Von der Wut der weißen Männer auf sich selbst

Gern wird die Wut von Männern auf Frauen geschoben. Doch die Wut der weißen Männer, die man gerade nicht nur im Fall Kavanaugh beobachten kann, hat noch andere Gründe.

Der Fall Kavanaugh: die Wut der weißen Männer auf sich selbst

Was sagt die Wut auf alles? Foto: Unsplash | CC0

Als ich am letzten Donnerstag spät nach Hause kam, wollte ich nur kurz in der Küche in die Anhörung von Brett Kavanaugh hineinschauen, bevor ich zum angenehmen Teil des Abends übergehen wollte: eine Serie gucken, um noch ein wenig zu entspannen. Doch das, was ich auf dem Bildschirm meines Laptops verfolgen konnte, fesselte mich, bis es vorüber war, um etwa ein Uhr in der Nacht. Ich konnte nicht wegschauen, nicht weghören, bei dem, was der Jurist, der von Donald Trump als neuer Richter für das höchste US-Gericht vorgeschlagen wurde und kurz vor seiner Ernennung steht, dort von sich gab, obwohl mich seine Verteidigungsstrategie anwiderte. Denn gleichzeitig faszinierte mich seine Wut, denn sie war mehr als die Wut eines Mannes, der sich Vergewaltigungsvorwürfen stellen muss und sich zu Unrecht beschuldigt sieht.

Im Diskurs über sexualisierte Gewalt wird wieder und wieder thematisiert – und das ist wichtig – dass es die typische Reaktion bei Personen, die vergewaltigt worden sind, nicht gibt. Niemand kann sagen, ob eine Person danach gebrochen ist, depressiv wird oder ohne große Einschränkungen weiterlebt. Psychologische Nachwirkungen können direkt oder auch erst viele Jahre später auftreten. Dass Menschen Gewalt unterschiedlich verarbeiten und unterschiedlich widerstandsfähig sind, ist in Gerichtsprozessen oft von Nachteil und beeinträchtigt ihre Glaubwürdigkeit, ebenso wie die Art und Weise, wie die Schädlichkeit von sexualisierten Übergriffen beurteilt wird.

Auch Christine Blasey Ford, die angibt, dass Brett Kavanaugh während ihrer Highschool-Zeit versucht haben soll, sie zu vergewaltigen, wird vorgehalten, dass sie doch ein erfolgreiches Leben führe. Es ist eine Errungenschaft, dass mehr und mehr sichtbar ist und akzeptiert wird, dass Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, auch danach ein gutes Leben haben können. Der Begriff „Survivor“, so wie er im englischsprachigen Raum verwendet wird, macht das deutlicher als der Begriff des „Opfers“, wie hierzulande vergewaltigte Menschen in der Regel bezeichnet werden.

Das Verhalten des Beschuldigten

Das „perfekte Opfer“ gibt es nicht, und es gibt nicht den „klassischen Täter“. Anhand des Verhaltens eines Beschuldigten vor Gericht lässt sich nicht ableiten, ob die Vorwürfe der versuchten Vergewaltigung stimmen. Wie ein Mann öffentlich damit umgeht, von einer Frau eines sexuellen Übergriffs beschuldigt worden zu sein, kann ebenso unterschiedlich ausfallen wie der Umgang von Menschen mit der sexualisierten Gewalt, die ihnen jemand angetan hat. Kavanaughs Wut, sein verzerrtes Gesicht, die ausweichenden Antworten lassen von außen nur eines erkennen: In Brett Kavanaugh entluden sich die Emotionen. Warum, wissen wir nicht. Auch wenn daneben die Aussagen von Ford stehen, die oft detailreich und insgesamt glaubwürdig waren, und viele Journalist*innen in den letzten Tage recherchiert und dargestellt haben, wo Kavanaugh sich in Widersprüchen verstrickt und gelogen hat.

Die Argumentationslinie, die nun neben dem möglicherweise wahren Vorwurf der versuchten Vergewaltigung von denjenigen ins Feld geführt wird, die Kavanaugh für einen ungeeigneten Kandidaten für das höchste Richteramt in den USA halten, zielt vor allem auf die Emotionalität des Juristen: Ein Mann einer Berufsgruppe, die dazu angehalten ist, sich an Fakten und Gesetzen zu orientieren, sollte sich bei einer solchen Anhörung besser kontrollieren und ruhig und nüchtern die eigene Position darlegen können – ungeachtet dessen, welches Verhalten die bessere Medienstrategie sein könnte. So begründen aktuell hunderte US-Juraprofessor*innen in einem Schreiben an den Senat ihre Ablehnung von Kavanaugh unter anderem mit dem „Mangel richterlichen Temperaments“.

