Warum das Internet in Deutschland immer noch so schrecklich langsam ist

Deutschland hinkt in Sachen schnelles Internet immer noch hinterher. Woran das liegt und was sich ändern muss.

Warum das Internet in Deutschland immer noch so schrecklich langsam ist

„Ein signifikanter Anteil der deutschen Bevölkerung hat keinen zeitgemäßen Internetzugang." Pexels I CCO


Bevor dieser Text auf euren Bildschirmen landen konnte, hat er einen langen Weg auf sich genommen. Von meinem Computer in die ze.tt-Redaktion, von dort auf den Server, um dann mit einem Klick auf eurem Empfangsgerät zu landen. Damit das klappt (und das hat es ja, schließlich lest ihr gerade diese Zeilen) braucht es ein komplexes Netzwerk aus Kabeln und Signalen, die sogenannte digitale Infrastruktur. Sie sorgt dafür, dass wir im Internet Inhalte aller Art hoch- und runterladen können, dass wir Zugriff auf Websites und Datenbanken haben und dass unsere E-Mails ihr Ziel erreichen.

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Es ist euer Glück, dass es sich bei diesem Text nicht um ein hochauflösendes Video oder einen Inhalt mit großer Datenmenge handelt. Denn dann könntet ihr ein Problem haben, gerade wenn ihr euch in einer ländlichen Gegend befindet. Die Versorgung mit Internet in Deutschland ist schlecht, zumindest im Vergleich zu anderen Industrienationen. Während die Menschen in Rumänien und Estland auch in vielen abgelegenen Gegenden mit Highspeed surfen können, gibt es bei uns ein echtes digitales Versorgungsproblem.

Landstraße versus Autobahn

Unser Internetsystem ähnelt einem herkömmlichen Straßenverkehrsnetz. Mit welcher Geschwindigkeit wir fahren können, hängt davon ab, welche Straße wir benutzen. In Deutschland werden wir immer noch vorwiegend durch Kupferkabel mit Internet versorgt, sozusagen die Landstraße unter den Leitungen. Sie schaffen nur auf kurzen Distanzen schnelle Geschwindigkeiten; sind die Wege länger, wird die Übertragung automatisch langsamer. Zeitgemäßes Highspeed-Internet mit 100 Megabit oder mehr können dann nicht mehr erreicht werden.

Über eine Datenautobahn, das sogenannte Glasfaserkabelnetz, sind in Deutschland 2,7 Millionen Haushalte verbunden. Allerdings nutzen nur 675.000 davon dieses schnelle Internet auch tatsächlich. Das entspricht etwa 1,6 Prozent, ein Wert, der deutlich unter dem EU-Durchschnitt liegt. Auch bei mittleren Internetgeschwindigkeiten hinkt Deutschland hinterher, und selbst auf diese hat ein Viertel der Menschen immer noch keinen Zugriff.

Ein signifikanter Anteil der deutschen Bevölkerung hat keinen zeitgemäßen Internetzugang“ – Thomas Rudl von Netzpolitik.org

„Ein signifikanter Anteil der deutschen Bevölkerung hat keinen zeitgemäßen Internetzugang“, sagt Tomas Rudl von Netzpolitik.org. Das ist ein Problem, und zwar nicht nur, weil wir HD-Videos nicht ruckelfrei streamen können. Das Internet ist heute ein Teil der gesellschaftlichen Teilhabe. Wer davon ausgeschlossen ist, kann viele Dienstleistungen gar nicht mehr in Anspruch nehmen. Und auch für die Wirtschaft ist die mangelhafte digitale Versorgung problematisch: „Wenn Sie als Architekturbüro mit vielen Mitarbeitern große Datenmengen hoch- und herunterladen müssen, brauchen Sie einen Internetzugang, der das leisten kann“, sagt Tomas Rudl.

Auch das mobile Internet ist schlecht

Ähnlich schlecht sieht es im Mobilfunkbereich aus. Die deutschen Tarife sind europaweit mit am teuersten – bei einem gleichzeitig sehr niedrigen Datenvolumen. In der rumänischen Walachei ist das mobile Internet vielerorts besser als im Münsterland. Der Grund auch hier: Glasfaser. Denn nur wenn die Mobilfunkstationen über einen solchen Anschluss verfügen, liefern sie flächendeckend gutes Internet aufs Handy.

