Von wegen peinlich: Warum ihr unbedingt mit euren Eltern verreisen solltet

Früher graute es mir vor Reisen mit meinen Eltern. Heute bin ich Fan davon, denn im Urlaub habe ich meine Eltern noch einmal neu kennen – und schätzen gelernt.

Als Kind hatte ich mir immer eine ganz normale Familie gewünscht. Glücklich verheiratete Eltern, ein Haus mit Garten und einen Hund. Eben das, was für viele meiner Schulfreund*innen im noblen Berliner Stadtteil Grunewald ganz normal war. Mama hatte meinen Vater Ende der 1970er-Jahre im angesagten Soft Rock Café in West-Berlin kennengelernt. Mein Vater war damals DJ, Mama studierte Medizin. „Ich kannte den Barkeeper und der kannte den Harald. Ich fand ihn total süß, der sah gut aus, dein Vater. Und dann hat mein Bekannter uns einander vorgestellt und wir saßen noch lange zusammen an der Bar, als der Laden schon geschlossen hatte. Er ist dann eigentlich sofort bei mir eingezogen“, erzählte Mama mir mal.

Mein Vater war schon eine coole Socke. Was er damals in den West-Berliner Nächten erlebt hat, damit kann meine Nightlife-Historie nicht mithalten. David Bowie und Iggy Pop hingen in den West-Berliner Clubs ab, in denen er damals auflegte, wie im besagtem Soft Rock Café und dem Tolstefanz. Im Slumberland ließ Nick Cave sich gerne blicken.

Es dauerte nicht lange, dann war meine Schwester Sarah auf der Welt. Ich kam zweieinhalb Jahre später dazu. Aus meinem Traum von der heilen Familienwelt wurde aber nichts, meine Eltern trennten sich. Dafür, dass sie sich nie gehasst haben, bin ich ihnen wirklich dankbar. Von meinem Kindheitstraum einer ganz normalen Familie mit Haus und Hund waren wir jedoch weiter entfernt denn je. Dazu dann noch das zuweilen unkonventionelle Verhalten meiner Eltern.

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Als Kind waren mir meine Eltern oft peinlich – obwohl andere Kids sie immer cool fanden und ich sie insgeheim auch. Mein Vater ruft gerne fremden Menschen auf der Straße irgendwas zu. Nach dem Mauerfall, als der Ku’damm mit Trabbis zugeparkt war und die Ost-Berliner*innen sich den Westen anschauten, kommentierte er gerne das Geschehen. „Schön hier bei uns, oder?“, rief er mal lachend einem völlig verdatterten Mann aus seinem alten blauen Benz flunkernd zu. So was macht er auch heute gerne und freut sich, wenn die Leute dann kurz perplex sind. Wenn ich ihn frage, was das soll, dann antwortet er in der Regel, er unterhalte sich. Mama köpfte mit ihren Freundinnen Elli und Brigitte abends gerne eine Flasche Sekt, legte dann eine Platte auf und die drei tanzten mit raumgreifenden Bewegungen durch das Wohnzimmer. Vor meinen Freund*innen wäre ich am liebsten im Boden versunken. Beim Abendessen erzählte Mama dann am liebsten aus dem OP-Saal.

Genau weil sie aber so jung und lässig waren, fanden meine Freund*innen meine Eltern immer gut. Während viele Väter bei den Grillfesten meiner Grundschule in Stoffhosen, Segelschuhen und Polo-Shirts mit einem Glas Wein mit den Müttern zusammensaßen, kam mein Dad in Lederhosen und Hawaiihemd zum Schulfest, erzählte uns Kindern Gruselgeschichten und war für jeden Spaß zu haben. Und Mama? Die machte mit uns die schönsten Reisen, zwang uns bei Wind und Wetter mit ihr durch den Wald zu laufen und ließ uns unsere Macken und kleinen Abenteuer, die man als Kind so erlebt, wie auf einer Styroporplatte über eine überdimensional große Pfütze segeln zum Beispiel. Kind in der neuen Hose reingefallen? Kein Problem. Im Nachhinein kann ich also sagen, dass ich auch ohne die drei H’s – Hochzeit, Haus und Hund – eine tolle Kindheit hatte.

