Warum die extreme Rechte Plattformen wie YouTube so gut für sich nutzt

Über rechte Mobilmachung im Netz haben Patrick Stegemann und Sören Musyal ein Buch geschrieben. Sie sagen: Wir unter- und überschätzen rechte Influencer*innen gleichermaßen.

stegemann-musyal
Patrick Stegemann und Sören Musyal. Foto: © Julia Schweinberger

Über 50 rechte YouTube-Kanäle sind in dem Netzwerk verzeichnet, das die beiden Autoren Patrick Stegemann und Sören Musyal erstellt haben. Die Bandbreite reicht von Antisemit*innen über Verschwörungstheoretiker*innen bis hin zu jenen, die die Klimakrise leugnen oder vor dem vermeintlichen Austausch der Bevölkerung warnen. Manche sprechen diese Themen offensiv an, andere eher beiläufig. Manche Accounts sind klitzeklein, andere haben über 100.000 Abonnent*innen. Was sie aber eint, ist ein gemeinsames Feindbild: eine offene demokratische Gesellschaft. Und: Sie nehmen alle aufeinander Bezug, teilen Reichweiten oder laden sich gegenseitig in ihre Sendungen ein. Es sind diese Netzwerkeffekte, die rechte Influencer*innen so stark erscheinen lassen.

Stegemann und Musyal haben für ihr Buch Die rechte Mobilmachung zwei Jahre in der extrem rechten Szene recherchiert. Uns hat Stegemann im Gespräch erklärt, wie und für wen diese Mobilmachung funktioniert.

Warum sind rechte Influencer*innen so erfolgreich auf Plattformen wie YouTube?

Das dürfte uns gar nicht überraschen, findet Patrick Stegemann: „Die extreme Rechte war schon immer gut darin, neue Techniken für sich zu nutzen.“ Was Stegemann aber mehrmals betont: Es ist nicht nur strategisches Geschick, sondern auch ein strategischer Vorteil, den sie auf den Plattformen vorfinden. Zum Beispiel der YouTube-Algorithmus, der Nutzer*innen immer wieder neue Videos zu ähnlichen Themen vorschlägt. Der französische Informatiker Guillaume Chaslot, der die dafür nötigen Programme mitentwickelt hat, sagt: „Der Algorithmus ist außer Kontrolle.“ Er arbeitet heute nicht mehr für YouTube.

Mit anderen Worten: Die Art und Weise, wie diese Plattformen gebaut sind, passt bestens zum Auftreten der rechten Szene. Denn was deren Influencer*innen dort tun, ist keinesfalls besonders innovativ. Es ist schlicht das, was in sozialen Medien erfolgreich ist: Sie reproduzieren einfachste Narrative und Lösungen, sie erzeugen Nähe, sie mobilisieren Ängste, sie emotionalisieren.

Der Algorithmus ist außer Kontrolle.

Guillaume Chaslot, Mitentwickler des YouTube-Algorithmus

Wozu dienen diese Influencer*innen der Szene?

Es gebe zwei zentrale Funktionen, sagt Patrick Stegemann. Eine nach innen und eine nach außen. Zentrales Ziel rechter Kräfte von YouTuber*innen bis AfD sei es, die eigene Weltsicht zu stärken und eine Entfremdung nach außen zu schaffen. „Das hat man beim ‚Oma-Gate‘ ganz gut gesehen: Der Kampf gegen die Öffentlich-Rechtlichen ist wichtig, die Entfremdung von seriösen Medien und eigene, relativ geschlossene Alternativen anzubieten.“ „Kontrakultur“ nennt das die Rechte.

Stegemann spricht in diesem Zusammenhang von einer „Allianz der Antagonismen“: „Es kommen ganz unterschiedliche Leute zusammen, die eigentlich überhaupt nicht zueinander passen. Aber sie haben eben alle eine Feindin, die sie eint: die liberale Gesellschaft.“ Dazu diene insbesondere YouTube, indem es ganz verschiedene Eingänge in ein rechtes Weltbild anbiete. Zum Beispiel, wenn Martin Sellner beim Kochen erklärt, warum die Kartoffel angeblich keine gute Frucht für Mitteleuropäer*innen sei, weil sie aus dem Ausland stamme – und damit subtil rassistische Narrative streut.

Warum gibt es kein derart starkes Netzwerk aus linken Kreisen?

