Wann wird Alkoholverzicht endlich cool?

Trinke ich zu viel? Bereits diese Frage ist ein Grund zur Sorge. Ein Kommentar

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Ohne Alkohol ist das Leben gesünder. Foto: Rawpixel / Pexels | CC0

Trinke ich zu viel? Aus heutiger Sicht würde ich behaupten, dass allein schon diese Frage ein Grund zur Sorge sein könnte.

Warum trinken wir so oft und so viel Alkohol? Alkohol ist überpräsent. Wir trinken nach der Arbeit, im Park, mit Freund*innen, zum Geburtstag, zu Weihnachten, an Feiertagen, an Wochentagen. Wir trinken nicht zu viel, denn andere trinken ja auch und das auch noch viel mehr und wenn das so ist, dann kann ich ja so weitermachen wie bisher. Denn dann habe ich kein Problem und erst recht keinen Grund zur Sorge.

Warum trinken wir?

  • zum Spaßhaben
  • zur Entspannung
  • zum Loslassen
  • zum Fallenlassen
  • um unsere Schüchternheit zu überwinden
  • um Ängste zu überwinden
  • um keine Sorgen mehr zu haben
  • weil die Party sonst vielleicht zu langweilig wäre
  • um nicht mehr traurig zu sein
  • um die Leere zu füllen
  • weil es so gut schmeckt
  • um nicht mehr alleine zu sein
  • um sich während sozialer Interaktionen nicht verloren zu fühlen
  • um zu vergessen
  • damit das erste Date nicht zu steif verläuft
  • damit der One-Night-Stand nicht albern wird

Und das sind nur einige der Gründe, weswegen wir trinken. In den wenigsten Fällen geht es tatsächlich um den Geschmack. Denn schmeckt das sechste Bier überhaupt noch? Man schmeckt dann gar nichts mehr. Der Geschmack ist letztendlich meist egal, es geht um die Wirkung.

Wir wollen auf rosaroten Wolken schweben

Das Gefühl, auf rosaroten Wolken zu schweben, vermitteln uns der erste, der zweite und vielleicht auch noch der dritte Schluck. Bis wir am nächsten Morgen die Quittung bekommen und verkatert die Augen öffnen. Dann wummert es im Schädel. Oder alles fühlt sich ganz dumpf an. Es fällt uns schwerer, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Motivation lässt zu wünschen übrig und wir trauern der rosaroten Wolke hinterher – die hat nämlich nicht das gehalten, was sie am Abend zuvor noch versprochen hat.

Am nächsten Morgen fühlen wir uns genauso leer, genauso einsam, genauso traurig, genauso gelangweilt wie am Tag zuvor. Der Rausch ist eine Lüge.

Ich kann mir ein Leben ohne Alkohol gar nicht vorstellen!

Vor gut zwei Jahren dachte ich nicht, dass ich ohne Alkohol leben kann. Für mich war die logische Reihenfolge: Alkohol = Lösung meiner Probleme = Spaß = mein Leben. Im Umkehrschluss dachte ich, dass der Verzicht auf Alkohol zur Folge hat, dass ich meine Probleme nicht lösen kann, somit keinen Spaß und keine Freund*innen mehr haben werde, nie wieder eine Bar oder einen Club betreten kann und deswegen kein lebenswertes Leben mehr leben werde.

Aber wenn wir Alkohol als Problemlöser einsetzen, dann haben wir noch ein Problem mehr an der Backe. Über längere Sicht bleibt uns nichts anderes übrig, als zu betrachten, was eigentlich hinter unseren echten Problemen steckt. Warum ist mir langweilig? Warum habe ich keinen Spaß? Warum bin ich so schüchtern? Warum fühle ich mich einsam? Warum habe ich das Gefühl der inneren Leere? Warum habe ich Angst?

Die Wahrheit kommt nur ans Tageslicht, wenn wir aufhören, Alkohol als Selbstmedikation zu nutzen. Ich möchte keine Moralapostelin sein und ich bin auch nicht der Meinung, dass der absolute Verzicht auf Alkohol die Lösung all unserer Probleme ist. Aber ich denke, wir sollten sehr viel achtsamer mit uns und mit dem Konsum von Alkohol umgehen.

„Ist dir denn jetzt nicht langweilig?“

„Was machst du denn mit deiner ganzen freien Zeit? Ist dir nicht langweilig?“ Diese beiden Fragen werden mir oft gestellt. Meine Antwort darauf lautet: Nein, mir ist nicht langweilig, weil ich endlich lebe. Ich habe mich für mich, meine Gesundheit und mein Leben entschieden. Ich habe mich dazu entschlossen, mir ein Leben aufzubauen, welches ich als unglaublich lebenswert erachte. Das hieß zunächst einmal dort aufzuräumen, wo noch Bedarf war, und das war ziemlich harte Arbeit. Aber wenn man nicht aufräumt, dann bleibt es eben dreckig. Dann kann man versuchen, mit Alkohol (oder anderen Drogen) nachzuspülen, das macht die Sache aber nicht besser. Im Gegenteil.

