Warum die Feiertage für Menschen mit Essstörungen eine schwierige Zeit sind

An Weihnachten spielt das Essen in vielen Familien eine besondere Rolle. Menschen mit Essstörungen setzt das unter Druck.

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"Jetzt iss' doch mal was! Wir haben so schön gekocht!" – für Menschen mit Essstörung kann Weihnachten zum Horrortrip werden. Foto: inkje / photocase.de

Auf Weihnachten freut Mia sich gar nicht. „Insgesamt ist die ganze Adventszeit sehr schwer für mich, weil überall so ein starker Fokus auf’s Essen gelegt wird.“ Der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, Plätzchen backen mit Freund*innen oder Weihnachtsfeiern versucht Mia zu umgehen. „Das sind Trigger-Orte für mich, an denen mich die Menge an Essen schnell überfordert“, erzählt sie. Denn Mia hat eine Essstörung.

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Die Feiertage kreisen in vielen Familien um das Essen: Was wird gekocht, wen lädt man zum gemeinsamen Schlemmen ein? Welche Gerichte kommen auf den Tisch? Der Fokus auf Entenkeule, Nussbraten oder Kartoffelsalat macht das Weihnachtsfest für Menschen mit einer Essstörung zu einer Belastungsprobe. Die Erwartungen gut gelaunt gemeinsam Unmengen von Plätzchen und Schokolade zu vertilgen, erhöht den Stress für Menschen mit Essstörungen zusätzlich.

Mia weiß das aus eigener Erfahrung. Sie ist 24 Jahre alt und schreibt auf ihrem Blog über ihr Leben als Essgestörte. Seit vier Jahren lebt sie mit Bulimie und Binge-Eating, im Moment aber „weitestgehend inaktiv“. Das heißt, dass sie aktuell nicht versucht, das Essen zu kompensieren. Mia sagt aber auch: „Komplett raus bin ich leider noch nicht.“ Noch immer nimmt das Thema Essen einen großen Teil ihrer Gedankenwelt ein, besonders wenn es sich um Lebensmittel handelt, die als ungesund gelten.

Das Fest der Liebe

Ihre Familie weiß von ihrer Krankheit. So richtig verstanden fühlt Mia sich aber nur von ihrer Schwester. „Die weiß Bescheid und versteht auch die Krankheit.“ Bei ihren Eltern sei das anders: „Meine Mama gibt sich Mühe, mich zu verstehen. Aber sie schafft es nicht immer.“ Noch schwieriger sei es mit ihrem Vater. „Mein Vater versteht es leider gar nicht.” Er versteht nicht, dass Mias Essstörung kein Versuch ist, Modetrends hinterher zu jagen, sondern eine Krankheit. “Er sagt immer ‘Aber du siehst doch so hübsch aus’.”

Aber du siehst doch so hübsch aus!

Auf ihrem Blog thematisiert Mia die Ängste und Probleme, die für sie mit den Feiertagen einhergehen. Für ihre Offenheit erhält sie dort viel Zuspruch. Auch viele ihrer Leser*innen erleben die Vorweihnachtszeit als starke Belastung. Eine Betroffene hat Mia anvertraut, dass sie Weihnachten darum nicht mehr mit ihrer Familie verbringe. „Weihnachten ist kein Spaß, keine schöne Zeit für sie. Darum fährt sie nicht nach Hause.” Für sich selbst kann Mia sich das aktuell nicht vorstellen. Zwar stellen die Feiertage eine besondere Belastung für sie dar, „aber nicht mit meiner Familie zu feiern, würde einfach zu viele Folgen nach sich ziehen.“ Mia will ihre Familie nicht vor den Kopf stoßen. Letztendlich müsse jede*r Betroffene für sich selbst entscheiden, was die größere Belastung darstellt: Weihnachten alleine zu verbringen oder die Zeit mit der Familie. 

Mehr Rücksicht, weniger Stress

Prof. Dr. Isabella Heuser-Collier weiß um den hohen Stressfaktor, den Weihnachten für Betroffene und auch für ihre Familien darstellt. Sie ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité und erklärt viele der Probleme, die an Weihnachten auftreten, mit den hohen Erwartungen, die Familien an das Fest haben. „Selbst wenn man nicht gläubig ist, ist Weihnachten in unserer Kultur positiv besetzt. Die Familie kommt zusammen und man lässt es sich gut gehen.“ Wer das krankheitsbedingt nicht nach den Vorstellungen der Familie könne, der*dem würde vorgeworfen, das Weihnachtsfest zu ruinieren. Ein Vorwurf, den nicht nur Menschen mit Essstörungen kennen: „Auch für Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen ist Weihnachten eine schwierige Zeit.“ Viele Familien würde es überfordern, wenn jemand an den Feiertagen nicht durchgängig gut gelaunt und energetisch sei.

In der Familie stehen Betroffene oft unter Beobachtung. Sie müssen sich für die Größe ihrer Portionen rechtfertigen und wohlgemeinte, aber oft fatale Ratschläge über sich ergehen lassen. „Klassiker sind Aufforderungen wie ‚Nimm dir doch noch einen Nachschlag‘ oder  ‘Du kannst es dir doch erlauben’“, weiß Prof. Heuser-Collier. Auch emotionale Erpressung komme immer wieder vor, zum Beispiel wenn die essgestörte Person gedrängt würde, der Oma zuliebe ein Stück vom Stollen zu probieren. 

Doch mit solchen Kommentaren verunsichert man Betroffene unnötig und sorgt für eine angespannte Stimmung am Tisch. Wird eine Person mit Magersucht beispielsweise dazu genötigt, mehr zu essen, als sie in dem Moment möchte, kommen zu dem Stress, die Symptome der Krankheit vor der Familie zu verstecken, auch noch Schuldgefühle und Selbsthass, weil man die eigenen Essensregeln gebrochen hat.