„Die Manipulation dieser Technik fällt Rechten ideologisch leichter“, sagt Stegemann. Die Analyse dazu nennen er und Musyal in ihrem Buch „Mit Carl Schmitt und Hochglanzbildern auf Instagram“. Das Denken von Carl Schmitt, einem Vertreter der sogenannten Konservativen Revolution, beruht maßgeblich auf der antidemokratischen Unterscheidung zwischen Freund*in und Feind*in. Politik sei ihm zufolge, den*die Feind*in auszumachen.

„Wenn man glaubt, dass Gesellschaft so funktioniert, dass alles Krieg, alles eine Totalentscheidung ist, dann ist auf einmal alles möglich, was für Liberale und Linke nicht möglich ist: Likes kaufen, Kommentare kaufen, Shitstorms organisieren, Trolling.“ Rechte Influencer*innen verstecken diese Strategien nicht einmal. So sagt Martin Sellner im Interview mit Stegemann und Musyal, dass es sich dabei um ganz normale Manöver im Infokrieg handele. Ein Infokrieg, der mit Emotionen arbeitet, mit schönen Bildern, Gesichtern und nahbaren Persönlichkeiten.

Dieses kriegerische Verständnis von Gesellschaft und die Funktionsweise der sozialen Medien gehen eine unheilvolle Allianz ein.

Patrick Stegemann

Wie kann man gegen diese Allianz vorgehen?

Nicht zuletzt haben rechte Influencer*innen von der Zurückhaltung großer Netzwerke profitiert, die sie mit ihren hetzerischen Botschaften gewähren lassen. Mittlerweile werden diese Netzwerke jedoch aktiver. So gab YouTube im vergangenen Herbst an, im zweiten Quartal 2019 fünfmal mehr schädliche Inhalte entfernt zu haben als zuvor. Über 70.000 Kanäle, darunter auch bekannte deutschsprachige Accounts.

Wenn Accounts gegen Grundrechte verstoßen, müsse man eine Löschung in Erwägung ziehen, sagt Stegemann. In den USA habe sich auch gezeigt, dass das Sperren der Accounts von zum Beispiel dem Verschwörungstheoretiker Alex Jones oder Milo Yiannopoulos aus der Alt-Right tatsächlich half, Reichweiten einzuschränken. Ähnliches lässt sich in Deutschland beim selbsternannten Volkslehrer Nikolai N. beobachten, der seinen YouTube-Account Anfang 2019 verlor und nun auf dem Videoportal bitChute nur noch für ein Zehntel seiner früheren Follower*innenschaft seine antisemitischen Verschwörungen verbreitet.

Bleibt aber der Kanal nicht dauerhaft offline, profitieren die Protagonist*innen sogar von der vorübergehenden Sperrung und können danach meist mit mehr Follower*innen weitermachen.

Verschiebt man durch Sperren nicht das Problem einfach nur in geschütztere Räume?

Ja, extreme Rechte nutzen zunehmend Messenger wie Telegram und eigene Plattformen für ihre Inhalte. Stegemann sagt: „Der Rückzug in geschütztere Räume kann zu einer stärkeren Radikalisierung führen.“ Zum einen, weil die Beobachtung von außen fehlt. Zum anderen, weil sich so das Phantasma von „Wir sind bedroht“ noch besser aufbauen lässt. So gründete Martin Sellner seine eigene Telegram-Gruppe, nachdem sein Account auf Instagram gelöscht wurde. Mittlerweile hat sie über 30.000 Mitglieder.

Viel zu lange habe man Räume wie YouTube rechtsextremen Kräften überlassen, findet Patrick Stegemann. Das räche sich jetzt. Zivilgesellschaftliche Akteur*innen und Medien müssten dort viel präsenter werden.

In diesem Jahr stehen wieder US-Präsidentschaftswahlen an. 2016 war Facebook zu einem wichtigen Akteur im dortigen Wahlkampf geworden, blieb nach Vorwürfen zu Wahlmanipulationen und Desinformationskampagnen allerdings untätig. Dazu wurde CEO Mark Zuckerberg bereits vor dem US-Senat befragt. „Gerade sehen wir, dass wir als demokratische Gesellschaft überhaupt nicht besser aufgestellt sind und es viel zu wenig Problembewusstsein gibt“, sagt Patrick Stegemann. „Das sollte uns wirklich beunruhigen.“