Warum Datingseiten für Menschen mit Behinderung diskriminierend sind

Ein gesondertes Onlinedating für Singles mit Behinderung teilt die Gesellschaft und verstößt gegen die UN-Behindertenrechtskonvention. Ein Kommentar

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Foto: Je mehr Singles mit Behinderung sich auf den Mainstream-Portalen anmelden, desto selbstverständlicher wird Vielfalt auf diesen werden. Foto: Jeremy Bishop/Unsplash

„Bei anderen Portalen muss man sagen, dass man eine Behinderung hat. Bei handicap-love.de geht es darum, welche Behinderung man hat“, berichtet der Betreiber der Seite, Benedict Schmid, in einem Interview. Handicap-love.de ist ein Datingportal, das sich explizit an Menschen mit Behinderung richtet und damit keine Ausnahme ist. Andere Beispiele sind behinderte-dating.com oder LiebeMitBehinderung.com.

Was ist der Vorteil gegenüber regulären Portalen?

Schmid behauptet im Interview, auf herkömmlichen Datingseiten breche der Chat meist in dem Moment ab, in dem man sich als behindert oute. Auf Seiten eigens für Menschen mit Behinderung sei man davor geschützt, da hier die Behinderung von vornherein bekannt ist. Und doch halte ich ein gesondertes Onlinedating für Menschen mit Behinderung für diskriminierend.

Vor zehn Jahren trat in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Die UN-BRK ist ein Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Sie fordert Inklusion: eine volle Teilhabe aller Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen. Ein gesondertes Angebot im Onlinedating läuft dieser Forderung zuwider und widerspricht gleich mehreren Artikeln des Dokuments. Artikel 8 etwa fordert:

Keine Klischees über Menschen mit Behinderung

Ein solches Klischee ist zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderung am besten untereinander paaren. Ein eigenes Onlinedating für Menschen mit Behinderung befördert dieses Stereotyp.

Menschen mit Behinderung haben das Recht auf gleiche Wahlmöglichkeiten

Dieses Recht soll Artikel 19 sichern. Ein eigenes Onlinedating für Menschen mit Behinderung bedroht dieses Recht bei der Partner*innenwahl. Es lässt einen Druck entstehen, dich als Single mit Behinderung bitte auch auf den für dich vorgesehenen Seiten anzumelden. So habe ich im Forum eines Mainstream-Portals gelesen, wie ein User seine Unsicherheit im Umgang mit seiner Behinderung offenbarte und ihm daraufhin nahelegt wurde, es doch mal auf einer Singlebörse für Menschen mit Behinderung zu probieren. Außerdem gemahnt Artikel 19:

Keine Absonderung

Ein gesondertes Onlinedating widerspricht dieser Forderung, indem es eine Trennung von Menschen mit und ohne Behinderung befördert.

Vor zehn Jahren trat nicht nur die UN-BRK in Kraft, vor zehn Jahren ging auch handicap-love.de online. Was aber brachte Benedict Schmid – damals noch Teenager – dazu, etwa zur selben Zeit, als in Deutschland mit der Ratifizierung der UN-BRK ein großer Schritt in Richtung Inklusion getan wurde, mit der Gründung seines Datingportals einen Schritt in Richtung Absonderung zu tun?

Wegen seiner Akne habe er sich damals gescheut, auf sein erstes Date zu gehen. Dadurch habe er sich gefragt, „wie schwer es Menschen mit Behinderung fällt, auf Partnersuche zu gehen“, erzählt Benedict Schmid im bereits eingangs zitierten Interview. Die Motivation, handicap-love.de zu gründen, war also Scham.

Kreislauf muss durchbrochen werden

Ein gesondertes Onlinedating für Menschen mit Behinderung hilft wohl kaum, Scham zu überwinden. Im Gegenteil: Wenn Benedict Schmids Aussage stimmen sollte, dass der Chat auf herkömmlichen Portalen meist abbreche, wenn man sich als behindert oute, liegt das unter anderem an der mangelnden Selbstverständlichkeit, die Beeinträchtigung dort hat. Je weniger Menschen mit Behinderung auf den gängigen Portalen vertreten sind, umso weniger selbstverständlich wird Beeinträchtigung auf diesen sein und umso negativer werden die Reaktionen ausfallen, die User*innen mit Behinderung erhalten könnten. Das wiederum bestätigt Menschen mit Behinderung in ihrer eventuellen Scham. Und ein fataler Kreislauf beginnt.

Vielfalt muss zur Normalität werden

Je mehr Singles mit Behinderung sich auf den Mainstream-Portalen anmelden, desto selbstverständlicher wird Vielfalt auf diesen werden. Und Vielfalt muss zur Normalität werden – immerhin hat fast jede*r zehnte in Deutschland eine sogenannte Schwerbehinderung. Es muss zur Selbstverständlichkeit werden, dass man beim Daten im Internet potenzielle Partner*innen mit Behinderung trifft. Das kann nur gelingen, wenn sich Menschen mit Behinderung auf den Mainstream-Portalen anmelden. Nur so kann die inklusive Gesellschaft auch im Onlinedating Stück für Stück Wirklichkeit werden. Nicht aber, wenn sich Menschen mit Behinderung auf speziellen Seiten absondern (lassen).