blick der Kamera berühre, haben sie alle etwas Schönes, Liebenswürdiges.“

Die schiere Menge an Personen, denen wir im öffentlichen Raum begegnen, anonymisiert unsere Reisen durch die Stadt. „Wir bewegen uns in einer Blase durch den Raum. Verstärkt durch Smartphone und Co. nehmen wir kaum unser Umfeld wahr und die Enge der U-Bahn verstärkt diese Isolation paradoxerweise noch“, sagt Kopplow. Den Facettenreichtum, dem wir täglich in der U-Bahn zwar begegnen, aber nicht bewusst bemerken, wollte der 32-Jährige mit der Kamera einfangen. Indem er die einzelnen Fahrgäste von der anonymen Umgebung einer überfüllten U-Bahn trennt und vor einen neutralen Hintergrund stellt, zeigt er, wie individuell doch jede*r ist. „Es ergibt sich ein Bild des Individuums, das wir im Alltag so eingehend und nahe nur schwer hätten betrachten können. Das hat für mich etwas Magisches. Auch wenn sie mir auf dem U-Bahnhof noch so banal erschien, wurde aus jeder Person ein wunderbares, vielfältiges Individuum“, sagt Kopplow.

Mal schnell jemanden in der fahrenden U-Bahn zu überreden, die Reise durch die Stadt zu unterbrechen und auf ein Fotoshooting mitzukommen, war nicht leicht. Damit es trotzdem zügig passieren konnte, mietete sich Kopplow ein kleines Fotostudio direkt an der U8-Station Weinmeisterstraße sowie einen leerstehenden Späti an der Selchowerstraße. Dort schoss er von den Teilnehmer*innen jeweils eine Total- und eine Porträtaufnahme. Dafür nahm er sich nicht mehr Zeit als drei Minuten, denn Menschen in U-Bahnen scheinen es grundsätzlich immer eilig zu haben.

[Außerdem auf ze.tt: Benehmt euch in Bussen und Bahnen nicht wie die Trampel!]

Am Ende des Projekts hatte Kopplow die Gewissheit: Einen U8-Typ gibt es nicht. So unterschiedlich die Fahrgäste der 18,1 Kilometer langen Linie aussehen, so unterschiedlich sind ihre Hintergründe. Viele erzählten Kopplow Geschichten aus ihrem Leben. Ein Mann holte zum Beispiel zwei kleine Schachteln voller Kakerlaken aus seiner Weste. Sie waren das Futter für die zwei Vogelspinnen, die er ebenso in Schachteln in seiner Weste transportierte. Eine Frau erklärte ihm, dass sie und ihr Hund die gleichen Nasen hätten. Einem muslimischen Türsteher musste der Fotograf hoch und heilig versprechen, seine Porträts nicht neben nackte Frauen in eine Galerie zu hängen. Eine Gruppe junger Leute stank nach zwei durchgefeierten Tagen im Berghain so sehr nach Alkohol, dass er das provisorische Fotostudio nur schwer von dem Geruch befreien konnte. Ein alter Herr mit Einkaufstrolley beschrieb sich selbst als Künstler und Maler. Im Nachhinein fand Kopplow heraus, dass er beinahe ausschließlich riesige bunte ejakulierende Penisse malte.

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