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Doch es war nicht nur Kavanaugh, der in der Anhörung außer sich war vor Wut. Auch Lindsey Graham, ein Politiker der Republikanischen Partei, der zu den Senatoren gehörte, die sowohl Kavanaugh als auch Ford befragten, zeigte in der Anhörung eine Wut, die für ein Mitglied des Justizausschusses eher ungewöhnlich schien – denn Aufgabe der Senator*innen wäre auch hier, zu versuchen, sich der Wahrheit zu nähern. Graham wirkte jedoch während der Anhörung zeitweise so, als werde er selbst beschuldigt. Der US-Präsident selbst fand einen ebenfalls emotionalen Umgang mit den Vorwürfen gegen seinen Wunschkandidaten: Bei einem Auftritt in Mississippi am Mittwoch verspottete er die Professorin vor johlendem Publikum. Und auch, wenn vermutlich niemand von Donald Trump präsidiales Verhalten erwartet, steht die Verhöhnung einer Frau, die sehr wahrscheinlich sexualisierte Gewalt erfahren hat, nicht nur für Respektlosigkeit, sondern auch für die Unfähigkeit, eine politisch heikle Situation sachlich zu managen.

Bewusstsein schmerzt

Die Wut der weißen Männer, die beim Fall Kavanaugh wieder einmal deutlich wird und spätestens seit dem Beginn von #metoo vor einem Jahr eine Konstante im Diskurs über gesellschaftliche Entwicklung ist, wird oft mit der Angst erklärt, die Menschen spüren, wenn sie Privilegien verlieren könnten oder zunächst einmal vor Augen gehalten bekommen, dass sie bestimmte Privilegien besitzen, die ihnen das Leben leichter machen als anderen. Dass die Dinge, die sie bislang als persönliche Verdienste und ihre Leistung betrachtet haben, oftmals eben nicht nur Ergebnis ihres persönlichen Könnens und ihrer Arbeit sind, sondern ihre Privilegien maßgeblich dazu beigetragen haben, was sie im Leben erreicht haben. Beides schmerzt. Zum einen das Bewusstsein, dass die eigene Leistung viel kleiner ist als man denkt, und vor allem Glück, Zufall und die Hilfe anderer Menschen dafür gesorgt haben, dass man erfolgreich ist.

Zum anderen die Aussicht darauf, dass eben diese gesellschaftliche Position, die bislang viel Sicherheit versprach, weniger sicher geworden ist und man auf absehbare Zeit Macht abgeben und Wohlstand teilen muss und dass die Sichtweisen von Menschen, die ganz anders sind und anders auf die Welt blicken, relevanter werden und irgendwann ebenbürtig neben der Weltanschauung weißer Männer stehen werden.

Was für viele daran so paradox wirkt, ist, dass es bei der Angst um Statusverlust in der Regel nicht um konkrete Bedrohungen geht, die das Leben der Personen durcheinander wirbeln und ihre Existenz gefährden könnten. Insbesondere die weißen Männer, die gerade wütend um sich schlagen, haben aktuell und mit großer Wahrscheinlichkeit bis ins hohe Alter ein sehr gutes Leben. Sie haben nichts zu verlieren, auch dann nicht, wenn die Welt sich wandelt und anderen Menschen mehr Chancen einräumt. Brett Kavanaugh als Beispiel gewählt: Nicht Bundesrichter zu werden, würde für ihn und für jede Person, die kurz vor diesem Schritt steht, eine Enttäuschung bedeuten. Doch auch ohne diese Position wird Kavanaugh weiterhin ein bequemes und privilegiertes Leben führen – mit der Möglichkeit, es für sich selbst als sehr schönes und erfüllendes Leben zu gestalten. Der Privilegienverlust ist nicht „das Ende des weißen Mannes“, sein Leben wird weitergehen als sehr gutes Leben.

Der Anspruch auf mehr

Die immensen Privilegien jedoch, die Männer wie Brett Kavanaugh ihr gesamtes Leben genossen haben, haben dazu geführt, dass diese Männer felsenfest daran glauben, in jeder Situation den Anspruch auf mehr zu haben: den besseren Job, das größere Haus, den Anspruch auf die Frau, die sie gerade wollen, den Anspruch darauf, im Recht zu sein, den Anspruch auf die beste Idee.