Und die Langeweile? Langeweile haben ist zunächst einmal weder gut noch schlecht. Als ich noch getrunken habe, hatte ich ziemlich oft Langeweile, weil ich einfach nichts mit mir und meinem Leben anzufangen wusste. Wir müssen verstehen, dass uns Alkohol nicht hilft, mit unseren Gefühlen klar zu kommen. Ich würde mich nicht als deprimierten Menschen bezeichnen, aber unter dem Einfluss von Alkohol bin ich es geworden. Das eine bedingt oftmals das andere. Wir haben das Gefühl, dass unser Leben durch den Konsum von Alkohol leichter wird – aber der Kater am Morgen danach fühlt sich nie gut an.

Meine freie Zeit fülle ich nun mit Dingen, die mir Freude bereiten. Als ich noch getrunken habe, hatte ich zwar tausend Ideen – habe aber keine davon umgesetzt. Heute schreibe ich, zeichne, arbeite an meinem Blog, kümmere mich um meinen Hund, treibe Sport, lese Bücher, meditiere, mache Yoga, gehe arbeiten, treffe mich mit Freund*innen und Familie, gehe auf Reisen, habe Ziele und Visionen und immer noch Ideen, die ich nun in die Tat umsetzen möchte. Das wäre mir nicht möglich, würde ich noch trinken.

Fünf Dinge die sich verändert haben, seitdem ich keinen Alkohol mehr trinke:

Ich wache jeden Morgen auf und habe einen klaren Kopf. Seit dem 13. September 2017 hatte ich keinen Kater mehr. Ich wache auf und bin manchmal immer noch erstaunt darüber, dass nichts gegen meine Schädeldecke hämmert, dass ich, sobald ich die Augen öffne, sofort einen klaren Gedanken fassen kann und das ist schon einmal ein Jackpot.

Ich lebe gesünder und fühle mich dadurch wohler in meinem Körper. Ich habe, nachdem ich aufgehört habe zu trinken, an Gewicht verloren. Ich achte mehr auf meinen Körper, treibe regelmäßig Sport, ernähre mich gesund und fühle mich die meiste Zeit tatsächlich sehr wohl in meiner Haut – vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben.

Ich schlafe die Nächte durch. Das war nicht immer so. Schlafen, nachdem man sich Alkohol gegeben hat, ist meist kein richtiger Schlaf, sondern gleicht einem komatösen Zustand. Man fühlt sich danach alles andere als erholt. Heute schlafe ich die Nächte durch und bin am nächsten Morgen fit.

Ich lege mehr Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen. Die Beziehung zu meinen Freund*innen und zu meiner Familie hat sich verändert und ist enger geworden. Gerade in Familienangelegenheiten musste aufgeräumt werden, aber die Arbeit hat sich definitiv gelohnt. Manche Freundschaften mussten beendet werden oder haben sich aufgelöst, aber der Großteil ist geblieben und dafür bin ich unfassbar dankbar.

Ich habe wieder Träume. Ich lebe mehr und mehr meine Wahrheit und habe das Gefühl, mehr und mehr zu meinem inneren Kern vorzustoßen. Waren die Tage früher teilweise so leer, habe ich heute das Gefühl, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll bei all den Ideen, die mir durch meinen Kopf schwirren.

You don‘t need to hit rock bottom

Holly Glenn Whitaker

Es geht gar nicht darum, so lange zu warten, bis der Alkohol zum Problem wird, sondern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das Leben ohne Alkohol tatsächlich lebenswert – wenn nicht sogar lebenswerter ist. Dass alkoholfrei hip sein kann, machen uns die US-Amerikaner*innen und Brit*innen vor. Die feiern nämlich ihre sobriety.

Ruby Warrington zum Beispiel würde sich selbst nicht als Abhängige bezeichnen. Ihrer Meinung nach nahm ihr Alkoholkonsum irgendwann zu viel Raum in ihrem Leben ein und erfüllte einen ungesunden Zweck. In ihrem Buch Sober Curious beschreibt sie ihre damalige Beziehung zu Alkohol, wie sie diesen nach und nach aus ihrem Leben entfernt hat und heute ein sehr erfülltes und achtsames Leben führt.

Mit ihrem Blog Hip Sobriety ist Holly Whitaker eine der Vorreiterinnen der sobriety-Szene. Holly ist trockene Alkoholikerin, litt unter einer Essstörung und hat viel Cannabis geraucht. Weder die Treffen der Anonymen Alkoholiker*innen noch eine stationäre Therapie waren für sie der Weg zur inneren Heilung – sie entwickelte ihr eigenes Abstinenzprogramm und begleitet nun Tausende von Menschen in ein rauschloses Leben.

Wann fangen wir an, unsere sobriety zu feiern? Wann hören wir auf damit, uns selbst abzustempeln? Warum sind wir nicht stolz darauf, nichts mehr zu trinken, nicht mehr trinken zu müssen und ein gesünderes und achtsames Leben zu führen? Wann sind wir endlich hip und sober?


Ein Communitybeitrag von Vlada Mättig auf EDITION F. Vlada ist 33 Jahre alt und seit September 2017 clean und trocken. Seit September 2018 bloggt sie über das Thema Abhängigkeit und sobriety.

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