Warum die Aufräummethoden von Marie Kondo dein Leben nicht besser machen

Wohlfühlen durch Ordnung. Netflix-Stars wie Marie Kondo preisen genau das an. Problematisch daran ist nicht nur das Versprechen auf ein besseres Leben, sondern auch das Frauenbild. 

Die Lebenshilfe, die bei Marie Kondo gleich mitgeliefert wird, sollte man kritisch betrachten. Foto: Denise Crew/Netflix

Was früher einfach mal guttat, verändert jetzt das ganze Leben. Ob Yoga, Achtsamkeitsübungen oder Bullet-Journals – wir machen nicht mehr einfach, pah, wir machen uns damit besser! Und zu diesen Beschäftigungen, die manches Mal getrost unter Ersatzreligion laufen dürfen, fällt nun eben auch das sorgsam ausgeführte Ausmisten. Oder wie kommt es sonst, dass sich das Buch Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert von Marie Kondo etwa sieben Millionen Mal verkaufte?

Vielleicht ist das aber auch gar nichts Neues. „Aufgeräumtes Zimmer, aufgeräumtes Leben!“ sagte zumindest auch meine Mutter immer schon zu mir, die regelmäßig an ihrem komplett chaotischen Teenager zu verzweifeln drohte. Und weil passend zum Zeitgeist nicht nur Netflix & Chill, sondern nun eben Netflix & Self-Optimization angesagt ist, lief beim Streamingdienst pünktlich zu den Neujahrsvorsätzen die Serie Aufräumen mit Marie Kondo mit dem 34-jährigen Aufräum-Superstar in der Hauptrolle an.

Und ja, es macht tatsächlich Spaß, dabei zuzusehen, wie die sehr sympathisch wirkende und auf fast esoterische Art Wohlgefühl auslösende Expertin bei US-Amerikaner*innen auftaucht, um sie endlich vom Ballast ihres überflüssigen Besitzes zu befreien. Wie auch nicht, schließlich ist es beruhigend zu sehen: Bei den anderen sieht’s zu Hause auch nicht nach einer Schöner Wohnen-Bilderstrecke aus.

Die Rollenbilder nerven

So weit, so gut. Aber bei all dem voyeuristischen Spaß und den tatsächlich hilfreich wirkenden Tipps bringt das Schauen der Serie doch auch einiges an Irritation mit sich – zumindest ging es mir in den ersten drei Folgen so, die bisher über meinen Bildschirm flackerten. Denn nicht nur, dass das Motto „Aufgeräumtes Zimmer, aufgeräumtes Leben“ doch etwas zu krass hochgejazzt wird, nein, auch die präsentierten Rollenbilder nerven von Minute zu Minute mehr. Es würde dem ganzen Ausmistvorgang wirklich nicht im Wege stehen, wenn nicht dauernd betont werden müsste, dass natürlich die Protagonistinnen, in dem Fall die Ehefrauen, hauptsächlich für den Haushalt zuständig sind, und sich mit Marie Kondo erhoffen, endlich die Hausfrau sowie Mutter zu sein, die sie glauben sein zu müssen. Auch empfinden natürlich vor allem sie die Scham über das angehäufte Zeug zu Hause, während die Männer mit unsicherem Blick daneben oder auch gerne mal im Hintergrund stehen.

Und warum zum Teufel kann das große Finale nicht einfach eine schöne Wohnung oder ein schönes Haus sein, als wäre das nicht schon Sensation genug, das wissen wir alle. Warum muss immer auch gleich noch ein besseres Ich, eine gerettete Beziehung oder eine glücklichere Familie dabei rausspringen? Ach ja, ich vergaß: Wir machen nicht mehr nur, wir erheben unser schnödes Leben in neue Sphären. Und wir haben es hier natürlich mit einer Show zu tun – und das sieht dann so aus:

Marie Kondos Prinzip, kurz zusammengefasst: Schmeiß alles, was du hast, auf einen Haufen und dann schau dir jedes einzelne Teil an und überlege, ob es Freude in dir entfacht („does this spark joy?“). Falls ja: Behalten, falls nein, bedankt man sich beim Gegenstand und dann kommt er weg. Was behalten wird, wird entweder nach einer platzsparenden Methode gefaltet, oder aber es kommt in Kisten. Kisten sind ganz wichtig, Marie Kondo hat immer welche zur Hand, wenn sie gebraucht werden. Und sie werden gebraucht. Massenweise. Das ist es im Wesentlichen. Heraus kommt dann eine Wohnung mit weniger Zeug, die Erkenntnis, dass alte Kleider in der Hand halten ähnlich glücklich machen kann, wie Welpen zu streicheln, und dass Dinge in Kisten besser aussehen als Dinge, die nicht in Kisten verstaut sind.

