Warum auch du am Ersten Mai demonstrieren gehen solltest

Der Erste Mai ist in vielen Städten zu einem inhaltsleeren Karneval verkommen. Dabei lohnt es sich immer noch, gegen schlechte Arbeitsbedingungen auf die Straße zu gehen. Ein Kommentar

Teilnehmende einer Ersten-Mai-Demo in Hamburg.

Teilnehmende einer Ersten-Mai-Demo in Hamburg. Foto: Malte Christians / dpa

Der Erste Mai hat dieses Jahr Geburtstag. 1919 wurde der Tag erstmals als Feiertag zelebriert. Heute ist weitgehend vergessen, was am Tag der Arbeit eigentlich gefeiert wird. Man verbringt ihn entweder demonstrativ nicht-arbeitend im Bett oder wahlweise auf einem der Maifeste, welches zumindest in Berlin-Kreuzberg inzwischen ballermanneske Züge annimmt. Dabei geht es am Tag der Arbeit nicht um das Feiern des Umstandes, dass man sich ausnahmsweise mal nicht ins Büro schleppen muss.

Wie beim Internationalen Frauentag, der in Berlin seit 2019 ein gesetzlicher Feiertag ist, ist der Erste Mai ein Tag, der dem Kampf gegen ein gesellschaftliches Problem gewidmet ist. Beim Internationalen Frauentag geht es um den Kampf für Frauenrechte – beim Tag der Arbeit um den Kampf für Arbeiter*innenrechte. Und dieser Kampf ist noch lange nicht gewonnen.

Der Erste Mai – made in the United States of America

Die Ursprünge des Maifeiertags liegen nicht in Deutschland, sondern den Vereinigten Staaten. 1886 rief die nordamerikanische Arbeiter*innenbewegung zu einem Generalstreik am 1. Mai auf. Sie forderten die Einführung des Achtstundentags. In Chicago kam es dabei zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Arbeitenden, den sogenannten Haymarket Riots. Dutzende Menschen starben.

Um den Toten der Haymarket Riots zu gedenken, erklärte der zweite internationale Arbeiter*innenkongress den 1. Mai zum Kampftag der Arbeiter*innenbewegung. Seit 1890 gehen am 1. Mai weltweit Arbeitende auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren und zu streiken. In Deutschland wurde der 1. Mai erstmals 1919 zu einem einmaligen Feiertag erklärt.

Die Arbeitsbedingungen waren im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts natürlich nicht mit den heutigen vergleichbar. Mitte des 19. Jahrhunderts betrug die Arbeitszeit für deutsche Fabrikarbeitende im besten Fall zwölf Stunden pro Tag – und das sechs Tage die Woche. Gesetzlichen und bezahlten Urlaub gab es nicht. Erst 1903 wurde Arbeit für Kinder unter 12 Jahren verboten. In den Fabriken fehlten oft Toiletten und Waschbecken, die Luft war stickig, das Licht zu dunkel. Arbeitsunfälle gehörten zur Tagesordnung. Dazu kamen die Wohnverhältnisse: Ihre Arbeitsplätze zogen die Menschen in die Städte, wo sie dicht an dicht in schäbigen Mietskasernen hausten.

Es ist eine der größten Errungenschaften der Gewerkschaften und auch der Sozialdemokratie, dass die Arbeitsbedingungen in Deutschland heute um Lichtjahre besser sind. Trotzdem wäre noch einiges zu tun – in Deutschland und noch viel mehr im Rest der Welt.

Auch 2019 ist noch viel zu tun

Laut dem Armutsbericht 2018 des Paritätischen Wohlfahrtsverbands sind in Deutschland fast 14 Millionen Menschen arm. Da Deutschland ein wohlhabendes Land ist, spricht man in diesem Fall von sogenannter relativer Armut. Bedeutet: Wer hierzulande wesentlich weniger verdient als der Durchschnitt, gilt als arm. In Deutschland lag die Armutsgrenze 2017 für eine alleinlebende erwachsene Person bei einem Einkommen von 999 Euro im Monat.

