ze.tt gr.een Was ist das?

Wann du „Ich liebe dich“ sagen kannst

Im Alltag gehen wir oft verschwenderisch mit diesen Worten um. Im Bezug auf romantische Beziehungen aber überlegen wir genau: Wann kann ich sie jemandem sagen?

Happy couple dancing at the beach
"You know I jove you." Foto: rawpixel | CC0

Wir lieben alles mögliche. Schokokuchen, Hip-Hop, Sonnenstrahlen. Meine Freundin Jule sagt auch gerne: „Liebe euch alle!“ Dabei macht es nicht viel aus, wie lange diese Liebe schon hält, wie lange sie noch halten wird und ob wir sie auch gegen Widerstände verteidigen würden. Etwas zu lieben, kann alles und nichts bedeuten.

Aber im Bereich der romantischen Liebe verleihen wir dem Ausdruck „Ich liebe dich“ eine ganz andere Bedeutung. Und zwar meistens eine ziemlich stabile. Wer zum ersten Mal „Ich liebe dich“ sagt, gibt in den allermeisten Fällen eben nicht einer spontanen Laune nach und einem flüchtigen Gefühl Ausdruck, sondern schafft damit in gewisser Hinsicht Tatsachen. „Ich liebe dich.“ Das macht etwas.

Der britische Philosoph John Langshaw Austin hat sich mit der Bedeutung von sprachlichen Äußerungen auseinandergesetzt und in How To Do Things With Words (1962) erläutert, wie Wörter und Sätze – zugegeben: grob gesagt – Dinge nicht nur einfach beschreiben, sondern auch Handlungen darstellen.

Ein Beispiel: „Ich taufe dieses Schiff auf den Namen ‚Elizabeth'“. Wer auf einer Schiffstaufe diesen Satz von sich gibt, sagt nicht nur acht Wörter, er oder sie vollführt damit eine Handlung. Die Welt ist – nur durch diese acht Wörter – eine andere geworden. Und wenn es nur um den Namen eines Schiffes geht.

Mit „Ich liebe dich“ verhält es sich ganz ähnlich. Denn auch diese drei Wörter können Welten ganz schön auf den Kopf stellen. Welten ändern. Selbst dann, wenn es nur innere Welten sind.

Liebesversprechen

Genauso sieht das Sabine, mit der ich über das erste Mal „Ich liebe dich“ spreche und über ihren Ex. Sie sei ziemlich verliebt in ihren Freund gewesen und habe ihr Glück kaum fassen können als er die magische Formel aussprach. Ein bisschen früh, fand sie, nach drei Monaten. „Wir lagen dicht beieinander im Bett, hatten uns eigentlich schon ‚Gute Nacht‘ gesagt. Da kam er noch mal mit seinem Gesicht nah an mein Ohr und flüsterte mir ‚Ich liebe dich‘ zu“, erzählt sie.

„Das war so ein wunderbares Gefühl, ich hätte platzen können, so sehr habe ich mich gefreut. Ich war mit ihm immer etwas unsicher, aber dieser Satz schien das alles wegradiert zu haben.“ Doch leider hielt das wunderbare Gefühl nicht allzulang. Nur wenig später trennte sich ihr Freund wieder von ihr. „Hast du mich denn überhaupt geliebt?“, fragte sie ihn. Ja, aber nicht so lange. Na und?

„Ich liebe dich“als Versprechen, das hält, als Hoffnung, die länger blüht als die Kirschbäume im Frühling.

Für Sabine ist das immer noch nicht ganz fassbar. „Ich dachte, so ein Satz wäre auch eine Art Versicherung. Also im Hinblick auf unsere Beziehung. Dass es eben nicht nach ein paar Wochen vorbei ist, sondern dass es bedeutet, dass wir länger zusammenbleiben.“ „Ich liebe dich“ als Versprechen, das hält, als Hoffnung, die länger blüht als die Kirschbäume im Frühling.

