Warum die Entscheidung für die Pille danach deine Apotheker*innen nichts angeht

Viele Apotheker*innen haben Vorurteile, wenn es um die Vergabe der Pille danach geht. Für manche scheinen die eigenen Wertvorstellungen wichtiger als die Gesundheit der Kund*innen. Ein Kommentar

Eigentlich sollte jede*r die Pille danach rezeptfrei in Apotheken erhalten. Doch Vorurteile von Apotheker*innen erschweren den Kauf. Foto: picture alliance / dpa

Wenn ich eine persönliche Meinung hören möchte, rufe ich eine Freundin an. Wenn ich ein Medikament brauche, gehe ich in die Apotheke. So einfach, so offensichtlich. Doch anscheinend haben nicht alle Apotheker*innen diese Aufgabenteilung verinnerlicht. Denn auch im Jahr 2018 erleben Menschen aufgrund von Unwissenheit und Vorurteilen Situationen, in denen ihnen der Zugang zu Medikamenten verwehrt wird, sie schlecht oder gar nicht beraten werden oder der Verkauf von Medikamenten mit unsensiblen Kommentaren einhergeht.

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Insbesondere bei Themen, die gesellschaftlich kontrovers diskutiert werden, kommt es vor, dass Apotheker*innen in ihrer Arbeit von ihren eigenen Wertevorstellungen beeinflusst werden. Dies zeigten zwei Absolventinnen der Hochschule Fulda, als sie im Rahmen ihrer Masterarbeit eine Befragung in hessischen Apotheken durchführten. Sie wollten herausfinden, unter welchen Bedingungen die Pille danach dort verkauft wurde. Außerdem beleuchteten sie das Verhältnis der Apotheker*innen zu dem Medikament und sprachen mit Käufer*innen des Notfallverhütungsmittels, das den Eisprung herauszögert und so eine Schwangerschaft verhindern kann. Ihre Ergebnisse zeigen, dass vor allem Minderjährigen und Menschen mit schlechten Deutschkenntnissen immer wieder der Kauf der Pille danach verweigert wird.

Unsicherheiten und Vorurteile

Dies habe verschiedene Gründe, so Stefanie Freytag und Verena Dierolf, die Leiterinnen der Studie. Zum einen sei die Rechtslage nicht immer klar. Das Notfallverhütungsmittel darf offiziell an alle Personen in gebärfähigem Alter ausgegeben werden. Die Bundesapothekerkammer empfiehlt außerdem, bei Menschen unter 14 Jahren eine Einverständniserklärung einer*s Erziehungsberechtigten einzufordern. Aber klar definierte Regeln gibt es nicht, die Kammer gibt nur Handlungsempfehlungen.

Außerdem spielen die eigenen Vorstellungen davon, wie das Medikament einzusetzen sei – nämlich nur in einmalig auftretenden Notfällen – eine große Rolle bei der Zugänglichkeit der Pille danach. Über 70 Prozent der Apotheker*innen waren der Meinung, die Pille danach sei medizinisch bedenklich. Über die Hälfte der Befragten glaubte, die Pille danach würde Frauen dazu verleiten, bei der Verhütung verantwortungslos zu handeln. Laut Dierolf und Freytag würden diese Denkmuster dazu führen, dass Apotheker*innen von Disziplinierungsmaßnahmen Gebrauch machen und den Verkauf der Pille danach verweigern. Dies geschehe vor allem in Fällen, in denen der*die Käufer*in durch das Alter oder mangelnde Sprachkenntnisse unterlegen sei.

Besonders schockierend ist auch das Ergebnis, dass die Chancen, die Pille danach zu erhalten, sank, wenn der Verdacht bestand, die betroffene Person benötige das Verhütungsmittel, weil sie Opfer einer Vergewaltigung geworden war. In etwa der Hälfte der Fälle, auf die dies zutraf, wurde der Kauf verweigert, vermutlich aus der Unsicherheit, nicht angemessen auf die Situation zu reagieren.

