Von einem, der in die Kommune zog, um die Welt zu verändern

Patrick will die Welt verbessern. Ein Ehrenamt, Engagement in der Politik und Demonstrationen haben ihm dafür nicht gereicht, er hat gleich sein ganzes Leben geändert. Seit fast einem Jahr lebt er in einer Kommune.

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Foto: Leonie Zimmermann

Verschlafener Blick, entschlossener Gang und ein Lachen, das manchmal hörbar von ganz tief drinnen kommt; ein markantes Gesicht trifft auf einen verwuschelten Männerdutt, karierte, kurze Hose kombiniert mit einem grellen, grünen Shirt: Eigentlich ist Patrick wie viele andere Mittzwanziger. Aber eben nur fast. Denn in seiner Freizeit zieht der 26-Jährige nicht durch Bars, er pflückt lieber Johannisbeeren für selbstgemachte Marmelade. Er kauft sich nicht die neuesten Sneaker, sondern ist seit Neuestem wieder oft barfuß unterwegs – weil es gut für die Füße ist. Und er lebt nicht in einer hippen Studenten-WG, sondern in der Kommune Niederkaufungen, in einem kleinen Ort unweit von Kassel, gemeinsam mit 79 anderen Menschen.

Vor gut einem Jahr, im Herbst 2017, hat Patrick sich für das Leben in Gemeinschaft entschieden. Bis dahin war es eine lange Reise voller Grübeleien darüber, wie er etwas in der Welt verändern könnte, an der ihm so vieles zuwider war: die Ausbeutung des globalen Südens, ungerechte Behandlung der Geschlechter und die Gewinnmaximierung auf Kosten von Mensch und Natur. Immer wieder fragte er sich: „Wie kann ich leben und arbeiten, ohne dass jeder Schritt Leid verursacht?“ und „Wie sieht ein Leben abseits des kranken Systems aus?“ Antworten suchte er beim Freiwilligendienst in Mexiko und beim Arbeiten auf Ökohöfen in ganz Europa. All diese Erfahrungen brachten ihn schließlich zu einer Erkenntnis: Alles, was er bis dahin getan hatte, war einfach nicht genug.

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Ein Seminar der Kommune Niederkaufungen zum Thema „Utopie leben“ eröffnete plötzlich eine neue mögliche Lösung: Patrick wollte Kommunarde werden. Die älteste Kommune Deutschlands faszinierte ihn aus vielen Gründen: Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und der Ausbruch aus dem wirtschaftlichen Druck. „Und dann hab ich es halt einfach gewagt“, sagt Patrick über die Entscheidung, die sein Leben auf den Kopf gestellt hat. Der Mittzwanziger brach all seine Zelte in Bayern ab und zog in die hessische Kommune, einen Gebäudekomplex mit Fachwerkhaus und großem Innenhof, und begann dort eine Ausbildung zum Schreiner. „Meine Familie und Freunde, die waren nichtmal sonderlich überrascht, als ich ihnen das eröffnet habe.“

„Wer hat, der gibt. Wer braucht, der nimmt“

„Wer hat, der gibt. Wer braucht, der nimmt“ und „Jede*r nach seinen Fähigkeiten, jede*r nach seinen Bedürfnissen“. Das solidarische Prinzip, nach dem das Leben in der Kommune gestaltet ist, klingt erstmal simpel. Arbeit, Geld, Lebensraum werden geteilt. Jede*r macht eben das, was er*sie kann, nimmt sich das, was er*sie benötigt und gibt so viel, wie er*sie möchte für die Gemeinschaft.

So unkompliziert es in der Theorie klingt, sieht Patrick bei der Umsetzung noch Schwierigkeiten. Ein Beispiel: Patrick schreinert, Tatjana schneidert und Guni kümmert sich um den kommuneeigenen Rindertrieb. Harald hingegen arbeitet in Teilzeit als Sozialarbeiter an einer Schule, verdient gutes Geld für die Gemeinschaft, aber zieht sich größtenteils aus dem Kommunealltag zurück. Verhält sich Harald jetzt falsch oder reicht es aus, wenn er Geld für alle dazuverdient? „Das ist am Ende eine Vertrauensfrage, ich glaube aber grundsätzlich daran, dass jeder Mitkommunarde das gibt, was er geben kann“, sagt Patrick. Er sieht aber, dass sich manche über die Untätigkeit einiger Mitbewohner*innen ärgern. Er selbst habe auch noch immer das Gefühl, zu wenig beizutragen, weil es ihm noch schwer falle, das richtige Verhältnis von Arbeit und Freizeit in der Kommune einzuschätzen. Dabei arbeitet er, engagiert sich im wöchentlichen Plenum, bei dem die großen Anliegen besprochen werden und packt eben da an, wo Hilfe gebraucht wird: Kehrdienst, Einkauf, Autopflege.