Wie meine Eltern die Pubertät mit uns Schwestern – vor allem mit mir – überstanden haben, verstehe ich bis heute nicht. Vielleicht haben wir trotz des Teenage-Albtraums heute ein gutes Verhältnis, weil wir alle ziemlich gut sind im Vergeben.

Die Angst vor der Reise mit Eltern

Vor einem Urlaub mit meinen Eltern scheute ich mich dennoch eine ganze Weile. Wieder in die Rolle des Kindes schlüpfen, nicht meiner Routine folgen können? Schwer. Als mein Vater meine Schwester und mich dann zu Weihnachten mit Flugtickets nach Thailand überraschte, freute ich mich dann aber doch ziemlich doll. Und ich wurde nicht enttäuscht. Zwar sind meine Eltern heute beide seriös geworden, doch langweilig sind sie gewiss nicht. Davon konnte ich mich im Urlaub mit meinem Vater in Thailand überzeugen. Und auch während ein paar unvergesslichen Reisen mit Mama wurde mir bewusst, wie besonders meine Eltern sind – und wie jung geblieben.

Keep it Thai-Style

So ziemlich das Erste, was mein Thailand-erprobter Vater in Hua Hin organisiert hatte, war ein Roller. Mir war schleierhaft, was wir mit einem einzigen Roller anfangen sollten. Weder Sarah noch ich trauten uns zu, selbst auf dem Roller durch Hua Hin zu cruisen. „Wie stellst du dir das jetzt vor?“, fragte ich meinen Vater kritisch, als er wie ein Honigkuchenpferd strahlend und mit einem viel zu kleinen Helm auf dem Kopf (immerhin trug er einen, ich würde ihm auch ein unverbesserliches „Ich brauche keinen Helm“ zutrauen) von seinem Roller stieg. Irgendwie wirkte er wie ein kleiner Junge, der endlich das Spielzeug bekommen hat, auf das er ewig warten musste.

„Wie wir das machen?“, entgegnete er mir. „Thai-Style!“ Freudig strahlte er in die versteinerten Mienen seiner Töchter. Stille. „Thai-Style?“, brach es wie im Chor aus Sarah und mir heraus. „Ja, Thai-Style. Zu dritt, wir drei auf dem Roller“. Stille.

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Ich weiß im Nachhinein nicht mehr, wie wir das angestellt haben, aber wir hatten das Unmögliche möglich gemacht und fuhren zu dritt – keine*r von uns ist hinsichtlich des Körperbaus Thai-Style – auf dem Roller. Ich vorne, unser Vater in der Mitte, Sarah wie ein Klammeraffe hinten. Ich hatte selten so viel Spaß!

Dass Sarah und ich am Tag mindestens zweimal zur Thaimassage gingen und uns stundenlang durch die Beauty-Tempel und die gut klimatisierten Shopping-Paläste aalten, weil wir einerseits Lust darauf hatten und andererseits mit der drückenden Hitze nicht klarkamen, nahm er recht schnell als gegeben hin. Wenn wir Schwestern mal wieder dem süßen Klang „Massage, Massage“ aus irgendeinem Thaimassage-Salon verfielen, setzte mein Vater sich auf seinen Roller, düste durch die Gassen, gönnte sich oft und gerne einen Glasnudelsalat, den er ebenfalls Thai-Style orderte, also extra scharf. Diesen verdrückte er dann mit hochrotem Kopf: „Alter Verwalter, ist das scharf“! Dann schaute er sich einfach begeistert das bunte Treiben an und freute sich über den Lifestyle der Thais. Keine Frage, die Vibes wirkten ansteckend auf ihn, mein Vater war trotz über 40 Grad und extremer Luftfeuchtigkeit kaum zu stoppen.