Die Hälfte der Befragten glaubte, die Pille danach würde Frauen dazu verleiten, bei der Verhütung verantwortungslos zu handeln.“

Seit inzwischen drei Jahren bekommt man die Pille danach rezeptfrei in Apotheken. Im Vorfeld wurde diese Entscheidung heiß diskutiert. Würde die freie Zugänglichkeit der Pille danach dafür sorgen, dass niemand mehr regulär verhütet? Würden Menschen Kondomen abschwören und sich Geschlechtskrankheiten epidemieartig ausbreiten? Würden Frauen die Pille nicht mehr von Süßigkeiten unterscheiden können und sie abends vor dem Fernseher snacken? Zur Erinnerung – der Mann, den die letzte Sorge umtrieb, ist heute unser Gesundheitsminister.

Die Nachfrage steigt

Und, ja, die Nachfrage für die Pille danach ist tatsächlich gestiegen, seit man sie rezeptfrei in Apotheken kaufen kann. Laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände stieg der Verkauf von Präparaten 2015 im Vergleich zum Vorjahr von unter 500.000 verschriebenen Medikamenten auf 662.000 an. Im vergangenen Jahr lag der deutschlandweite Verkauf des Notfallverhütungsmittels sogar bei über 800.000 Packungen.

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Aber lässt sich daraus ableiten, dass Menschen bei der Verhütung weniger vorsichtig sind? Oder sind die Zahlen vielmehr ein Indiz dafür, dass inzwischen auch Menschen auf das Medikament zurückgreifen, die zuvor aus Scham und Angst auf die Pille danach verzichteten? Der rezeptfreie Kauf in Apotheken senkt die Hürde, das Medikament bei Bedarf zu nutzen und macht es auch für Menschen zugänglich, die sich aufgrund familiärer oder kultureller Hintergründe durch den Besuch einer gynäkologischen Praxis in Gefahr bringen könnten.

Aufklärung statt Stigmatisierung

Stigmatisierungen helfen nicht weiter, wenn es darum geht, Menschen die Medikamente zur Verfügung zu stellen, die sie benötigen. Auch Apotheker*innen haben individuelle Werte und Moralvorstellungen. Doch das darf unter keinen Umständen dazu führen, betroffenen Frauen und Transmännern das Recht darauf absprechen, eigenständige Entscheidungen bezüglich ihres Körpers zu treffen.

Wenn man die Debattenkultur rund um die sogenannte Frauengesundheit beobachtet, scheint es fast so, als könne man Frauen ihre körperliche Selbstbestimmung nicht zumuten. Das zeigt sich nicht nur an den Ergebnissen der Studie von Freytag und Dierhof, sondern auch, wenn Gynäkolog*innen Strafen zahlen müssen, weil sie auf ihren Webseiten über Schwangerschaftsabbrüche informieren. Aus Information wird Werbung, die Frauen anscheinend jede rationale Entscheidungsmacht nimmt. Aus einem Verhütungsmittel, das nach Verhütungspannen, einer vergessenen Antibabypille oder einer Vergewaltigung vor der Entstehung einer Schwangerschaft schützt, werden Schokolinsen, die unreflektiert eingeworfen werden. Wo kämen wir hin, wenn betroffene Personen Entscheidungen bezüglich ihrer Gesundheit selbstständig und eigenverantwortlich treffen würden?

Wahrscheinlich zu einem faireren Gesundheitssystem, in dem man mehr Zeit in Aufklärung investieren würde und Informationen genauso leicht zugänglich wären wie notwendige Medikamente. In denen Betroffenen statt auf Vorurteile auf sinnvolle Beratungsangebote stoßen würden. Und in denen das Wohl einer betroffenen Person an erster Stelle stünde. Denn eigene Wertvorstellungen dürfen nie einer optimalen medizinischen Versorgung im Weg stehen.

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