In jedem Fall aber, da seien sich alle Kommunard*innen einig, sei das Modell im Vergleich zur Marktwirtschaft außerhalb der imaginären Kommunemauern die bessere Lösung. „Die gaukelt einem nämlich Freiheit vor, in dem, was man tut. Aber am Ende unterliegt diese Freiheit immer ökonomischen Zwängen. Natürlich kann man sich ein Auto kaufen oder in den Urlaub fahren, aber man muss es sich eben immer leisten können. Das muss so nicht laufen“, sagt Patrick.

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Foto: Leonie Zimmermann

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Geteiltes Konto

Aber auch Kommune ist Mathematik: Ullrich will für 500 Euro in den Urlaub fahren, Samira braucht eine neue Brille für 850 Euro und Kommunekind Sebastian zieht aus, die Miete wird künftig aus der Gemeinschaftskasse bezahlt. Wenn sich 80 Menschen ein Konto teilen, dann kann es bei größeren Ausgaben schon mal zur Diskussion kommen. Meistens gibt es keine Einwände, außer wenn es ums Fliegen geht. „Das spricht halt gegen unseren ökologischen Anspruch und wird deshalb oftmals abgelehnt, außer man kann es gut begründen, zum Beispiel mit einem Familienbesuch“, sagt Patrick. Grundsätzlich würden die Bewohner*innen aber recht entspannt mit den teureren Anliegen umgehen. Das Haushalten funktioniere trotzdem. Die Kommune schreibt Monat für Monat schwarze Zahlen, die Einnahmen von rund 70.000 Euro decken die Ausgaben von auch gut 70.000 Euro.

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Bei 80 Bewohner*innen, 62 Erwachsenen und 18 Kindern, sind das nicht einmal tausend Euro pro Kopf. „Es geht niemand leichtfertig mit unserem Geld um“, sagt Patrick. Und wer sich doch mal wundert oder für die Ausgaben eines*r Einzelnen interessiert, kann das jederzeit in der Verwaltung nachlesen. Er selbst nimmt monatlich im Schnitt 150 Euro aus der Gemeinschaftskasse, für die Extrawurst beim Essen, mal eine Kiste Bier oder Rollos gegen die Lichtempfindlichkeit. „Mehr brauche ich nicht. Für Essen, Mobilität und alles weitere sorgt ja die Gemeinschaft.“

So versorgen sich Patrick und seine Mitbewohner*innen größtenteils selbst. Neben Marmelade stellen sie auch Saft und eigene Milchprodukte her, bauen Gemüse, Kartoffeln und Obst an, züchten außerdem Schweine, Rinder und Hühner. Allein essen oder selbst kochen, das braucht Patrick auch nicht, denn in der Großküche wird für alle gekocht. „Das ist ganz praktisch, denn Kochen war noch nie so meins“, sagt der 26-Jährige. Auch Kleidung muss Patrick sich nicht selbst kaufen. In der Kleiderkammer, einer Art Secondhandshop für die Bewohner*innen, kann jede*r die Kleidung abgeben, die er*sie nicht mehr haben will. Wenn dann ein*e andere*r zum Beispiel eine Jacke braucht, sucht er*sie sich dort eine aus. „Ein gutes Beispiel für unser Prinzip des Teilens, denn im Endeffekt bleibt die Kleidung so in der Familie.“

Gemeinschaft hat viele Gesichter

Seit die Kommune vor über 30 Jahren gegründet wurde, prägten weit mehr als 250 Menschen das Leben dort. Einige blieben, andere zogen weiter. „Von den Gründern zum Beispiel leben nur noch fünf Menschen bei uns“, sagt Patrick. Die Beweggründe für die Kommunard*innen sind unterschiedlich, manche treibt das Politische an, einige gehen hinein, um ihre Kinder in Gemeinschaft aufwachsen zu sehen, und für manche geht es hauptsächlich um die Nachhaltigkeit. Die Kommune besteht am Ende aus einer Mischung unterschiedlicher Menschen und Wertvorstellungen. „Wir sind ein lebendiger Organismus, da gibt es keinen Stillstand.“

Die Gemeinschaft, die sich Patrick vor seinem Einzug vorstellte, gibt es aber nicht, meint er. Vielmehr sei das Konzept des Zusammenlebens hoch komplex. „Das Schwierige ist eben, dass die verschiedenen Lebensbereiche bei uns miteinander verschwimmen. Draußen ist man oft nur Arbeitskollege, nur Nachbar oder Freund, hier ist man plötzlich alles gleichzeitig.“ Da kommt es auch schon mal vor, dass Patrick gerade einem guten Freund im Gemeinschaftsraum sein Herz ausschüttet und sich ein Chorkollege zu ihnen setzt, mit dem er sonst aber nicht viel am Hut hat. „Da ist dann halt die Frage: Wie gehe ich damit um? Öffne ich mich auch ihm, weil er eben jetzt auch da ist oder wechsle ich das Thema und verschiebe die ernsten Themen auf später und schließe ihn so womöglich aus? Das sind so Situationen, mit denen ich noch nicht umzugehen weiß.“

