Vom Kampfhahn zum Haustier: Diese Fotos zeigen gerettete Hühner in ihrem sicheren Zuhause

Die Fotografin Janet Holmes traf Tierschützer*innen, die aus Farmen und Hahnenkampfarenen gerettete Hühner bei sich aufnehmen.

Was bedeutet Huhnsein im 21. Jahrhundert? In Deutschland bedeutet es, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit in großen Hallen mit bis zu 6.000 Artgenossinnen lebt. Bodenhaltung ist der Fachbegriff dafür, laut der Albert Schweizer Stiftung werden 62 Prozent der Legehennen in Deutschland so gehalten. Die Vorfahren des Huhns legten bis zu 40 Eier pro Jahr – die heutigen Hochleistungshennen müssen bis zu 300 Eier im Jahr schaffen. Laut der Albert Schweizer Stiftung führt diese permanente Legebelastung oft zu Krankheiten und frühem Tod. Ohnehin sei den heutigen Hennen kein langes Leben vergönnt – sobald die Legeleistung nach etwas mehr als einem Jahr nachlässt, werden sie geschlachtet.

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Fotografin Janet Holmes

Pearl, Winnie, Valencia Jayne, Jon Snow und Sully leben in den USA und nicht in Deutschland, wo die Lebensbedingungen für die meisten Hühner aber keinesfalls besser sind. Sie gehören zu den wenigen Glückspilzen ihrer Art. Sie wurden gerettet: von bankrotten Farmen, kurz bevor die killing crew mit ihrer blutigen Arbeit fertig war, von Hahnenkampfarenen oder aus den Fängen der Fleischindustrie. Und sie wurden nicht nur gerettet, sie haben auch ein neues Zuhause gefunden, wo sie geliebt und gepflegt werden.

Für ihren Bildband Nest: Rescued Chickens at Home hat die Fotografin Janet Holmes Tierschützer*innen aus den USA besucht, die gerettete Hennen oder Hähne bei sich aufgenommen haben. Die Federtiere leben dort nicht als Nutz-, sondern als Haustiere. Sie spazieren durch die Wohnungen, toben im Staub oder halten, eingekuschelt in den Armen der Besitzer*innen, ein Nickerchen.

Mit 50 Jahren begann Holmes, sich als Tierretterin zu engagieren, unter anderem bei dem Wild Bird Fund in der Stadt New York. Dort nahm sie eine Henne in ihre Obhut, die an einer schlimmen und chronischen Reproduktionskrankheit litt. Nachdem die Henne nicht mehr akut krank war, machte Holmes sich auf die Suche nach einem langfristigen Zuhause für sie, einem Ort, wo die Henne die regelmäßige medizinische Behandlung bekommen konnte, die sie brauchte. Dabei stieß sie auf ein Netzwerk überwiegend vegan lebender Frauen, die Hühner retten und bei sich zu Hause aufnehmen.

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Fotografin Janet Holmes

Auf die Idee, diese Frauen und ihre Hühner zu fotografieren, brachte Holmes eine Beobachtung: „Ich musste daran denken, dass viele Frauen keinen Zugang zu guter und bezahlbarer reproduktiver Gesundheitsversorgung haben und dass wir gleichzeitig dazu sozialisiert wurden, das Reproduktionssystem von Hennen auszubeuten. Diese Parallele hat mich dazu inspiriert, Hühner und ihre Retterinnen zu fotografieren, um die Verbindung zwischen ihnen zu ehren“, so die Fotografin.

Rettungsaktionen in Hahnenkampfarenen und bankrotten Farmen

Die liebevollen Porträts von Hühnern und Retterinnen werden im Buch von Holmes flankiert von kurzen Textbeiträgen. Die Aktivistin Julia Magnus erzählt darin beispielsweise von dem Tag, an dem sie mit Chicago Animal Care and Control 114 Tiere aus einer Hahnenkampfarena rettete. „Die Schreie der Hähne hallten durch die Gänge. Die Kämme und Kehllappen der Hähne waren abgeschnitten. Ihre Sporen waren abgehackt, um leichter metallene Sporen anlegen zu können. Ihre Brüste waren rot, roh, zerschrammt und eingeschnitten.“ Nicht immer könnten alle Tiere gerettet werden, da es gerade bei Hähnen schwierig sei, ein neues Zuhause für sie zu finden. Doch in diesem Fall hatten sie Glück: Keines der 114 Tiere musste getötet werden, alle fanden eine neue Heimat.

Ein anderer Textbeitrag ist von der Tierschützerin Maddie Cartwright, sie erzählt von einer Rettungsaktion auf einer Farm. Diese sei bankrott gegangen, Zehntausende Hühner warteten auf ihre Rettung oder den Tod durch eine sogenannte killing crew. „Der Geruch schlug zu, bevor wir den Stall betraten“, heißt es in dem Text. „Vor mir war ein schwankendes Huhn mit einer blutigen, klaffenden Wunde am Bein. Zu meiner Linken pressten sich drei kleine, schwache Hennen aneinander, neben ihnen die Leiche einer toten Freundin. Ein wenig entfernt von ihnen rissen einige Vögel hungrig den leblosen Körper eines anderen Huhns auseinander.“

Zusammen mit anderen Tierschützer*innen versuchte Cartwright, die gesündesten Vögel ausfindig zu machen, diejenigen, die eine Chance hatten, zu überleben. „In die Augen der Tiere zu blicken, die Hilfe brauchten, wissend, dass man Tausende zurücklassen muss, war traurig und herzzerreißend.“

Auch in Deutschland gibt es Vermittlungsstellen für Hühner, die als Legehennen „ausgedient“ haben – beispielsweise den Verein Rettet das Huhn. „Wir übernehmen die Hennen aus den Betrieben in dem Moment, in dem sie normalerweise im Schlachthof entsorgt werden würden“, so der Verein. „Sie sind dann nichts anderes als ein Abfallprodukt der Eierindustrie und werden – sobald die Rentabilität, sprich die Legeleistung etwas nachlässt – als wertlos befunden, wie Müll entsorgt und durch neue Junghennen ersetzt.“

Laut eigenen Angaben übernimmt der Verein jährlich rund 12.000 Hennen aus kooperierenden Legebetrieben und versucht, ihnen ein neues Zuhause zu finden. Menschen, die bereit sind, ein Tier bei sich aufzunehmen, können sich direkt an den Verein wenden.

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Nest: Rescued Chickens at Home von Janet Holmes ist 2020 beim Kehrer Verlag erschienen.