Warum der 15-jährige Linus und Tausende andere Schüler*innen heute schwänzen

In mehr als 50 Städten in Deutschland demonstrieren am Freitag Schüler*innen für den Klimaschutz. Der 15-jährige Linus Steinmetz aus Göttingen erzählt, warum es Zeit ist, die Schulbank gegen die Straße zu tauschen.

In Göttingen schwänzen Schüler*innen den Unterricht, um ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen.

In Göttingen schwänzen Schüler*innen den Unterricht, um ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen. Foto: Linus Steinmetz

ze.tt: Linus, du hast zusammen mit anderen Schüler*innen den bundesweiten Schulstreik organisiert. Wie viele protestieren heute in Göttingen?

Linus: Wir sind etwa 300 Schüler*innen, die vor dem Rathaus stehen. Die Stimmung ist super gut, es läuft Musik und viele tanzen, zwischendurch werden Reden gehalten. Wir haben alle Schulen in Göttingen mobilisiert und es sind auch alle vertreten. Vereinzelt sind auch Lehrer*innen dabei. Was ich bisher von den anderen Städten gehört habe, werden wir bundesweit mehrere Tausend Schüler*innen sein, die heute streiken.

Warum machst du bei dem Schulstreik mit?

Wir sehen, dass es schon seit Längerem eine Klimapolitik gibt, die total ihre Ziele, aber auch die Interessen von allen Menschen, vor allem von jungen Menschen auf der Erde verfehlt. Die überhaupt nicht zukunftsfähig ist. Die Politiker*innen von heute werden nicht unter der heutigen Klimapolitik leiden, sondern wir jungen Menschen. Der Protest lässt sich meiner Meinung nach dadurch rechtfertigen, dass die Politik uns nicht zu vertreten scheint und uns keine gute Zukunft garantieren kann. Deswegen ist für uns der Punkt erreicht, uns nicht mehr an die Regeln zu halten und zu protestieren, damit auch uns unsere Zukunft garantiert wird. Es ist nicht nur ein deutsches Problem, es ist ein ganz internationales Problem, deswegen ist es toll, dass von Schweden bis Australien sich Schüler*innen zusammenfinden und gemeinsam streiken.

Ihr schwänzt heute den Unterricht. Mit welchen möglichen Konsequenzen müsst ihr wegen eures Streiks rechnen?

Es ist tatsächlich so, dass an unserer Schule der Schulleiter gesagt hat, dass es nicht erlaubt und verboten ist, er aber persönlich Sympathien hat. Das hören wir von vielen Erwachsenen. Sie sagen, es ist eigentlich nicht erlaubt, aber es ist richtig und deswegen solle man es tun. An einigen Punkten gibt es Einschüchterungen von Erwachsenen, das ist falsch. Aber wenn wir uns zusammenschließen und viele Menschen streiken, wird es keine großen Strafen geben. Dann wird es am Ende gewertet wie Blaumachen. Gerade wenn viele Leute mitmachen, hat das keine großen Folgen. Außerdem sollte man sich bewusst machen, was einem wichtiger ist – ein oder zwei unentschuldigte Fehltage auf dem Zeugnis oder etwas dagegen tun, dass seine eigene Zukunft nicht zerstört wird. Da sollten die Prioritäten relativ klar sein.

Was sagen deine Eltern dazu, dass du den Unterricht verpasst?

Meine Eltern unterstützen mich auf jeden Fall dabei, das zu organisieren. Sie können verstehen, dass ich protestiere. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber natürlich freut es niemanden, wenn sein Sohn oder seine Tochter die Schule schwänzt, aber da glaube ich, dass es langfristig das Richtige ist. Sie zeigen Verständnis dafür.

Greta Thunberg, die mit dem Schulstreik begonnen hat, will jeden Freitag die Schule schwänzen, bis die schwedische Regierung ihre Klimaziele 2030 erreicht. Plant ihr auch längerfristige Proteste?

Was Greta macht, ist eine sehr radikale Form von dem, was wir tun. Es ist unser zweiter Streik, der erste fand im Dezember statt. Vielleicht werden wir nicht so regelmäßig wie Greta protestieren, wir wollen aber, dass es öfter stattfindet. Momentan lenken wir alle unsere Kräfte auf den 25. Januar und versuchen, dass möglichst viele von uns nach Berlin kommen, um dort vor dem Bundeswirtschaftsministerium zu protestieren. Dort wird die Kohlekommission tagen.

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Linus hat den Protest an seiner Schule in Göttingen mitorganisiert. Foto: privat

Wie hast du vom Klimawandel erfahren?

Zu allererst habe ich es von meinen Eltern mitbekommen. Das ist ein Privileg, dass die eigenen Eltern das einem mitgeben. Das ist aber nicht selbstverständlich. Es müsste mehr an Schulen aufgeklärt werden, sodass nicht nur die privilegierten Menschen an einer guten Schule und mit gebildeten Eltern über den Klimawandel Bescheid wissen, sondern dass es breit zum Thema wird. An unserer Schule wurde es behandelt und es hat mich sehr politisiert. Aber man merkt an anderen Schulen in unserer Stadt, dass dies nicht selbstverständlich ist und dass man schauen muss, dass das nicht von Einzelpersonen kommt, sondern staatlich organisiert wird.

Erst kürzlich haben mehr als 190 Länder auf der UN-Weltklimakonferenz in Polen über zukünftige Klimaschutzmaßnahmen verhandelt. Wird genug gegen den Klimawandel gemacht?

Nein, auf keinen Fall wird genug getan. Hin und wieder gibt es Phasen, in denen sich Politiker*innen hinstellen und sich mit dem Thema profilieren – von wegen Klimakanzlerin. Aber am Ende sieht man, dass keine Taten folgen. Zum Beispiel war die Klimakonferenz in Paris ein absolut begrüßenswertes Ereignis, wo Klimaziele und -maßnahmen beschlossen wurden. Aber man sieht, dass nur darüber geredet wurde, aber die Konsequenz, die Taten im Anschluss fehlen. Noch eine Sache: Auch wenn in Deutschland verständlicherweise auf Trumps Klimapolitik geschimpft wird, sollte man sich bewusst machen, dass auch Deutschland seine Klimaziele nicht einhält und momentan nicht mal mehr vorgibt, sie einzuhalten. Dass man sich einfach zurückzieht und sagt, wir schaffen das nicht, ist absolut zu verurteilen. Das fällt manchmal so ein bisschen hinten runter.

Die Politiker*innen sollten sich auch überlegen, wie viele Schicksale und Menschenleben, gerade von jungen Menschen, von ihren Handlungen abhängen.

Linus

Was ist dein Appell an die Erwachsenen?

Wenn man Politiker*in ist, sollte man sich überlegen: Gucke ich jetzt nur auf meine Umfragewerte oder Börsenkurse oder Machtaussichten oder realisiere ich endlich mal, was passiert, wenn ich so weiter mache und wir als Gesellschaft nichts ändern. Die Politiker*innen sollten sich auch überlegen, wie viele Schicksale und Menschenleben, gerade von jungen Menschen, von ihren Handlungen abhängen. Sie sollten kurzfristige Eigenerfolge gegen das langfristige Verhindern einer Katastrophe aufwiegen. Sie sollten gucken, ob das Eigeninteresse dem Interesse aller wirklich vorgezogen soll. Wenn man sich dem Gedankengang bewusster ist, würde das schon vieles bewirken.

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