Warum der erste Morgen neben jemand Neuem der entscheidendste ist

Das erste Mal neben unserer Liebelei aufzuwachen, ist verdammt aufregend. Nicht nur im positiven Sinne.

Wie man mit einem neuen Menschen aufwacht, ist wahnsinnig wichtig.

Wie man mit einem neuen Menschen aufwacht, ist wahnsinnig wichtig. Foto: Toa Heftiba / Unsplash | CC0

Ich weiß nicht genau, wovon ich aufwache. Mein Mund ist trocken, ich muss aufs Klo, Sonnenlicht peitscht mir in die Augen – und auf meinem Bauch liegt ein schwerer, lebloser Arm. Ein fremder Arm. Nun ja, so fremd nun auch wieder nicht, muss ich mich selbst ermahnen. Er gehört zu Mirko, und gestern hatte ich noch mit ganz anderen Körperteilen von ihm zu tun. Und doch: Der Morgen hat alle Selbstverständlichkeit, mit der ich ihm gestern Abend noch begegnete, weggewischt.

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Der Sex, sogar recht anständig für ein erstes Mal, erscheint so weit weg, als wäre er nicht gestern, sondern letztes Jahr gewesen. Der Rausch der Intimität ist verflogen, ich bin wieder nüchtern. Und frage mich, ob er mich wohl gleich beim Kacken nebenan hören wird. Vorsichtig schiebe Mirkos Arm von mir runter, um ins Bad zu gehen. Da öffnet er seine Augen. „Wo willst du hin?”

Ich halte die Luft an. Wir haben ganz gut was weggekippt gestern, aber auch so ist Morgenatem nicht grade mein Steckenpferd. Ohne meine Antwort abzuwarten, schmiegt er sich an mich. Sein Körper ist warm und weich und passt perfekt um meinen herum. Ein wohliger Seufzer entfährt meinem Mund. Jetzt fühle ich mich ihm wieder nah.

Können wir voreinander bestehen?

Egal, ob die Nacht davor großes Kino war oder nur so lala, der erste gemeinsame Morgen ist immer ein Cocktail der Gefühle. Momente der Intimität mischen sich mit Unbehagen, Selbstsicherheit mit Schmerz, Ungewissheit mit Euphorie. Nichts davon will zusammenpassen. Und doch: Es ist nur natürlich – wachen wir doch neben jemandem auf, den wir noch kaum kennen. Vermutlich liegen maximal ein paar Dates hinter uns, und selbst die sind naturgemäß von mindestens ein paar Bier begleitet.

Wir fragen uns beide: Können wir voreinander bestehen?“

Plötzlich sehen wir einander aber nicht nur nüchtern, sondern auch im Tageslicht. Ungeschminkt, verquollen, mit Schlaf in den Augen. Erstens, keine Spur mehr von der eigenen abendlichen Sexyness. Zweitens, keine Spur mehr von der abendlichen Sexyness der*des anderen. Wir wissen es beide, also fragen wir uns: Können wir voreinander bestehen? Natürlich heimlich. Nach außen geben wir uns unserer und seiner*ihrer Unwiderstehlichkeit bewusst.

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Niemandem von uns würde es einfallen, am nächsten Morgen zu sagen: „Puh, irgendwie finde ich dich jetzt doch nicht mehr so heiß.” Das sparen wir uns auf für später, wenn wir uns einfach nicht mehr zurückmelden oder zaghafte Ausflüchte erfinden, warum wir dann doch keine Zeit mehr für gemeinsame Dates haben.

Ein vages Spiel

Überhaupt liegt vieles im Uneindeutigen: Unsere Performance im Bett, beispielsweise. Wir hatten vielleicht den Spaß unseres Lebens, aber hatte unser*e Sex-Partner*in den auch? So eine Evaluation findet nur in den seltensten Fällen statt. Außerdem werden wir kaum im Vorfeld schon erörtert haben, wann wir nach unserer feierlichen Vereinigung endlich zusammenziehen und Kinder bekommen. Nein, das Ganze wird noch für eine ganze Weile ein Spiel bleiben, und zwar ein unverbindliches.

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Selbst wenn wir zärtliche Anflüge von Verliebtheit spüren, gibt es für uns keine Gewissheit. Es gehört dazu, den*die andere*n in latenter Unsicherheit zu wiegen. Denn wer will schon eine*n, der*die gleich den Klammergriff ausfährt? Und so quälen wir uns naturgemäß mit diesem immer gleichen „Will er*sie mich, und zwar genau so sehr wie ich ihn*sie will?”, und unser Gegenüber, indem wir stets im Vagen bleiben. Da nützt auch alles morgendliche Gekuschel nichts, und auch keine weitere Runde Laken Zerwühlen.

Was es so aufregend macht

Laken zerwühlen, das will jetzt auch Mirko. Zugegeben, ich will das auch. Aber jetzt muss ich schon seit einer verdammten halben Stunde aufs Klo – und beschließe, den Gang jetzt endlich anzutreten. Dann hört er es gleich eben platschen. Was soll’s, je früher er erfährt, dass ich einen Darm besitze, desto besser. „Ich muss mal”, sage ich und stehe auf. In der Tür drehe ich mich nochmal zu ihm um. Keine Lust mehr auf Uneindeutigkeit. „Weißt du, irgendwie mag ich dich.” Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

Und in diesem Moment begreife ich: Genau das ist die Magie des ersten gemeinsamen Morgens: Jedes Mal aufs Neue zu spüren, dass wir alle nur Menschen sind. Nicht nur, was unsere Körper betrifft. Sondern auch unsere Sehnsüchte, Wünsche, Hoffnungen. An diesen Morgen zeigt sich, ob sie erfüllt oder enttäuscht werden. Und genau das macht sie so aufregend.