Warum 90 Jahre Micky Maus auch 90 Jahre Gesellschaftskritik bedeuten

Mit der Zeichentrickmaus wurde der Grundstein für ein Universum der Comicpoesie und subtilen Sozialkritik gelegt, das Kinder und Erwachsene verbindet. Eine Hommage zum 90. Geburtstag von Micky Maus.

Warum 90 Jahre Micky Maus auch 90 Jahre Gesellschaftskritik bedeuten

Ein Micky-Maus-Poster aus dem Jahr 1932 Foto: © Online USA / Getty Images

Am 18. November 1928 ahnte wohl noch niemand, dass die kleine Maus, die auf einem Dampfboot über die Leinwand schipperte, der Anfang von etwas Großem war. Zugegeben, die Welt hatte andere Sorgen: Der Finanzmarktcrash stand kurz bevor und elf Jahre später begann in Europa der Zweite Weltkrieg. Und doch war die Uraufführung des Zeichentrickfilms Steamboat Willie im New Yorker Colony Theatre ein Moment, der Geschichte schrieb – an jenem Sonntag wurde Micky Maus geboren und mit ihm ein ganzes Universum voller tragischer Helden, Identifikationsfiguren und gesellschaftskritischer Auseinandersetzungen ohne mahnenden Zeigefinger.

Meine eigene Geburt war an jenem Tag noch mehr als 63 Jahre entfernt und doch kann ich getrost behaupten, dass auch meine Kindheit eine andere gewesen wäre, hätte Walt Disney die kleine Maus und ihren grummeligen Kater-Kapitän nicht zeichnerisch das Licht der Welt erblicken lassen.

Micky hat sich verändert

Die Maus aus dem Film gibt es so schon lange nicht mehr. Micky ist erwachsen geworden, aus dem frechen Mäuserich in Steamboat Willie wurde ein Vorzeigebürger, der sich vorbildhaft verhält und ohne Makel für Recht und Gesetz eintritt. Der Anfangscharakter ging verloren, Micky wurde glattgeschliffen und irgendwie langweilig.

Eine Comicfigur zu schaffen, die glücklos war in dem was sie tat, voll von Fehlern und ganz alltäglich greifbar, das war die Idee, die zusammen mit der kleinen rebellischen Maus auf dem Dampfboot geboren war. Diese Idee lebte weiter und wurde Dank genialer Zeichner wie Carl Barks perfektioniert. Sie mündete schließlich in einem eigenen Universum, in dem sich die Maus Micky des Öfteren fehl am Platz gefühlt haben muss: Entenhausen.

Spätestens dort bekam die Welt der sprechenden Tiere ein Eigenleben. Die tollpatschige, cholerische und doch liebenswürdige Art der Anfangs-Micky-Maus wurde wiedergeboren in Donald Duck, dem glücklosen Entenonkel. Nach und nach kamen neue Figuren hinzu wie der in Geld schwimmende, knausrige Onkel Dagobert oder Donalds Antagonist der stets glückliche Gustav Gans.

Meine Kindheit wäre eine andere gewesen, hätte Walt Disney die kleine Maus nicht das Licht der Welt erblicken lassen.

Autorin Teresa Stiens

All diese Charaktere bereicherten meine Kindheit. Im Sommerurlaub auf einer winzigen dänischen Insel, auf der es nicht mehr gab als Bäume, Strand und ganz viel Freiheit, wurden die Ausflüge nach Entenhausen zum Standardprogramm für regnerische Nachmittage. Wenn wir Kinder uns mit den Comic-Heften auf die Couch begaben, saßen neben uns unsere Eltern, vertieft in die gleiche Lektüre, gebannt von den gleichen Geschichten. Erst als ich die Hefte später, als Erwachsene, wieder in die Hand nahm verstand ich, wieso nicht nur Kinder von den bunten Tierwelten mit ihren lautmalerischen „Kracks“, „Platsch“ oder auch „Kapop“ begeistert sind. Für Erwachsene erschließt sich eine ganz andere Ebene – die der subtilen Infragestellung, der Gesellschaftskritik und Selbstironie.