„Ich liebe dich“ ist also ein Satz mit einer ordentlichen Bedeutungsschleppe. Er kann viel mit uns machen und das ist auch der Grund, warum manche von uns davor zurückschrecken, diesen Satz schon sehr früh zu äußern. Und doch zeigen Umfragen, dass gar nicht so wenig Menschen ihn schon recht früh in einer Partner*innenschaft sagen. In einer Umfrage von YouGov gaben immerhin 2o Prozent der Befragten an, schon nach einer Woche „Ich liebe dich“ gesagt zu haben, 23 Prozent der Befragten gaben an, es zum ersten Mal nach einem Monat gesagt zu haben, und nach drei Monaten haben es schon 58 Prozent der Befragten gesagt.

Eine Woche, ein Monat, oder lieber drei?

Was ist denn nun der richtige Zeitpunkt für das erste Mal „Ich liebe dich“?  Darauf gibt’s, na klar, keine pauschale Antwort. Dazu sollte man die eigene Motivation zuallererst ein bisschen auseinanderfrickeln. Sabine hätte es sicherlich gut getan, wenn ihr Ex das getan hätte. Ging es ihm um die Mitteilung einer Momentaufnahme? Und was ist mit ihr selbst? Wollte sie mehr hören als das? Gegen ein frühes „Ich liebe dich“ ist nichts einzuwenden, so lange man sich auch der Frage stellen kann, warum man es sagt. Wie der israelische Philosoph Aaron Ben Ze’ev schreibt: „Man könnte hinzufügen, wenn es denn stimmt, dass man ein großes Potenzial in der Beziehung sieht. Denn wir können Potenzial sehen, aber wir können nicht vorausschauen, ob es tatsächlich verwirklicht wird.“

Gefühle laufen, egal wie symbiotisch es scheint, nicht parallel. Diese Sorge hatte auch Ronja, die fast ein Jahr gewartet hat, bis sie ihrem Freund ein Liebesgeständnis machte. „Ich war mir eigentlich schon nach einem Monat klar, dass ich ihn liebe, aber ich wollte ihn auch nicht unter Druck setzen und hatte keine Lust, dass mein ‚Ich liebe dich‘ dann vom Himmel auf seinen Kopf bumst wie ein rosa Elefant.“ Damit hat sie sich vermutlich einen Gefallen getan, denn wer es nicht aushält, dass der*die andere eine andere Liebesentwicklung durchläuft, der*die kann auch mit einem eigenen Geständnis nicht auf das Beziehungsgaspedal drücken.

Ein bisschen Fragen-an-sich-selber-Bingo kann also helfen, wenn man vor dem ersten „Ich liebe dich“ steht und nicht weiß, wann man damit herausrücken möchte: Warum möchte man es sagen? Damit man es zurück hört? Damit man die eigene Empfindung los wird und nicht mehr das Gefühl hat, zu platzen? Um sich sicher zu fühlen? Damit der*die andere erst mal bleibt? Oder, warum sagen wir es nicht? Weil wir uns noch nicht festlegen wollen? Warten möchten, bis der*die andere sich festlegt? Möchten wir hören, dass wir auch geliebt werden? Wollen wir, dass sich die*der andere toll fühlt oder wir selbst? Kämen wir damit klar, dass der*die andere nur sagt „Ähm, also ich mag dich auch echt gern“?

Mit „Ich liebe dich“ ist es ein bisschen wie mit „Tut mir leid“: Beide Sätze sind nichts wert, wenn ihnen keine Taten folgen. Aber mehr noch als leere Entschuldigungen kann „Ich liebe dich“ die Welt für dein Gegenüber bedeuten. Und die bricht dann eventuell zusammen, wenn du versuchst, den Satz wieder zurückzunehmen.

Und nun? Wann sollst du denn nun sagen, dass du deine*n neue*n Lover*in liebst?

Das kann ich dir leider nicht sagen. Das musst du mit ihr*ihm besprechen. Und mit dir selbst, natürlich. Was heißen diese drei Worte, die allzuoft an Bahnhofstoiletten geschmiert werden, für dich, für ihn*sie und für euch als Paar? Wenn du das weißt, dann weißt du auch, wann der richtige Zeitpunkt ist.

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