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Mittlerweile hat auch die Politik das Problem erkannt. Der frisch ausgehandelte Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD widmet dem Thema ganze zwölf Seiten. Mit zehn bis zwölf Milliarden Euro wollen die Parteien die privaten Anbieter beim Ausbau unterstützen. Tomas Rudl ist skeptisch, ob das reicht: „Auch die letzte Bundesregierung hatte schon das Ziel, eine flächendeckende Versorgung mit 50 Megabit pro Sekunde zu gewährleisten. Geschafft hat sie das nicht.“ Eine solche Geschwindigkeit erreicht man auch noch mit den alten Kupferkabeln, aus denen die Anbieter dann noch mal alles herausholen könnten. „Zukunftsfähig ist diese Technik aber nicht“, sagt Tomas Rudl, „mittelfristig sollte man 100 Megabit oder mehr für alle Haushalte anpeilen.“ Hinzu kommt, dass es weiterhin kein eigenes Ministerium für Digitales geben soll, die Zuständigkeit bleibt über mehrere Ressorts verteilt.

Rentabilität vor Versorgung

Das Problem in Deutschland liegt auch darin, dass vor allem private Anbieter*innen wie die Telekom oder Unitymedia für die Kabellegung und somit die Versorgung zuständig sind. Und die sind vor allem darauf aus, Gewinne zu machen. „Private Unternehmen fragen sich als Erstes, ob etwas rentabel ist“, sagt Tomas Rudl. Und rentabel ist die Internetversorgung vor allem in den größeren Städten, nicht aber in dünnbesiedelten Landstrichen. In Ländern wie Schweden etwa, wo die digitale Infrastruktur um einiges besser funktioniert, kümmern sich die Kommunen um den Ausbau. „Die haben ein besseres Know-how und keinen so großen Gewinndruck“, meint Tomas Rudl. Die privaten Anbieter*innen können dann die vorhandenen Kabel nutzen. Ein ähnliches Konzept könnte auch in Deutschland kommen. So tun sich einige Landkreise mit privaten Anbieter*innen wie Vodafone zusammen, um den Glasfaserausbau bis in die Häuser zu gewährleisten – auch auf dem Land.

Ein Recht auf Internet

Im Koalitionsvertrag findet sich auch eine Zeile, die für die Vertreter*innen der Industrie wie eine Drohung klingen muss. Hier ist von einem „rechtlich abgesicherten Anspruch“ zum 1. Januar 2025 die Rede, sollten bis dahin nicht ohnehin schon alle Haushalte über schnelles Internet verfügen. Ein Grundrecht auf Internet, wie sinnvoll ist so etwas? „Das kommt darauf an, ob man den Anspruch dann auch einklagen kann“, sagt Tomas Rudl. Für ihn kann ein Rechtsanspruch auf schnelles Internet den Druck auf die Anbieter*innen erhöhen und so eine Verbesserung bringen, aber: „2025 ist noch sehr lange hin“, und „die Industrie wehrt sich vehement gegen eine solche Regelung.“

Immerhin hat sich der Zugang zu öffentlichen WLAN-Netzwerken in den letzten Jahren verbessern können. Durch die Abschaffung der sogenannten Störerhaftung können die Betreiber der Netzwerke nicht mehr für illegales Verhalten verantwortlich gemacht werden, wenn sich beispielsweise ein*e Cafébesucher*in über ihr Netzwerk illegal Filme runterlädt. So trauen sich mehr Unternehmer*innen, aber auch Privatleute, ihr Netzwerk für andere zu öffnen. Im neuen Koalitionsvertrag ist außerdem die Rede von „WLAN an allen öffentlichen Einrichtungen, Zügen und Bahnhöfen der Deutschen Bahn“.

Dass Internetanbieter*innen und Politik an einem Strang ziehen müssen, scheint unvermeidbar, wenn Deutschland seinen digitalen Rückstand aufholen will. Rechtsanspruch oder nicht, es sollte allen möglich sein, einen Behördengang online zu erledigen, Videos aus Mediatheken zu streamen oder auf Websites zuzugreifen. Erst wer diese Möglichkeit hat, hat die Wahl, online zu gehen oder auch mal offline zu bleiben – dann aber freiwillig.