Warum die Netflix-Dokuserie „Tiger King“ gerade so viele Menschen interessiert

Hast du schon Tiger King auf Netflix gesehen? – Diese Frage kursiert gerade in vielen Freundeskreisen. Der Hype ist schnell erklärt. Eine Kritik

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Joe Exotic ist einer von den Privatzoo-Besitzer*innen, deren Geschichten die Dokureihe "Tiger King" erzählt. Filmstill: Netflix

In Deutschland einen Tiger als Haustier zu halten, ist nicht unmöglich, aber mindestens bürokratisch schwierig. In den USA sieht die Justiz die Großkatzenhaltung lockerer. Dort leben inzwischen mehr Tiger in Privathaushalten als es in freier Wildbahn gibt. Manche Tigerliebhaber*innen leben auf ihren Anwesen gar mit mehr als 200 Tieren zusammen, die um die 160 Kilo schwer werden und am Tag mehrere Kilo Fleisch verspeisen.

Über solche Tierhalter*innen und Züchter*innen wollte der Filmemacher Eric Goode eine Doku drehen. Seiner späteren Co-Regisseurin Rebecca Chaiklin pitchte er die Idee als eine Art Breaking Bad, wie die New York Times berichtet, „aber statt Meth dealen sie mit exotischen Tieren“. Zunächst sollte es um Privatzoos aller Art gehen, in denen auch Reptilien, Affen, tropische Fische und Vögel leben. Aber die Storys über Menschen mit Großkatzen stellten sich als ziemlich ergiebig heraus.

In Tiger King, auf Deutsch Großkatzen und ihre Raubtiere, gelingt Goode und Chaiklin nicht nur der Einblick in die bizarre Welt von Tiersammler*innen. Die siebenteilige Dokureihe dröselt zudem die kruden Fehden der exzentrischen Privatzoo-Betrieber*innen und Konkurrent*innen auf. Es geht um einen Mordanschlag, Brandstiftung, um Polyamorie, um Personenkult und Außenseitertum in den USA. Es ist teilweise nicht zu glauben, was Tiger King über die Protagonist*innen zu Tage bringt. Und so rangiert die Dokuserie jetzt weit oben in den Netflix-Charts.

Joe Exotic und Carole Baskin: Zwei wie ausgedachte Figuren im Dauerstreit

Goode und Chaiklin haben Protagonist*innen gefunden, die sie sich nicht besser hätten ausdenken können. Joe Exotic, gebürtig Joseph Allen Schreibvogel, ist ein Narzist mit gleich zwei Ehemännern, der stets bewaffnet vor die Tür tritt und Außenseiter*innen von der Straße aufliest, um sie in seinem Tigerzoo arbeiten zu lassen. Doc Antle, gebürtig Kevin Antle, ist ein polyamorer Veganer, der angeblich einen Doktor der „mystischen Wissenschaften“ besitzt und mit Vorliebe junge, beeinflussbare Frauen einstellt. Und dann ist da Carole Baskin, die sich als Tierrechtsaktivistin inszeniert, aber selbst ein gutes Geschäft mit ihrem Großkatzenzoo macht.

Hauptsächlich zwischen diesen Figuren entspinnen sich krude Verflechtungen aus Konkurrenz und Neid. Zwischen Joe Exotic und Carole Baskin schlägt die Konkurrenz sogar in Hass um. Jahrelang tragen die beiden Tigerfans eine Schlammschlacht über ihre Social-Media-Kanäle aus. Joe Exotic veräppelt Baskin in Musikvideos und zitiert in einer Web-Talkshow Passagen aus ihren Tagebüchern. Dabei befeuert er immer wieder das Gerücht, Baskin habe ihren Ex-Mann an die Tiger verfüttert, um dessen Millionen abzuräumen. Baskin wiederum richtet eine Website ein, um Exotics Ruf zu schädigen und zerrt selbst seine Eltern vor Gericht, damit der Tigerzoobesitzer seine Existenzgrundlage verliert.

Allein dieser Kampf gäbe genug Stoff für eine Doku her. Aber Tiger King überrascht in jeder Episode mit einem neuen Twist. Der Höhepunkt der Geschichte: Joe Exotic ist gelegentlich per Telefon aus einem Gefängnis in Oklahoma zu hören. Er sitzt dort zurzeit eine 22-jährigen Haftstrafe ab, weil er einen Ex-FBI-Agenten mit dem Mord an Carole Baskin beauftragt hat.

Viele Gerüchte, viel Drama

Mehr als fünf Jahre Recherche stecken in der Doku. Eric Goode und Rebecca Chaiklin haben sich in dieser Zeit Zugang verschafft zum Privatleben wohlhabender und zwielichtiger Personen, um die wildesten Strukturen vom Personenkult bis zu illegalem Tierhandel offenzulegen. Sind die Geschichten überdramatisiert, wie Doc Antle in einem Interview kritisierte? Mag sein. Tiger King reiht für die optimale Reality-Unterhaltung wahnwitzige Bilder aneinander, von Tigerbabys, die für Selfies rumgereicht werden, bis zu Geballere auf Sprengstoff. Dabei verzichtet die Doku aber auf den abschätzigen Kommentar einer moralischen Stimme aus dem Off.

Tiger King lässt einen fassungslos zurück. Über die Charaktere, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Über die eindeutig nicht artgerechte Haltung von Großkatzen, welche von der US-Justiz zugelassen wird. Über so viele unglaubliche Geschichten, die in den Biografien der Protagonist*innen kumulieren.

Tiger King sei so erfolgreich, weil das Coronavirus die Menschen zu Hause auf dem Sofa halte, mutmaßte Doc Antle. Gegenthese: Diese Doku wäre zu jedem Veröffentlichungszeitpunkt zum Gesprächsthema geworden. Weil sie eine neue Messlatte dafür legt, wie durchgeknallt der Mensch sein kann.


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