Warum der orthodoxe Jude Noam seiner Familie verheimlicht, dass er schwul ist

Tel Aviv gilt als Gay-Metropole des Nahen Ostens. Dennoch haben Schwule und Lesben aus streng religiösen, jüdischen Familien immer noch mit Intoleranz zu kämpfen und sogar gewaltsame Übergriffe zu befürchten.

Noam (nicht auf dem Bild) hofft, dass durch seine Geschichte auch andere Homosexuelle den Mut finden, zu ihrer Sexualität zu stehen. Pexels II CC0

Noam ist Jude und schwul. Für den 27-Jährigen ist das kein Widerspruch. Für seine streng religiöse Familie ist es unvereinbar. Noam wohnt noch bei seinen Eltern. Seine neun Geschwister sind bereits von zu Hause ausgezogen, doch das Gehalt der Sicherheitsfirma für die er arbeitet reicht nicht aus, um alleine zu leben. Niemand in seiner Familie weiß, dass er schwul ist.

Seine Eltern sind streng gläubig, der Vater ist Vorsitzender eines religiösen Instituts. „Ich muss mich ständig verstecken und so tun, als ob ich hetero sei.“ Noam wohnt mit seiner Familie in Bnei Berak, einer Stadt nordöstlich von Tel Aviv, in der hauptsächlich ultraorthodoxe Jüd*innen leben. Wenn die Menschen dort sein Geheimnis herausfänden, würde er ausgeschlossen und verschmäht. Darum wurde der Name des Protagonisten für diese Geschichte geändert.

Noam ist vorsichtig geworden. Vor ein paar Jahren hatte er ein Date zu sich nach Hause eingeladen, seine Eltern waren verreist. Doch dann kam sein Vater plötzlich früher zurück, als geplant. „Wir hatten gerade Sex, als ich hörte, wie das Auto meines Vaters in der Einfahrt hielt. Ich geriet total in Panik und wusste nicht, was ich tun sollte. Zum Glück hat unser Haus zwei Etagen, sodass der Junge aus meinem Fenster entkommen konnte, bevor mein Vater nach oben kam, um sich im Schlafzimmer auszuruhen.“

„Während meiner Ehe musste ich jedes Mal Viagra schlucken, um Sex haben zu können“

Noam war mit einer Frau verheiratet und hat eine Tochter. Zu groß war der familiäre Druck, der damals auf ihm lastete. Die Ehe wird im Judentum hoch angesehen und so sollte auch er mit 25 Jahren heiraten und Kinder zeugen. „Ich wollte es wirklich versuchen und mich auf eine Frau einlassen. Ich dachte, dass ich es schaffen könnte, in einer heterosexuellen Beziehung zu leben.“ Letztendlich konnte er es nicht. „Ich musste jedes Mal Viagra schlucken, um Sex haben zu können.“

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Mit der Zeit realisierte Noam, dass er so nicht sein ganzes Leben lang weiter machen könne. Er fühlte sich krank, schwach und hilflos. Nach drei Monaten beschloss er sich scheiden zu lassen, auch wenn ihm die Entscheidung alles andere als leicht fiel. „Ich liebe meine Tochter und mag auch meine Exfrau sehr. Sie ist eine tolle Person und ich wollte sie nicht verletzen. Außerdem ist eine Scheidung bei ultraorthodoxen Juden sehr schlecht angesehen. Sie wird Schwierigkeiten haben, einen neuen Mann zu finden. Aber ich konnte nicht mehr so weitermachen. Die Scheidung war mein einziger Ausweg.“

Noam hat sich seiner Frau nie offenbart. Unter dem Vorwand, dass die beiden nicht zusammenpassen, trennte er sich und zog wieder bei seinen Eltern ein. Die gemeinsame Tochter lebt bei ihrer Mutter. Noam sieht sie einmal in der Woche.

