Warum das Wort „Rasse“ nichts im Grundgesetz zu suchen hat

Laut Artikel 3 des Grundgesetzes dürfen Menschen nicht aufgrund ihrer „Rasse“ benachteiligt werden. Damit wird rassistische Ideologie reproduziert – denn es gibt keine menschlichen Rassen. Ein Kommentar

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Artikel 3 des Grundgesetzes reproduziert rassistische Ideologie – die er eigentlich bekämpfen will. Grafik: © ze.tt

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

Das steht in Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes. Das Anliegen dahinter ist sicherlich löblich – dennoch reproduziert der Satz etwas, das er eigentlich bekämpfen will: Rassismus. Denn indem der Artikel vorgibt, dass niemand aufgrund seiner oder ihrer „Rasse“ diskriminiert werden darf, setzt er voraus, dass es so etwas wie menschliche „Rassen“ gibt – was nichts als rassistische Ideologie und heute wissenschaftlich widerlegt ist.

Klar, Menschen sehen unterschiedlich aus. „Je nach Region haben sich Menschen an die lokalen Bedingungen angepasst, an Klima, Nahrung und Krankheiten“, schreibt der Anthropologe John H. Moore in der Encyclopedia of race and racism. Daher kämen Unterschiede in der Hautfarbe, Größe oder Haarstruktur. Eine Einteilung der Menschen in Rassen erlauben diese Unterschiede allerdings nicht, wie die Genforschung bestätigt.

„Eben weil diese Merkmale äußerlich sind, springen die Unterschiede zwischen den ‚Rassen‘ so sehr ins Auge, dass wir glauben, ebenso krasse Unterschiede existierten auch für den ganzen Rest der genetischen Konstitution. Aber das trifft nicht zu: Im Hinblick auf unsere übrige genetische Konstitution unterscheiden wir uns nur geringfügig voneinander“, schreibt der Populationsgenetiker Luigi Cavalli-Sforza in dem Buch Verschieden und doch gleich.

Warum die Weißen menschliche Rassen erfunden haben

Die Einteilung der Menschen in vermeintliche Rassen erfolgte jedoch schon lange bevor die DNA entdeckt wurde. Im 18. und 19. Jahrhundert begannen weiße Menschen auf Basis vermeintlich wissenschaftlicher Beweise damit, anhand der äußeren Unterschiede auf Unterschiede in Psyche, Temperament, Intelligenz und Moral zu schließen. In Deutschland prägte der Aufklärer und Philosoph Immanuel Kant – der bis heute weitgehend unkritisch rezipiert wird – den Begriff der Rasse. So schrieb er beispielsweise: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die N. sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften.“

So wurde die Ideologie des Rassismus erfunden – der Glaube daran, dass Menschen nicht nur unterschiedlich, sondern bestimmte Menschengruppen anderen überlegen seien. Warum? „Konfrontiert mit der Unmöglichkeit, Transatlantischen Sklavenhandel und Kolonialismus mit dem in Europa und den USA deklarierten Idealen von Freiheit, Gleichheit und Solidarität in Einklang zu bringen, bedurften die europäischen Kolonialmächte einer Rechtfertigungsideologie für ihre Politik der Eroberung, Ausbeutung, Unterdrückung und Gewaltherrschaft“, schreibt Susan Arndt in Mythen, Subjekte, Masken.

In Deutschland sollte man sich spätestens seit 1945 klar sein, dass der Begriff „Rasse“ extrem belastet ist – auch wenn er dies bereits längst vor den Nationalsozialist*innen war. Die rassistische Ideologie legitimiert seit ihrer Erfindung Ausbeutung, Gewalt und die Vernichtung von Menschen, von der Versklavung von Schwarzen Menschen aus Subsahara-Afrika über den europäischen Kolonialismus bis hin zur Shoah, der systematischen Ermordung europäischer Jüdinnen*Juden. Auf Begriffen wie „Rassenkampf“ sowie der Einteilung in „Arier“ und „Herrenrasse“ in Abgrenzung zu „unwertem Leben“ fußte die Ideologie der Nazis. Dennoch schaffte es der Rassebegriff 1949 ins Grundgesetz – und wird dort bis heute verteidigt.

Bis heute glauben Menschen an die Existenz menschlicher Rassen – oder verhalten sich dementsprechend

Jetzt steht Artikel 3 zum wiederholten Mal in der Kritik – nachdem der Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem gewaltsamen Polizeieinsatz auch in Deutschland eine enorme Debatte über Rassismus auslöste. Grünen-Vorsitzender Robert Habeck schlug gegenüber der Süddeutschen Zeitung vor, „den Begriff ‚Rasse‘ im Grundgesetz durch die Formulierung ‚rassistische Zuschreibungen‘ zu ersetzen“ – das fordert auch die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (PDF). Laut Angaben der Deutschen Welle wurde in den Landesverfassungen von Bremen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen der Begriff bereits gestrichen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sei laut Pressesprecher Steffen Seibert offen für eine Debatte darüber, wohingegen CDU-Fraktionsmitglied Mathias Middelberg den Vorstoß der Grünen eher für Symbolpolitik hält, die „in der Sache keinen Schritt weiter“ führen würde.

Race does not exist. But it does kill people.

Colette Guillaumin, Soziologin

Middelberg hat Recht – es ist Symbolpolitik. Damit wird weder rassistische Polizeigewalt noch andere gesellschaftlichen Missstände beseitigt. Gleichzeitig ist es ein wichtiges Symbol. Bis heute glauben Menschen noch daran, dass man Menschen in verschiedene „Rassen“ einteilen könne und das sind bei weitem nicht nur Mitglieder der extremen Rechten. All diese Menschen können sich bis heute auf das Grundgesetz beziehen, in dem in Artikel 3 rassistische Terminologie reproduziert wird.

Natürlich ist es wichtig, den Begriff nicht einfach zu streichen, sondern zu ersetzen. Denn auch wenn es nicht so etwas wie biologische Menschenrassen gibt, prägt deren Mythos bis heute unsere Denk- und Verhaltensmuster sowie politischen und kulturellen Prozesse. Bedeutet: Aus biologischer Sicht mögen menschliche Rassen nicht existieren – als soziales Konstrukt existieren sie aber schon. Die französische Soziologin Colette Guillaumin formulierte den Dualismus des Rassebegriffs zwischen Existenz und Nichtexistenz sehr treffend. Sie schreibt: „Race does not exist. But it does kill people.“