In gewisser Weise erinnert die Wut dieser weißen Männer an die Wutanfälle, die kleine Kinder haben, wenn sie lernen, dass sie nicht omnipotent sind und nicht immer das bekommen, was sie gerade haben wollen. Diese Phase im Kleinkindalter ist gespickt mit heftigen Trotzanfällen, da liegen sie, die kleinen Menschen und trommeln mit ihren Fäusten auf den Boden. Doch nach und nach begreifen Kinder, dass für die meisten von uns die Regel gilt, nicht alles haben zu können und nicht alles zu dürfen. Die Wut lässt nach, die Freude über das, was sie lernen, dürfen und bekommen, wächst. Der überwiegende Teil der Menschen lebt nach diesem Prinzip. Wir lernen mit Rückschlägen umzugehen, wir bewerben uns auf den nächsten Job, wenn es mit dem einen nicht geklappt hat, finden neue Partner*innen, wechseln den Beruf. Denn: Die Welt ist voller Möglichkeiten.

Hört man den wütenden weißen Männern zu, die mal hohe politische Ämter bekleiden, mal auf Bierkisten mit Megafon in Fußgängerzonen stehen und um Aufmerksamkeit betteln, die ihre Frau umbringen, weil sie sie verlassen wollte, erkennt man eine allumfassende Wut, die kein Ventil kennt außer der Vernichtung der Dinge, die ihrem Anspruch auf Allmacht im Weg stehen. Das Wissen darum, dass sie ein gutes Leben haben können und ihnen viele Möglichkeiten offen stehen, dringt nicht zu diesen Männern durch.

Was sagt die Wut auf alles?

Wir alle kennen diese heftigen Gefühle. Ich erinnere mich an einige Wochen in diesem Jahr, wo ich selbst nicht wusste, wohin mit all der Wut, die ich in mir hatte. Ich war auf alles und auf jede*n wütend, nicht nur während der Zeit meines PMS. Ich saß meiner Analytikerin gegenüber, die näher nachfragte und ich antwortete ihr: „Ich bin so wütend, ich bin sogar auf diesen Schrank dort an der Wand wütend.“ Sie antwortete mir: „Wenn Sie tatsächlich auf alles wütend sind, dann sind Sie auf sich selbst wütend.“

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Und wie so oft, wenn man mit einer Aussage konfrontiert wird, die unbequem ist und Wahrheit enthält, fiel auch ich in einen schnellen Abwehrreflex: „Haben Sie mal Nachrichten geschaut? Wie kann man gerade nicht auf alles wütend sein?“, schmetterte ich ihr entgegen und fühlte mich in diesem Moment absolut im Recht. Wie kann man gerade bitte nicht auf alles wütend sein? Doch mit ein wenig Abstand lichtet sich das Dickicht aus rasenden Emotionen und man beginnt zu reflektieren, selbstkritisch und nachsichtig zu sein, die Sichtweisen anderer anzunehmen und mit den eigenen abzugleichen. Denn ja, ich, wir alle, haben von Zeit zu Zeit gute Gründe dafür, auf uns selbst wütend zu sein. Diese Art der Wut ist ungleich schwerer auszuhalten als die Wut auf andere.

Vielleicht ist es also diese Form der Wut, die Wut auf sich selbst, die insbesondere die weißen Männer gerade derart in Rage versetzt, dass sie zerstörerische Ausmaße annimmt. Sich Wut einzugestehen bedeutet auch, die eigenen Fehler zu sehen und einzuräumen, falsch gelegen zu haben. Zu bereuen. Gründe für die Wut weißer Männer auf sich selbst gäbe es viele, individuell wie kollektiv. Ein guter Grund darunter könnte sein, die Naivität darin zu erkennen, zu glauben, dass sie unantastbar sind und aufgrund ihres Status mit allem durchkommen werden.

Viel leichter als die Auseinandersetzung mit sich selbst jedoch ist es, die Wut und die Verantwortung für die eigenen Emotionen auf die Frauen zu schieben, die sich plötzlich wehren. Die Minderheiten, die ihr Recht einfordern, erkämpfen und am Tisch Platz nehmen und mitsprechen. Vielleicht wäre es der Startpunkt für die wütenden Männer, sich bewusst zu machen, dass es nicht die anderen sind, auf die sie so wütend sind. Nicht der Feminismus und nicht die Vielfalt der Welt. Die weißen Männer sind wütend auf sich selbst.


von Teresa Bücker auf EDITION F

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