Warum die 40-Stunden-Woche nicht mehr zeitgemäß ist

Am Mittwoch ist das Recht auf Brückenteilzeit beschlossen worden – damit bekommen Beschäftigte die Möglichkeit, von einer Vollzeitstelle in Teilzeit zu wechseln und wieder zurück. Ein guter Schritt, meint unsere Autorin, aber ein viel zu kleiner. Ein Kommentar

Auch so sieht Arbeit manchmal aus. Foto: © Jordan Bauer / Unsplash

Ich liebe meinen Job und bin glücklich mit den Bedingungen, unter denen ich arbeite. Daher schreibe ich diesen Text aus einer priviligierten Position: Ich brauche keine #mondaymotivation, ich freue mich montags auf meine Arbeit als Journalistin. Meine Viertagewoche passt perfekt für mich und mein Leben mit meinem Kind. Von der familiären Care-Arbeit übernehme ich 50 Prozent – wie der Vater meines Kindes. Die Viertagewoche gilt als Teilzeit; dabei bin ich mit meiner Erwerbs- und Familienarbeit voll ausgelastet. In der Diskussion rund um das Rückkehrrecht von einer befristeten Teilzeit auf Vollzeit wird aber etwas vergessen: Vollzeitarbeit im Sinn einer Vierzigstundenwoche ist nicht mehr zeitgemäß.

Der Schritt der Bundesregierung, ein gesetzliches Recht auf Rückkehr von Teilzeit- zurück zur Vollzeitarbeit einzuführen ist ein richtiger, aber ein viel zu kleiner, viel zu zaghafter, viel zu konservativ gedachter Trippelschritt. Was wir brauchen, ist eine zukunftsorientierte und moderne Familien-und Arbeitspolitik. Eine Politik, die unter Familie mehr versteht als Vater, Mutter, Kind; eine Politik, die unter Vollzeitarbeit etwas anderes versteht, als einen präsenzorientierten Nine-to-five-Bürojob.

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Leben ist mehr als Erwerbsarbeit

Die Frage lautet: Wie wollen wir arbeiten? Die Antworten sind klar: Viele Vollzeitbeschäftigte wünschen sich eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit, 55 Prozent würden gern ihre Arbeitszeit reduzieren. Die Arbeitszeit wird als Haupthindernis für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angegeben. Ich möchte den Begriff der Vereinbarkeit erweitern. Es darf nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gehen. Sondern um die Vereinbarkeit von Beruf, Familie, Freizeit, Nichtstun. Weltreise, whatever. Immer mehr Menschen erkranken seelisch – und das liegt häufig an ihren Arbeitsbedingungen. Leben ist aber mehr als Erwerbsarbeit, Menschen sind mehr als ihre Arbeitskraft im Kapitalismus.

Begriffe verschwimmen, die jahrzehntelang galten: Arbeit und Leistung zum Beispiel. Wir müssen sie neu definieren. Wo hört Arbeit auf, wo beginnt die Freizeit, wenn wir abends an der Bar noch schnell eine Arbeitsmail verschicken? Soll Arbeit überhaupt aufhören, wenn wir sie doch als sinnstiftend empfinden? Ist Leistung nur das, was ich bei meiner Erwerbsarbeit schaffe, oder vielleicht eher die Pflege meiner Eltern, die Begleitung meines Kindes oder ehrenamtliches Engagement? Mir kommt es vor, als würden wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln, während führende Politiker*innen mit ihren Gesetzesentwürfen nicht hinterherkommen. Dabei wird es Zeit.

So viel persönliche Freiheit wie möglich

Was gerade in jungen Generationen bereits gelebt wird, muss auch politische Rahmenbedingungen bekommen. Damit es selbstverständlicher wird und nicht nur Glück bleibt, ein balanciertes und, ja, glückliches Leben zu führen. Es müssen politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die so viel persönliche Freiheit wie möglich zulassen. „Alles, was ich immer wollte, war alles“ heißt es bei Tocotronic und ich finde, das muss auch für unsere Arbeitsbedingungen gelten. Die Zeiten von Kind oder Karriere müssen vorbei sein, für alle Elternteile. Alles muss möglich sein: die Mutter, die 40 Wochenstunden erwerbstätig ist, weil die Kita es mit ihren Öffnungszeiten und den gerecht bezahlten Erzieher*innen ermöglicht und sie Lust darauf hat. Der Vater, der zwei Jahre Elternzeit nimmt und danach wieder in Teilzeit in einer Führungsposition arbeitet, ganz selbstverständlich.

[Außerdem auf ze.tt: So geht es Alleinerziehenden in Deutschland]

Einen Tipp für Politiker*innen habe ich auch: Bei allen Planungen für Gesetze einfach mal an eine alleinerziehende Person mit einem behinderten Kind denken. Politik muss es schaffen, einem alleinerziehenden Elternteil mit einem Kind mit erhöhtem Pflege- und/oder Betreuungsbedarf ein gutes Leben zu ermöglichen. Mit einer Vollzeitarbeitszeit von 30 Stunden, der Aufwertung von Care-Arbeit und gerecht bezahltem Pflegepersonal, erhöhten Elternzeiten auch für Väter und einem individualisierten Steuersystem, das Kinder berücksichtigt und nicht die Ehe.

Statt eines Rechtsanspruchs auf befristete Teilzeit und die Rückkehr zur bisherigen Arbeitszeit nach dieser Phase muss es einen Anspruch auf eigene Zeitsouveränität unter Berücksichtigung der Lebensverlaufsperspektive geben. Was heute gut ist für mich, kann nächste Woche schon nicht mehr passen. Einfach, weil das Leben keinem Plan folgt. Wir brauchen Jobs, die so flexibel sind wie wir selbst – und politische Entscheidungen, die selbstbestimmte Arbeit ermöglichen.