Auf den ersten Blick wirken die Geschichten oft überholt. Sexismus- und Rassismusvorwürfe werden laut und sind nicht von der Hand zu weisen, insbesondere wenn man sich anschaut, wie Frauen und Völker der Erde dargestellt werden. Doch die Naivität der Comics und ihrer Figuren lässt die Leser*innen die überzogene Selbstironie erkennen, mit denen die Zeichner*innen und Texter*innen vorgegangen sind. Ausrufe wie Dagoberts „Platz gemacht! Ich bin gewissermaßen Kolumbus und ihr seid gewissermaßen entdeckt!“ (pdf)  werfen ein kritisches Licht auf das Gebaren europäischer und US-amerikanischer Imperialist*innen, ohne die Ebene der kindlichen Erzählung zu verlassen.

Eine Frau als Texterin

Die Rolle der Frau in den Entenhausen-Comics ist zwar in der Darstellung fraglich, doch die Strippenzieherin hinter den Texten war jahrzehntelang eine Frau: Erika Fuchs. Die Übersetzerin befreite die Comics von ihren US-amerikanischen Vorgaben und verlieh ihnen mit eigenen Wortspielen und klassischen Zitaten im Deutschen Kontext eine Ebene der Poesie und Relevanz, die auch erwachsene Leser vor Freude „Juchz“ rufen lässt. „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen“, schwören die Neffen Tick, Trick und Track, um dem Bad zu entgehen und bedienen sich dabei dank Erika Fuchs dem Rütlischwur von Wilhelm Tell.

Auch Kapitalismuskritik kommt in Entenhausen vor. Onkel Dagobert mit seinem Geldspeicher ist bezeichnend für die Verehrung des Kapitals, seine Angewohnheit wie ein Seehund im Geld zu schwimmen und es sich auf die Glatze prasseln zu lassen ist zum Inbegriff der Perversion der kapitalistischen Geldverehrung geworden. In Der verhängnisvolle Kronkorken wird den Leser*innen spielerisch die Logik des Kapitalmarktes beigebracht. Auf der Suche nach einem paradiesischen Leben ohne Geld, fährt Dagobert in den Utopieort Trallala, nur um auch dort aus Versehen Gier und Kapitalismus einzuführen, indem er einen Kronkorken zum Wertgegenstand macht. Die einzige Lösung? Gezielte Inflation durch die Überschüttung der Felder mit Kronkorken. Die Geschichte gehört in jede Volkswirtschaftsvorlesung.

Von Entenhausen nach Springfield

Die Idee der Gesellschaftskritik verpackt in den Erzählungen rund um eine cholerische Hauptperson spielend in einer fiktiven Zeichentrickstadt voller liebgewonnener Charaktere gibt es nicht mehr nur in Entenhausen. Auch die Simpsons aus Springfield scheint nach dem Duckschen Muster gebaut zu sein. Eine Konkurrenzsituation gibt es jedoch nicht, die beiden Familien leben in bereichernder Koexistenz. Als Würdigung an Entenhausen ließen die Simpsonszeichner*innen Homer schon einmal in Donalds Matrosenhemd auf Schatzsuche gehen, woraufhin Mr. Burns in der Rolle von Onkel Dagobert entsetzt entgegnete: „Um Himmelswillen Simpson, ziehen Sie sich eine Hose an!“

Und Micky? Ihm wird nur noch selten die Ehre einer tiefgründigen, ironischen Hauptfigur zu Teil. Ein kurzes Comeback als tollpatschiger Pechvogel feierte er in Disneys Film Fantasia in einer Adaption von Goethes Zauberlehrling. Insgesamt aber ist der heutige Jubilar ist in den Hintergrund getreten. Fast scheint es, als hätte er mit 90 Jahren seinen wohlverdienten Ruhestand als Disneys Symbolfigur angetreten. Zufrieden kann er zurückblicken auf das, was durch ihn ins Leben gerufen wurde: ein ganzes Universum tiefgründiger Comicpoesie.