Die einzigen Bremsen waren Sarah und ich, denn wir hatten an manchen Tagen ganz schön mit dem Kreislauf zu kämpfen. Dafür machten wir zu dritt die Nacht zum Tag, schlenderten abends über die Märkte. Saßen mitten in der Nacht nach dem Bummel nebeneinander bei der Fußmassage, ließen uns vor Schmerz quiekend von den über uns lachenden Thais mit einem hölzernen Klöppel die Reflexpunkte bearbeiten. Der Besuch „bei den Blinden“, wie mein Vater die blinden Masseur*innen eines hochgelobten Thaimassage-Salons nur nannte, endete für Sarah und mich mit einem Gefühl ähnlich eines heftigen Muskelkaters und für meinen armen Vater mit einer so schmerzenden Schulter, dass er seinen Arm die nächsten zwei Wochen nicht mehr anheben konnte.

Über meinen 30. Geburtstag fuhren wir dann weiter in den Süden, allerdings nicht Thai-Style auf dem Roller, sondern ganz normal im Mietwagen. Mein Vater hatte sich mittlerweile einen Strohhut zugelegt, den er immer trug, wenn er nicht gerade seinen heiß geliebten Helm aufhatte. In einem gottverlassenen Fischerdorf mieteten wir uns in ein Hotel mitten in einem Palmenhain ein. Meinen Geburtstagskuchen aus pinkfarbenem Teig (Thai-Style?) nahm ich im Pool zu mir. Später konnte ich meine Panik vor der großen 30 in einem atemberaubend schönen Tempel weg meditieren. Die letzte Station der Reise führte uns dann nach Bangkok.

One Night in Bangkok

Die Hitze in der Millionenmetropole war bestialisch. Gäbe es einen Superlativ für das Wort Hitze, dann wäre dieser zu verzehnfachen. Während Sarah zu nichts mehr zu gebrauchen war und sie sich in einen klimatisierten Beautysalon schleppte, um sich trotz der Kritik unseres völlig verständnislos schauenden Vaters die Wimpern verlängern zu lassen, schaffte ich es zusammen mit meinem Vater mit letzter Kraft auf ein Touri-Boot. In dem hölzernen Kahn schipperten wir dann über den reißenden Chao Praya und schauten uns vom Wasser aus die Stadt an. Da saß er nun, schweißgebadet aber noch immer mit diesem Honigkuchenpferd-Strahlen neben mir auf dem Boot, den Strohhut auf dem Kopf. Was hatten wir für einen Spaß. Jede Welle, die uns mit Wasser bespritzte, sprachen wir heilig und wir waren uns einig, dass es gut war, der Hitze zu trotzen. Raus aus der Comfort Zone, rein ins Abenteuer.

Meine Schwester trafen wir dann am Abend im Hotel. Mit Spinnenbeinen-ähnlichen Kunstwimpern. Mein Vater sparte sich den Kommentar, sein Blick sagte mehr als tausend Worte. „Ich find die schön“, beendete Sarah schmollend die nonverbale Diskussion um die merkwürdigen Spinnen-Wimpern. Ein paar Jahre zuvor hatte mein Vater bei einer Thailandreise mit Sarah schon einmal so eine ähnliche Diskussion mit ihr geführt. Damals ging es um Extensions, die sie sich von einem Lady Boy in die Haare schweißen lassen wollte. „Die sind orange“, unkte er damals genauso verständnislos. Waren sie auch. Das orangefarbene Haarbüschel fand ich übrigens vor ein paar Jahren in Sarahs Badezimmer, woraufhin sie mir die Geschichte von einem Lachkrampf geschüttelt erzählt hatte.

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Abends ging es dann über die völlig abgedreht Khao San Road, auf der man gefühlt alles bekommen kann, was das menschliche Herz begehrt. Wir brauchten aber weder einen Tauch-, Boots- oder Führerschein noch einen Personalausweis. Wir streichelten verkleidete und perfekt frisierte Hunde (Thai-Style), aßen frische Mangos und scharfe Currys aus der Garküche auf der Straße und ließen uns dann erschöpft in einer Bar nieder, in der eine Band alte Hippie-Klassiker zum Besten gab. Mein Vater sang sichtlich bewegt mit, erzählte uns aus seiner wilden Jugend, nahm uns in den Arm und zeigte noch einmal sein schönstes Honigkuchenpferd-Strahlen. Thai-Style!

Mama, fahren wir mal wieder zusammen weg?