Sich mental vorbereiten

Betroffenen empfiehlt Prof. Heuser-Collier, sich die Situationen im Vorhinein genau auszumalen, um sich mental auf die Momente vorzubereiten. “Weihnachten ist ein sehr ritualisiertes Fest, sodass man sich den Ablauf recht gut vorstellen kann.” Trotzdem sollte man sich nicht versteifen. “Wichtig ist es, sich zu sagen: Ich mache das, was sich in der Situation richtig anfühlt.”

Wenn es ein Familienmitglied gibt, zu der*dem man ein enges Vertrauensverhältnis hat, kann es helfen, die Person im Vorfeld zu kontaktieren und explizit um Hilfe zu fragen. “Wenn jemand eingeweiht ist und weiß, welche Situationen besonders belastend für den*die Betroffene*n sind, kann man sich beim Essen nebeneinandersetzen und unterstützen.“ Das könne heißen, dass man die Person in ein Gespräch verwickelt, wenn man merkt, dass sie sich unwohl fühlt oder dass man das Thema wechselt, wenn andere Familienmitglieder spitze Bemerkungen zum Thema Essverhalten abgeben. Es gäbe aber nicht die eine Strategie, die für alle Familien und alle Betroffenen passt, erklärt Heuser-Collier.

Betroffene unterstützen

Was können Familienmitglieder noch tun, um Betroffene zu unterstützen? “Bloß nicht zum Essen drängen!”, rät Prof. Heuser-Collier. Außerdem sollte weder das Gewicht oder das Essverhalten der erkrankten Person, noch das anderer Familienmitglieder diskutiert werden. „Wenn ein Familienmitglied eine Essstörung hat und der Rest der Familie davon weiß, dann bedeutet das für die ganze Familie großen Stress – und zwar das ganze Jahr über.“ Gerade an Weihnachten sollte man darum versuchen, loszulassen und Betroffene so wenig oder so viel essen zu lassen, wie sie wollen. “Ich würde raten, das nicht zu thematisieren”, empfiehlt Prof. Heuser-Collier. An Weihnachten zu versuchen, die betroffene Person innerhalb der Familie zu therapieren, könne nur scheitern. “Das macht alle unglücklich und hilft niemandem.”

Das Problem einer Essstörung wird man nie über die drei Weihnachtstage lösen.

Prof. Isabella Heuser-Collier

“Das Problem einer Essstörung wird man nie über die drei Weihnachtstage lösen.” Deshalb empfiehlt Prof. Heuser-Collier, das Thema für die Dauer der Weihnachtstage weitestgehend zu ignorieren und als Familienmitglied die betroffene Person nicht auf die Krankheit anzusprechen, damit bei der erkrankten Person eine gewisse Entspannung entstehen kann. “Man muss nicht alles zu diesem bestimmten Zeitpunkt thematisieren, wenn man das Problem in dem Moment sowieso nicht lösen kann.”

Disneyfilme und grünes Curry

Stattdessen empfiehlt sie, sich eher auf die Rituale konzentrieren, die nicht mit dem Essen in Verbindung stehen. “Ob das ein Spaziergang ist, der Besuch der Mitternachtsmette oder gemeinsames Singen, ist in jeder Familie unterschiedlich.” Solche Rituale können sehr erleichternd und hilfreich sein. Sie sind Ankerpunkte der eigenen Lebensbiografie. „Familiäre Rituale erinnern uns oft an unsere Kindheit, in der Weihnachten für die meisten von uns ein schönes Fest war.“ 

Auch in Mias Familie gibt es solche Rituale. “Bei uns hat es sich über die Jahre als Tradition etabliert, dass wir an Weihnachten alle zusammen Disneyfilme anschauen“, erzählt sie. Diesen Teil von Weihnachten könne sie sehr viel mehr genießen, als das gemeinsame Essen davor. Generell findet Mia es wichtig, dass man einerseits Rituale, die nichts mit dem Essen zu tun haben, gemeinsam zelebriert. Andererseits wünscht sie sich auch von Angehörigen, dass sie Traditionen loslassen, die die Feiertage für Menschen mit Essstörungen erschwert. Im besten Fall solle man mit der betroffenen Person einfach fragen, ob es Gerichte gäbe, die den Tag für sie einfacher machen. „Vielleicht kann die Person ohne Selbsthass ein grünes Curry essen. Warum besteht man dann darauf, dass es wie jedes Jahr Kartoffelgratin gibt?“ 

Außerdem rät Mia davon ab, an Weihnachten große Mengen von Schokolade und Plätzchen zu verschenken. „Schon der Anblick von all diesen Süßigkeiten kann mich triggern und einen Essanfall auslösen.“ Darum empfiehlt sie, lieber etwas anderes zu verschenken, etwa Tee oder ein Buch. Ob eine Person mit einer Essstörung Weihnachten genießen kann, hängt von vielen Faktoren ab. Mia glaubt, dass es hilft, wenn man aufeinander achtet, das Essverhalten der betroffenen Person nicht kommentiert und geduldig miteinander umgeht: „Was generell am meisten hilft, ist ein liebevoller Umgang.“


Hilfe holen

Du bist dir nicht sicher, ob du eine Essstörung hast? Du weißt nicht mehr weiter? Oder du möchtest jemanden aus deinem Umfeld unterstützen und weißt nicht wie? Bei der Telefonseelsorge findest du online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen, welche Form der Therapie dir helfen könnte. 

Bei Fragen zu den Themen Essstörungen kannst du dich an das anonymen Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wenden: 0221-892031, Mo-Do 10.00-22.00 Uhr, Fr-So 10.00-18.00 Uhr.