Auch fehlt Patrick der Kontakt zu anderen jungen Menschen. Nur fünf Kommunenbewohner*innen auf dem Hof sind zwischen 18 und 35 Jahren alt. Viele Kommunekinder verlassen die Gemeinschaft, sobald sie volljährig sind. „Das merkt man schon, weil einfach Menschen fehlen, die gerade in derselben Lebensphase sind, wie ich.“

Wenn man von Kommune spricht, denken viele Leute direkt an eine Nudisten-WG, wie die von Uschi Oberbayer und Rainer Langhans in den 1970er Jahren.“

Patrick sucht deshalb vermehrt den Kontakt zu Kommunen im Umland, in denen mehr junge Menschen leben. „Das ist wirklich bereichernd zu sehen, wie andere das Leben in Gemeinschaft meistern und welche Visionen und Ziele sie in Hinblick auf die Außenwirkung der Kommune haben.“ Im Netzwerk Kommuja sind 33 Kommunen vertreten, die untereinander im Austausch stehen. Deutschlandweit gibt es laut Patrick aber weitaus mehr Wohnkollektive, eine genaue Zahl kenne er jedoch nicht. „Der Begriff ist halt auch schwammig. Wenn man von Kommune spricht, denken viele Leute direkt an eine Nudisten-WG, wie die von Uschi Oberbayer und Rainer Langhans in den 1970er Jahren. Oft rufen aber auch Leute bei uns an, die eigentlich zur Gemeinde Niederkaufungen wollten, etwa wegen einer Ummeldung.“

Gehen oder bleiben?

Für Patrick hat „Kommune“ eine eigene Bedeutung, gerade beschreibt er mit diesem Wort seine Lebensweise. Ob es seine Heimat werden soll, weiß er noch nicht. Denn so richtig angekommen ist er noch nicht im Kommunenleben. Patrick ist noch in der Probezeit. „Natürlich muss man sich erst kennenlernen, denn meine Mitbewohner teilen künftig alles mit mir: Lebensraum, Ressourcen, Gedanken.“ Nachdem sich seine neuen Mitbewohner*innen bereits im Januar diesen Jahres für seinen Einzug ausgesprochen hatten, erbat Patrick nochmal ein paar zusätzliche Monate für die Entscheidungsfindung.

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Auch wenn er mit dem gemeinsamen Konto gut klar kommt, die Arbeit für die Gemeinschaft und die geselligen Essen mit den Mitkommunard*innen genießt, zu ungreifbar ist das Leben in der Kommune noch für ihn, zu viele Fragen blieben bislang unbeantwortet. „Wie verhalte ich mich richtig bei Besuch? Was teile ich mit welchem Mitbewohner und wie teile ich meine Zeit zwischen meinen Anliegen und den Anliegen der großen Gruppe richtig ein?“, sagt Patrick, das seien nur einige der vielen Ungewissheiten. „Das Leben in der Kommune ist ein komplexes System, ein Experiment.“ Zwischen all den offenen Fragen ist Patrick sich über manches aber im Klaren: Der Versuch, Ungerechtigkeiten entgegen zu wirken und dem Druck des Geldes zu entgehen, die Fokussierung auf die Nachhaltigkeit; das Leben in der Kommune habe schon etwas Revolutionäres.

Manchmal muss Patrick aber eben auch mal ausbrechen aus der Grübelei über eine bessere Welt, einfach mal Spaß haben. „Ich gehe super gern auf Raves, besuche Freunde aus alten Tagen oder fahre einfach mal nach Kassel in die Stadt.“ Er wolle sich durch seine Lebensform nicht isolieren vom Leben außerhalb. Perfekt sei beides nicht, das Leben in der Kommune und die Gesellschaft, die es draußen gibt.

Im August soll sie nun aber fallen, die Entscheidung. Bleibt er in der Kommune, bringt er auch seine gesamten Ersparnisse in die Gemeinschaft ein und unterzeichnet einen Ausstiegsvertrag, mit all den Dingen, die er bei einem Auszug wieder mitnehmen darf. In zwei Wochen heißt es: Gehen oder bleiben? Und wenn er bleibt, für wie lange? „Für immer festlegen möchte ich mich nicht, aber ich denke, so geht es eben vielen in meinem Alter. Und wenn ich in fünf Jahren weiterziehe, wird das Gründe haben, die ich jetzt noch nicht absehen kann.“ Dann hat er vielleicht eine Frau kennengelernt, die sich das Leben anders vorstellt, hat es nicht geschafft, die revolutionäre Kraft der Kommune neu zu entfachen oder zieht in das nächste Kollektiv, um neue Erfahrungen zu sammeln. Die Suche scheint nicht beendet. Was er sucht, weiß Patrick eigentlich auch nicht so genau. Was ihm bleiben wird, ganz gleich, welche Entscheidung er treffen wird, ist das Bedürfnis, etwas zu ändern an der Gesellschaft – innerhalb und außerhalb der idyllischen Kommunemauern.