Mein Freund liegt im Urlaub am liebsten am Strand. Würde es nach ihm gehen, dann würde er zwei Wochen lang bewegungslos auf seinem Handtuch liegen. Sonnen, Nahrungssuche, schlafen – das Essenzielle eben. Ich hingegen liebe es zu wandern, bin gerne am Strand aber auch gerne aktiv. In meiner Mutter habe ich die perfekte Verbündete für Kurztrips gefunden. Während ich es als Kind gehasst hatte, von ihr bei jedem Wetter in die Natur gescheucht zu werden, statt gemütlich vorm Fernseher zu gammeln, bin ich ihr heute dankbar für den Drill. Denn ohne sie hätte ich wohl nie so eine tiefe Liebe zur Natur entwickelt.

Mit Mama zu verreisen war dennoch nie meine erste Wahl, wegen des oben erwähnten Gefühls, sich wieder ein wenig wie das abhängige Kind zu fühlen. Heute weiß ich aber, dass Urlaub mit Mama etwas Großartiges ist. Weder stresst sie mich, wenn ich zu lange unter der Dusche unserer Stamm-Ferienwohnung stehe („Ach, genieß es doch. Du hast doch Urlaub und so eine schöne Dusche muss man genießen“), noch meckert sie, wenn ich stundenlanges Beauty-Shopping betreibe, denn sie betreibt derweil exzessives Küchen- und Bad-Utensilien-Shopping und für einen vollen Kühlschrank mit Leckereien ist dank ihr immer gesorgt. Natürlich bio, typisch Mama.

Und wenn ich mal eine Runde alleine drehen will, ist das total okay, denn das braucht man manchmal und Mama weiß es genau einzuordnen, wenn ich mal alleine sein will. Spontane Aktionen wie nächtliche Wanderungen, um den Vollmond zu bestaunen oder noch einmal schnell an den Strand fahren, um mit einem Rosé bewaffnet den Sonnenuntergang anzuschmachten, sind ebenfalls typisch Mama.

Dream Team on Tour

Genau wie früher scheut sie auch heute kein Wetter für Aktivitäten an der frischen Luft. So sind wir schon gemeinsam während der Hitzewelle im Jahr 2015 bei fast 40 Grad auf eine Burg gestiegen, haben uns oben angekommen vom heißen Wind trocken föhnen lassen, ließen uns bei starkem Sturm an der Ostsee den Kopf auf der Seebrücke frei pusten und tanzten zusammen beim Konzert der Rolling Stones in Hamburg bis tief in die Nacht hinein. In Wismar ließ sie mich und meinen Hund einmal eine gute halbe Stunde vor der Kogge, einem historischen Handelsschiff, warten. Als es mir zu doof wurde und ich schon dachte, ihre könnte etwas zugestoßen sein, nahm ich meinen Hund trotz Hundeverbot mit auf das Schiff – nur um Mama dann unter Deck anzutreffen. Mit dem Kapitän schäkernd. Jedenfalls unterstelle ich ihr das, sie streitet es bis heute ab, räumt jedoch ein, dass der Capt’n doch charmant war. Mama!

Urlaub mit den Eltern

Was wir zusammen schon erlebt haben, sind Momente, die mich bis heute tragen und nicht selten schwelgen Mama und ich gemeinsam in Erinnerungen. Meine Mutter legt dann gerne die Stones auf, öffnet eine ihrer zahlreich vorhandenen Rosé-Flaschen und ermutigt uns Töchter, mit ihr Wein zu trinken. Dann schwärmt sie wie eine Teenagerin von den Stones und steckt wieder alle mit ihrer lebensbejahenden Art an. Raumgreifende Tanzbewegungen, wie damals mit Elli und Brigitte, mutet sie uns aber nicht mehr zu.

Durch unsere gemeinsamen Reisen habe ich meine Eltern noch einmal von einer anderen Seite kennen- und vor allem schätzen gelernt. Sie sind viel mehr als Eltern, sie sind auch ganz wunderbare Freund*innen, Menschen mit Träumen und Sehnsüchten und einfach wundervolle Persönlichkeiten. Ich kann wirklich nur empfehlen, das Abenteuer Urlaub mit den Eltern zu wagen.