Vulva oder Vagina? Du brauchst noch etwas Sex Education, „Sex Education“!

Die Serie Sex Education hat geholfen, viele Menschen aufzuklären. In einem wichtigen Punkt müssen die Macher*innen aber selbst noch mal in die Schule.

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Eine Sexualtherapeutin sollte es eigentlich besser wissen: Die Vagina ist nicht die Vulva! Foto: Sam Taylor / Netflix

Sex Education ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Die Charaktere ambivalent, der Cast divers, die Storylines Tabus brechend und das Setting traumhaft.

Die Serie macht dabei so vieles richtig, dass sich Menschen, die mit Dr. Sommer und ähnlichen Formaten aufgewachsen sind, manchmal fast kneifen mögen vor lauter Staunen über unverkrampfte Sexaufklärung. Sex Education ist die Sex Education, die wir uns alle gewünscht hätten. Rücksichtsvoll, witzig und ernsthaft, offen, verständnisvoll, direkt.

Und hier kommt das Aber.

Denn die Serie hat an einer ganz entscheidenden Stelle ganz schön versagt. An der Vulva.

In der zweiten Staffel wird nämlich konsequent von der Vagina gesprochen, wenn eigentlich die Vulva gemeint ist. Wären wir in der Schule und wäre die Serie ein Test, müsste dieser Fehler zu einem „durchgefallen“ führen. Denn die Vagina ist nun mal nicht die Vulva. Und der „Lustpunkt innerhalb der Vagina“, von dem in der Serie auch die Rede ist, ist nun mal auch nicht in der Vagina, sondern an der Vulva. Hallo, Klitoriseichel!

Trotz viel Aufklärungsarbeit, gerade in den letzten Jahren, von Autor*innen, Journalist*innen und Gynäkolog*innen, scheinen viele Menschen die Vulva partout nicht in ihren Wortschatz zu bekommen. „Was ist noch mal was?“ – allein diese Frage zeigt schon, wie sich die Scham selbst noch in aufgeklärt wirkende Nachfragen schummelt.

Dabei ist es so einfach: Die Vulva ist das äußerlich sichtbare Geschlechtsteil und die Vagina der Kanal, der zu den inneren Geschlechtsorganen führt. Außen Vulva, innen Vagina. Warum diese Unterscheidung so wichtig ist? Nun, auf der einen Seite gestehen wir jedem Menschen mit Penis und Hoden auch das Recht zu, diese Geschlechtsteile nicht zu verwechseln. Aber auf der anderen Seite geht es tatsächlich um viel Tiefgreifenderes: die sexuelle Identität.

Die Frau ist die Leerstelle und kann nicht symbolisiert werden.

Mithu Sanyal

Denn indem das weibliche Geschlechtsteil so konsequent zur Vagina verkürzt wird, wird auch das, was weibliche Lust angeht, sprachlich gesehen auf eine Leerstelle bezogen. Ein Loch, einen Kanal – und damit ausgeblendet, welche Körperteile für Frauen stimulierend, individuell und höchstpersönlich sind. Die äußeren und inneren Vulvalippen, die Klitoriseichel und -vorhaut.

Mithu Sanyal hat in ihrem Buch Vulva – das unsichtbare Geschlecht diese Problematik kulturhistorisch beleuchtet: „Auch bei Freud und in der postmodernen psychoanalytischen Theorie ist die Frau über das Fehlen des Penis definiert: Die Frau ist die Leerstelle und kann nicht symbolisiert werden.“

Eine Leerstelle kann weder dargestellt werden, noch kann sie in Konsequenz als etwas Eigenes gedacht werden. Sie bleibt nicht nur stumm, sie bleibt auch passiv. Dabei ist das weibliche Geschlechtsteil alles andere als passiv: Die Vulva kann anschwillen, feucht werden, sich durch verstärkte Durchblutung verfärben. Sie zu kennen, zu wissen, welche Regionen wie auf Stimulation reagieren, ist Voraussetzung für eine selbstbestimmte Lust. Und genau das sollte doch Sex Education vermitteln!

Wenn aber die Begrifflichkeiten so fälschlich verwendet werden, bleibt auch eines der Hauptanliegen der Serie, nämlich offene Kommunikation über Sex zu ermöglichen, schon in den Anfängen stecken. Wie soll jemand eine Partner*in bitten, die Klitoris zu stimulieren, wenn nicht klar ist, wo sie liegt? Die Zeiten, in denen irgendwie auf ein schamvoll bezeichnetes Untenrum verwiesen wurde, sollten doch eigentlich vorbei sein. Zumal es bei der Benennung auch nicht nur um partnerschaftliche Sexualität geht, sondern auch um das eigene körperliche Empfinden.

Die Vulva hat nicht nur eine lange Kulturgeschichte der Stigmatisierung hinter sich, sondern wird auch in der Jetztzeit mit immer vielfältigeren Optimierungsversprechen (Vulvalippen-OPs, Glitzergels, Duftcremes etc.) so sehr als inhärent mangelhaft abgestempelt, dass jeder Mensch, der fröhlich erklärt „Ich mag meine Vulva!“ schon viele innere Hürden genommen haben wird. Denn allein das Wort auszusprechen, scheint für viele eine Schambarriere darzustellen.

Daher ist Sprache auch so entscheidend. Und daher ist es so wichtig, wenn in Serien wie eben Sex Education der Umgang mit Sprache sehr sehr ernst genommen wird. Wie Regine Hader in der Spex schreibt: „Die große These ‚Sprache konstruiert Realität‘ hängt in Sex Education über jeder einzelnen Folge. “

Sie hängt über jeder Folge; umso tragischer, dass diese These dann so konsequent nicht eingelöst wird.

Außerdem auf ze.tt: Bye, Vulva-Shaming: Eine Illustratorin zeigt, wie vielfältig schön Vulven sind