Warum der Abschied in einer Fernbeziehung besonders schwerfällt

Je schöner die gemeinsame Zeit, desto schwerer fällt der Abschied. Unsere Autorin erzählt über den Trennungsschmerz in ihrer Fernbeziehung.

Nichts mehr mit kuscheln! Foto: Unsplash

Es waren die ersten Stunden des neuen Jahres, an denen mich die Zweifel überrannten. Ich wollte sie eigentlich nicht zulassen, ihnen erst gar keinen Raum lassen. Schließlich war dafür doch keine Zeit. Doch sie kamen aus dem Nichts und ließen sich nicht abschalten. Selbstzerstörerische Fragen wurden zu aggressiv bohrenden Stimmen in meinem Kopf: Warum tue ich mir das an? Sollte ich nicht einfach dort bleiben, wo ich mich zu Hause fühle?

Gemischt mit Alkohol, der Melancholie des Neujahrtages und Müdigkeit war es eine ziemlich explosive Mischung, die in mir tobte. Natürlich ist der Nachhauseweg von einer Party der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um über generelle Lebensentscheidungen nachzudenken. Aber die Zweifel waren groß und ich war erschöpft.

Ich wusste, in ein paar Stunden musste ich aufstehen, meine Sachen packen und zum Flughafen fahren. Mich machte die Tatsache furchtbar wütend, dass wir nicht wie jedes andere Paar nebeneinander gammeln und das neue Jahr ohne Stress und zusammen starten konnten. Schon wieder musste jemand weg. Schon wieder musste man sich verabschieden. Ich verspürte plötzlich irrationalen Neid auf all die anderen Paare und noch mehr Hass auf mich selbst, weil ich mich in den letzten gemeinsamen Stunden den Ängsten und dem Pessimismus hingab, anstatt die verbleibende Zeit zu genießen.

Abschied am ersten Tag des neuen Jahres

Mit derartigem Abschiedsschmerz aufgrund einer Fernbeziehung bin ich nicht allein. Etwa acht Millionen Menschen in Deutschland leben räumlich voneinander getrennt und das teilweise über lange Zeiträume. Viele von ihnen mussten sich nun nach den Feiertagen verabschieden und nach der gemeinsamen Zeit wieder zurück in den getrennten Alltag.

Als ich vor sieben Monaten nach Berlin ging, war ich überzeugt, dass Abschiede und das Sich-Vermissen mit der Zeit vielleicht nicht einfacher werden würden, aber ich zumindest lerne würde, damit umzugehen. Dass ich nach zahlreichen Abschieden gefestigter im Leben stehen und dadurch vielleicht sogar ein Stück erwachsender werden würde. Diese Überlegungen klingen vielleicht logisch, funktionieren aber leider nur in der Theorie. In der Praxis ist Abschiednehmen jedes Mal wieder gleich schwierig. Zu wissen, was in den nächsten Tagen auf einen zukommt, macht es nicht einfacher – viel mehr ist das Gegenteil der Fall. Man kennt die Tränen, die Betrübtheit und die eigene Unzufriedenheit mit der Situation.

Denn der größte Feind der Fernbeziehung sind die andauernden Zweifel. Und mit Zweifel meine ich nicht fehlendes Vertrauen dem*der Partner*in gegenüber, sondern an sich selbst. Gerade wenn man sich selbst entschieden hat, für den Job, das Studium oder warum auch immer wegzugehen, dann liegt die Verantwortung für die Fernbeziehung nur bei einem selbst. Man kann niemandem die Schuld für seine Misere geben, abgesehen von sich selbst. Das entfacht die immer gleichen Fragen: Will ich zurückgehen? Muss ich mir das Leben selbst so schwer machen? Wie wäre es, wenn ich zurückkommen würde?

So oder so bin ich meist am falschen Ort

Manchmal fühle ich mich wie in einer Parallelwelt. Unser gemeinsames Leben gibt es so nicht mehr, dafür zwei getrennte. Bin ich in der einen Stadt, denke ich an die andere. Wie es dort gerade wäre, was ich verpasse. Bin ich Berlin, denke ich an meinen Freund, meine Freund*innen und an meine Familie. Bin ich dann endlich bei ihnen in Wien, denke ich entweder daran, dass alles bald wieder vorbei ist, oder daran, dass ich mir in der neuen Stadt nie etwas aufbauen werde, wenn ich ständig nach Hause fahre. So oder so bin ich meist am falschen Ort.

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Auch in der gemeinsamen Zeit lebt man in einer Art Parallelwelt. Sieht man sich an den Wochenenden oder wie jetzt über die Feiertage wieder, ist alles einfach nur schön. Die Zeit ist viel zu kostbar, um zu streiten oder auch nur eine Sekunde getrennt voneinander zu verbringen. Zusätzlich überschüttet man sich mit Aufmerksamkeit und Zuwendung. Man gewöhnt sich an einen Gefühlsüberschuss, den natürlich keine Beziehung täglich aufrechterhalten könnte. Umso schöner die gemeinsame Zeit, umso unerträglicher wird der Abschied.

So stecke ich fest in dieser Parallelwelt, zwischen verrückter Verliebtheit an gemeinsamen Tagen und erdrückender Sehnsucht und Heimweh. All die Telefonate, Herz-Emojis, Briefe und Fotos können etwas helfen, die Distanz zu überbrücken, aber nicht die Problematik dahinter zu lösen.

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Während ich in den ersten Morgenstunden des neuen Jahres die leere Straße in Wien entlanggehe, weiß ich, dass niemand diese Zerrissenheit auf Dauer erträgt. Gleichzeitig fällt mir keine Lösung ein. So werde ich auch in diesem Jahr meine Zeit wieder auf Flughäfen und in Bussen verbringen. Werde Sonntage entweder mit Abschieden oder Heimweh verbringen und hoffen, dass es irgendwann einfacher wird. Gleichzeitig aber auch wissen, dass meine Beziehung mir das wert ist.