Ich habe zwei Persönlichkeiten. Wenn ich mit meiner Familie zusammen bin, dann gebe ich mich als Hetero. Manchmal mache ich dann sogar schwulenfeindliche Witze. Nur bei meinen engsten Freunden kann ich ich selbst sein. Sie sind die Einzigen, die die Wahrheit kennen und mich so akzeptieren, wie ich bin.“

Seine Freund*innen füllen die innere Leere in ihm

Im Leben des jungen Israeli gibt es nur wenige Menschen, die ihm Halt geben. Doch diejenigen, denen er sich öffnen kann, geben ihm Kraft, um besonders schwere Zeiten durchzustehen. Die Mehrheit seiner engen Freund*innen ist ebenfalls homosexuell. Einer von ihnen ist Dudi. Er kommt auch aus einer religiösen Familie, doch seine Eltern und Geschwister wissen, dass er schwul ist. Sie kennen auch Noam und laden ihn gerne zu Familienfeiern ein. „Natürlich gibt es auch religiöse Familien, die Homosexuelle akzeptieren. Aber ich denke nicht, dass meine Familie dazu zählt. Ich habe viel zu große Angst, dass sie mich ausschließen würden“, befürchtet Noam. Er sieht seinen Freundeskreis als zweite Familie. „Ich fühle mich oft alleine. Doch meine Freunde füllen die innere Leere in mir und sind immer für mich da.“

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Zur Zeit ist Noam single. Er hatte schon mehrere Beziehungen, mal ernster, mal weniger ernst. In Tel Aviv fühlt er sich frei. Hier besucht er an Wochenenden Schwulenbars oder trifft sich mit Männern, die er über Facebook oder Apps wie Grindr kennenlernt. „Meistens treffe ich mich mit Touristen. Sie sind offener und es ist leichter mit ihnen in Kontakt zu kommen.“

Einmal im Jahr feiern Queere in Tel Aviv die Gay Pride Parade, um ein Statement für Akzeptanz und Gleichberechtigung zu setzen. In weiten Teilen Israels haben Queere dennoch mit Vorurteilen zu kämpfen. Während gesetzlich eingetragene Lebenspartnerschaften möglich sind und Antidiskriminierungsgesetze die Betroffenen schützen sollen, werden Homosexuelle in den jüdisch-orthodoxen Gemeinden strikt abgelehnt. Gemäß der Halacha, dem gesetzlichen Rechtssystem im Judentum, sind sexuelle Beziehungen mit gleichgeschlechtlichen Partner*innen verboten.

„Ich dachte früher nie, dass Männer mit Männern Sex haben“

Ein Erlebnis hat Noam für immer geprägt. Als Jugendlicher besuchte er ein Internat in Jerusalem. Als er 15 Jahre alt war, wurde er von einem seiner Lehrer über einen Zeitraum von fünf Jahren missbraucht. Noam hatte große Angst, erzählte lange niemandem von den Vorfällen. Erst viele Jahre später vertraute er sich seinen besten Freund*innen an.

„Am Anfang wusste ich nicht, was da geschah. Ich dachte nie, dass es möglich wäre, dass Männer mit Männern Sex haben. Das widersprach allen religiösen Grundsätzen, die ich bis dahin verinnerlicht hatte.“

Mit der Zeit stellte er als Jugendlicher allerdings fest, dass er Jungs irgendwie interessanter fand als Mädchen. Trotz der traumatischen Missbrauchserfahrung, realisierte Noam schließlich für sich selbst, dass er mit Männern zusammen sein will. „Am Anfang fiel es mir nicht leicht meine Gefühle zuzulassen und mir einzugestehen, dass ich schwul bin. Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich mich nun mal so akzeptieren muss wie ich bin.“

Es fehlt an Beratungsstellen

An manchen Tagen ist Noam sehr traurig. Er glaubt nicht, dass er mit seinem Geheimnis in Frieden leben kann. Während liberale jüdische Gemeinden gleichgeschlechtliche Partnerschaften weitestgehend akzeptieren, wird Homosexualität vom orthodoxen Judentum strikt abgelehnt. Gerade jüdisch-orthodoxe Schwule und Lesben brauchen mehr Beratungsstellen, an die sie sich in ihrer Verzweiflung wenden können.

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„Es gibt vereinzelt privat organisierte Initiativen und Gruppen für Homosexuelle aus religiösen Familien. Dort arbeiten auch Psychologen ehrenamtlich. Aber es passiert noch viel zu wenig.“ Noam ist davon überzeugt, dass er offen mit seiner Homosexualität umgehen muss, um glücklich zu werden. Doch noch fehlt ihm die Kraft dazu.

„Wir leben inzwischen im Jahr 2017. Wie lange müssen sich Menschen denn noch wegen ihrer Sexualität verstecken?“ Der junge Israeli hält sich zwar selbst im Verborgenen, aber hofft, dass seine Botschaft viele Menschen erreicht und so allmählich ein Umdenken in den orthodoxen jüdischen Gemeinden stattfindet.