Der größte Teil dieser fast 14 Millionen Menschen arbeitet, befindet sich in einer Ausbildung oder ist in Rente. Unter den sogenannten working poor sind viele von befristeten Verträgen oder Leiharbeitsverhältnissen betroffen. Es handelt sich dabei nicht um Minijobber*innen oder Gelegenheitsarbeitende – fast die Hälfte arbeitet in Vollzeit und verdient trotzdem zu wenig.

Darüber hinaus gibt es in vielen Branchen miserable Arbeitsbedingungen. Zum Beispiel in der Paketzustellung: Große Paketdienste beschäftigen Mitarbeitende über Subunternehmen, für die kein Tarifvertrag gilt, keine Gewerkschaft zuständig ist, teilweise Sozialversicherungsbeiträge nicht ausbezahlt werden und sich häufig um den Mindestlohn herumgemogelt wird. Auch in der Pflegebranche herrschen Missstände. In Bayern könnte es dieses Jahr ein Volksbegehren gegen den Pflegenotstand geben. In Bayerns Krankenhäusern fehlen Schätzungen zufolge etwa 12.000 Pflegestellen. Die Folge: überlastete Pflegekräfte, überfüllte Notaufnahmen, zu wenig Zeit für die Patient*innen.

Und auch außerhalb der Arbeitswelt gibt es unzählige soziale Missstände, zum Beispiel im Bereich Wohnen und Mieten. In deutschen Großstädten steigen die Mieten ungebremst weiter. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, nachdem fast alle Bundesländer in den vergangenen Jahrzehnten den Sozialwohnungsbau runtergekurbelt haben. In München, Hamburg und Berlin demonstrierten wiederholt Hunderttausende gegen Verdrängung aus den Großstädten.

Internationale Solidarität statt Ballermannsaufen am Kotti

Das sind nur einige Probleme, die wir in Deutschland haben. Doch in anderen Teilen der Welt sind die Arbeitsbedingungen deutlich schlimmer. Erinnert sei beispielsweise an die Katastrophe in Bangladesch 2013, als das achtstöckige Textilfabrik-Hochaus Rana Plaza einstürzte und über 1.100 Arbeiter*innen in den Tod riss. Die Gebäudesicherheit ist seitdem verbessert worden – die Arbeitsbedingungen bleiben schlecht. Laut Recherchen von Deutschlandfunk Nova wurden die Löhne seit fünf Jahren nicht erhöht, Näher*innen müssen weiterhin Überstunden machen, die Diskriminierung von Frauen ist weiterhin an der Tagesordnung und es gibt kaum Chancen für Gewerkschaften, sich zu organisieren.

Oder auch das Grubenunglück in Soma im Westen der Türkei 2014: 301 Menschen starben, nachdem in dem Braunkohlebergwerk Feuer ausgebrochen war. Die meisten davon erstickten. Die Führungsriege des Bergwerks wurde verurteilt: Sie sollen aus Profitgier Sicherheitsmaßnahmen vernachlässigt haben.

All die Beispiele zeigen: Auch 2019 ist es noch wichtig, öffentlich gegen schlechte Arbeitsbedingungen und soziale Missstände zu protestieren. Und genau dafür sollte der Erste Mai genutzt werden.

Der Erste Mai ist zu einem bedeutungsleeren Karneval verkommen.

In fast allen deutschen Großstädten organisieren Gewerkschaften Erste-Mai-Demos. Diese sind, überboten von den spektakulären Bildern von hochgerüsteten Polizeihundertschaften und ballermannartigen Straßenfestexzessen, heute beinahe in Vergessenheit geraten. Der Erste Mai ist zu einem bedeutungsleeren Karneval verkommen. Dabei muss man nicht Teil einer Gewerkschaft sein, um am Ersten Mai friedlich für gesellschaftliche Veränderungen auf die Straße zu gehen. Man muss noch nicht mal von schlechten Arbeitsbedingungen und sozialer Ungerechtigkeit betroffen sein. Demonstrieren gehen sollte – wie bei den Demos zum Internationalen Frauentag – jede*r, der*die kann, auch aus Solidarität mit Betroffenen.

Ohne den Kampf der Arbeiter*innenbewegung würden wir nicht das Leben führen, das wir heute führen. Der Erste Mai ist ein Feiertag, an dem wir unsere Privilegien wertschätzen und Solidarität mit all jenen zeigen sollten, die unter schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen leiden – in Deutschland und weltweit.

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