Das alles wird dann in tollen Vorher-Nachher-Bildern präsentiert, wobei die Vorher-Bilder, wie es sich für Veränderungsshows gehört, in Schwarz-Weiß und seltsam verzerrt gezeigt werden, während die Nachher-Bilder in satten Farben leuchten. Selbst wenn sich in einem Raum also mal kaum was getan hat, wird suggeriert: Hier hat sich alles auf links gedreht, liebe Zuschauer*innen. Und ihr könnt das auch!

[…] jetzt in Farbe sieht man im Hintergrund der freien Fläche der Arbeitsplatte Bücher, die Tipps für eine Paleo-Diät geben. Offensichtlich gehört auch das zum neuen, aufgeräumten Leben dazu.

Aber damit nicht genug der Veränderung, mais non! So zeigen die Nachher-Bilder der Küche der Familie Friend aus der ersten Folge nicht nur, dass in der Vergangenheit mehr unordentlich herumstand, es werden auch noch Verpackungen mit halbgegessenem Fastfood eingeblendet. Peinlich, peinlich. Aber alles gut, jetzt in Farbe sieht man im Hintergrund der freien Fläche der Arbeitsplatte Bücher, die Tipps für eine Paleo-Diät geben. Offensichtlich gehört auch das zum neuen, aufgeräumten Leben dazu.

Wer ist schuld am Chaos zu Hause? Die Frau!

Und auch Frau Friend hat sich verändert. Einmal innerlich, denn endlich bekam sie ihr angeblich chaotisches Wesen in den Griff, das immer wieder Thema ist, auch bei ihrem Mann, der nicht so glücklich mit ihren Fähigkeiten als Hausfrau ist und den besonders ihr fehlender Antrieb in Sachen Wäscheberge aufzureiben scheint. Und auch äußerlich! Trat sie bei der ersten Begegnung mit Kondo noch in zerrissenen Jeans auf, und war sie in der Rückblende mit Jogginghose zu sehen, hat sie beim großen Finale, natürlich, ein schlichtes, schickes Outfit an und trägt dezenten Schmuck dazu. Die gezeigte Verwandlung ist, oh, so magisch.

Eine Show über selbsternannte typische Haushalte, die auf Vordermann gebracht werden sollen, scheint nicht ohne das Bild der überforderten Frau auszukommen, die selbstverständlich (nahezu) alleine für das schöne Zuhause zuständig ist. Das scheint immer noch viel Identifikationsfläche zu bieten. Der Antrieb für Frauen, sich überhaupt die Aufräumexpertin ins Haus zu holen, ist sicher nicht nur, dass sie alleine nicht mehr klarkommen, sondern wahrscheinlich auch, steile These, weil Aufräumen, so formuliert es zumindest der Ehemann in Folge 2, eher nicht so seine Priorität sei – aber die seiner Frau schon. Ja klar, eine*r muss ja. Vor allem die Frauen scheinen unter diesem gemeinsam verursachten (!) Chaos zu leiden, weil sie das Gefühl haben, ihrer Familie und ihrer Mutterrolle, die sich in der noch immer nicht genug strapazierten Überfrau zeigt, die alles kann, alles macht und dann auch noch mit einem Lächeln 200 Kilo Wäsche wäscht, bügelt, Kinder versorgt, Essen macht und putzt, nicht gerecht werden können. Dazu immer wieder diese Scham: über sich selbst, den Besitz, den Zustand des Zuhauses.

Besonders eindrücklich zeigt sich das in der ersten und in der dritten Folge. In der ersten führt der Haushalt, der wie gesagt vor allem Aufgabe der Frau ist, zur Verstimmung in der Beziehung: Weil sie sich einerseits zu viel wegen der Unordnung streiten und auch, weil sie entgegen seines Wunsches eine Putzhilfe gefordert hat, da sie Unterstützung im Alltag mit zwei Kindern und Teilzeit-Job möchte, die er offensichtlich nicht erbringen kann („Ich arbeite 50-60 Stunden die Woche – und auch am Wochenende!“). Kurz: Sie bekommt es einfach nicht hin, und das, obwohl sie doch eigentlich so viel Zeit dafür hätte! In der dritten Folge wird’s noch eindrücklicher, denn da führt der Zustand des Haushaltes die Frau fast in eine existenzielle Krise, weil sie sich als Rabenmutter fühlt, die ihren Kindern kein schönes Nest machen kann, während ihr Ehemann sich in der Rolle des chaotischen Mannes, der eigentlich gar nicht so genau weiß, wo das Putzzeug und derlei vermeintliche Mütter-Tools stehen, eigentlich ganz gut gefällt: Sie hat da einfach bei uns den Überblick …!

Ein Glück kommt dann ja aber Marie Kondo, rettet Beziehungen und lässt Familien zusammenrücken.

Entsorgt werden sollte nicht der Müll, sondern vielleicht auch die Ehemänner

Schon klar, Reality-Shows brauchen auch ein gewisses Maß an Drama, aber muss es wirklich dieses innere Verzweifeln an sich selbst sein, dieses Hadern, einfach nicht genug Frau, nicht genug Mutter zu sein, statt dass es einfach mal knallt, weil die Frauen sagen: Verdammt nochmal, hilf endlich mit, ist doch auch dein Zuhause!

Mir geht’s da ähnlich wie der Autorin Amy Gray: Sie fragt sich auf Twitter, warum wiederum Marie Kondo die Frauen nicht frage, ob ihre Ehemänner wirklich Freude in ihnen entfachen oder ob man ihnen nicht auch danken und sie entsorgen sollte. Ich meine, wer weiß, vielleicht wäre genau das die lebensverändernde Maßnahme, die die ein oder andere Protagonistin zum Besseren führt…

Amy Gray | Twitter

Ausmisten kann zwar befreiend sein, wird aber keine Lebenskrise beenden

Na sei es drum, jede*r, wie sie*er will. Aber abfeiern muss man die Serie nun wirklich auch nicht. Und einen interessanten Hinweis zu der von mir nur als recht aufwendig angesehenen Methode, alles im Haus in die Hand zu nehmen und sich zu fragen, ob das entsprechende Teil tatsächlich zum persönlichen Glück beiträgt, hatte ebenfalls auf Twitter die Medienberaterin Heidi N. Moore. Sie schreibt, dass es uns nicht zu einem besseren Leben führen wird, wenn man alle Sachen darauf abprüft, ob sie glücklich machen. Denn Unordnung und großes Ansammeln zu Hause sei manchmal auch ein Hinweis darauf, dass man damit ein tieferliegendes Gefühl, dass etwas anderes im Leben fehle, überdeckt, und die intensive, emotionale Auseinandersetzung mit Gegenständen eine*n nur weiter beschäftigt hält, nicht aber zum Kern des Problems bringt. Ein Teufelskreis also, weil man ja das blöde Gefühl und nicht das blöde Ding loswerden will. Wer weiß, vielleicht trifft das ja sogar zu. Ihr Thread bekam jedenfalls einiges an Zustimmung.

Die Aufräummethoden von Marie Kondo mögen hilfreich sein, aber die Lebenshilfe, die damit gleich mitgeliefert werden soll, sollte man vielleicht eher skeptisch betrachten. Denn wenn wir Kleider und anderen Kram entsorgen, den wir nicht mehr brauchen, entsorgen wir eben einfach Kleider und anderen Kram. Das kann vielleicht befreiend und befriedigend sein, aber wird keine Lebenskrise beenden, keine Ehe kitten und keine Familie näher zusammenbringen. Und das überhaupt als Teil des Konzepts oder möglichen Ausblick nach der Ausmistaktion zu verkaufen, ist vielleicht unterhaltsam, aber auch ein ganz schöner Beschiss.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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