Warum die Periode ein politisches Thema ist

Menstruation sei Privatsache und zudem auch längst kein Tabu mehr – das hat sich die Autorin Franka Frei oft genug anhören müssen. Sie fordert, dass wir die Periode anders sehen: als Politikum.

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„Wir müssen stückweise das Tabu abbauen, was andere Generationen aufgebaut haben.“ Bild: © Nele Schütz Design; Foto: © Tibor Bozi / Wilhelm Heyne Verlag MÜnchen

Manche Dinge erscheinen einem so widersinnig, dass es schwerfällt, mögliche Argumente dafür überhaupt nur zu denken. Die hohe Besteuerung von Menstruationsprodukten zum Beispiel. 19 Prozent Mehrwertsteuer auf ein Produkt, das menstruierende Menschen mehr als 30 Jahre lang einmal im Monat benötigen – unfair, oder? Das hat auch die Bundesregierung im vergangenen Jahr eingesehen und die Mehrwertsteuer auf Tampons und Co. auf sieben Prozent senken lassen. 

Aber es gibt eben auch Menschen, die denken anders. Und zwar so: Warum sollten Frauen denn etwas günstiger bekommen, wo doch auch Männer Extraausgaben für die persönliche Hygiene haben? Wie Rasierschaum, beispielsweise.

Außerdem auf ze.tt: Keinen Bock mehr auf Tampons? Das sind nachhaltige Alternativen

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Die Periode, so die Argumentation, sei eben kein politisches Thema, sondern gehöre in den Bereich Lifestyle. Völlig unverständlich, warum Menstruierende da so ein Gewese drum machen. Welcher Mann beschwert sich schon darüber, wenn er sich mal beim Rasieren in die Wange schneidet?

Doch das Problem dabei: Periode und Bartwuchs sind nun mal nicht vergleichbar. Denn zum einen ist männlicher Bartwuchs keine stigmatisierte Angelegenheit und zum anderen ist der Kauf von Rasierschaum optional, ein Menstruationsprodukt nicht so wirklich. Die Periode ist keine Lifestyle-Entscheidung. Sie ist politisch, und wie. Denn sie ist nun mal, anders als andere Körperphänomene, untrennbar an die weibliche Sexualität und Reproduktion gekoppelt, wie die Autorin Franka Frei in ihrem in diesem Jahr erschienenen Buch Die Periode ist politisch – Ein Manifest gegen das Menstruationstabu zeigt.

Politik geht eben schon im Kleinen los. In Momenten, in denen es uns vielleicht gar nicht auffällt. Zum Beispiel auf Schultoiletten, wo wir Mädchen uns früher heimlich Tampons in der hohlen Hand zugeschoben haben und von „Klaus“ sprachen, wenn wir meinten: „Ich hab meine Tage.“ Das war vielleicht (noch) vergleichsweise klein und unbedeutend, vielleicht auch gar nicht so schlimm, aber wie groß die Stigmatisierung der Menstruation ist und werden kann, zeigt Frei anhand des Teufelskreises aus Nichtwissen (Was passiert da überhaupt im Körper?), Mythen (Regelblut lockt wilde Tiere an) und Verwirrung (Kann man während der Tage schwanger werden?), der sich nach wie vor um den Komplex Menstruation spannt. Und der sich in den heimlichen Klogeschichten von Schülerinnen schon andeutet.

Tabubrüche entlarven oft, dass es überhaupt um ein Tabu geht.

Franka Frei

„Das Thema wird zum Teil gar nicht als Tabuthema anerkannt, dann heißt es immer: Das wird doch nur aufgebauscht! Aber das ist es eben: Tabus äußern sich unterschwellig. Was wir nicht wissen, müssen wir erst einmal herausbekommen. Deswegen sage ich immer: Gerade weil Leute denken, wir müssten nicht darüber reden, müssen wir darüber reden“, sagt Frei im Gespräch mit ze.tt. „Tabubrüche entlarven oft, dass es überhaupt um ein Tabu geht. Wie bei Kiran Gandhi, der Marathonläuferin, die ohne Menstruationsprodukte gelaufen ist. Da gab es einen Riesenaufschrei, und der zeigt, dass es eine Grenzüberschreitung ist.“

Menstruationsprodukte für alle, die sie brauchen

Das negative Image der Menstruation ist sehr stabil. Und es hat sich nicht nur tief in unser aller Unterbewusstsein gegraben, sondern wird auch sichtbar in der Art und Weise wie wir Sex haben und Beziehungen führen. So reden nach einer Umfrage, die Frei zitiert, nur drei von zehn heterosexuellen Frauen mit ihren Partnern über ihre Periode. Warum? „Wir haben Angst, beschämt zu werden, abgewertet zu werden, dass sich jemand vor uns ekelt“, erklärt Frei. „Schon die Werbung für Menstruationsprodukte gibt ja vor, dass Frauen nach Blumen duften und aseptische Flüssigkeiten von sich geben. Realistische Körperbilder und weniger Zwang zur Rollenkonformität wären daher schon mal ein großer Schritt in die richtige Richtung.“

Wir müssen stückweise das Tabu abbauen, das andere Generationen aufgebaut haben.

Franka Frei

Noch ein Schritt in die richtige Richtung, wenn es nach Frei geht: freie und sichere Menstruationsprodukte für alle, die sie brauchen. Sie fordert außerdem, dass es endlich ein Gesetz gibt, das Hersteller*innen von Menstruationsprodukten dazu verpflichtet, die genauen Inhaltsstoffe zu deklarieren: „Gerade in Binden, die gefühlt an allen Ecken und Enden kleben und duften (damit auf keinen Fall etwas verrutscht oder Gerüche freigesetzt werden), fand man in den letzten Jahren immer wieder Chemikalien, die Entzündungen sowie Allergien auslösen können.“ Ein menstruierender Mensch hat solcherlei Produkte bis zu 6,5 Jahre an sehr empfindlichen Schleimhäuten, wie Frei ausgerechnet hat, aber eine spezifische Deklarationspflicht gibt es nicht. Wie gesagt: Die Periode ist politisch.

Schluss mit Codewörtern wie „Klaus“ oder „Erdbeerwoche“

Es zeigt sich im Kleinen und im Großen. Und oft genug ist das Kleine eben auch gar nicht so klein. Es fängt bei der fehlenden Deklarationspflicht an und geht weiter zu der fehlenden Forschung im Bereich Frauengesundheit, sagt Frei: „Die wissenschaftliche Lücke reicht in alle Teile der Entwicklung von Konsumgütern. Sowohl die Dosierungsangaben von Schmerzmitteln als auch Anschallgurte in Autos und schusssischere Westen sind an der Norm eines 76 Kilogramm schweren Mannes gemessen – kein Wunder, dass die Wahrscheinlichkeit, bei einem Autounfall ernsthafte Verletzungen zu erleiden, für weibliche Menschen 47 Prozent höher ist als für Männer.“ Franka Frei wünscht sich nicht nur mehr Forschung zum Zyklus, sondern vor allem auch zu Erkrankungen, die direkt damit zusammenhängen, wie Endometriose oder Stoffwechselstörungen wie PCOS.

Es geht eben, das zeigt Frei in ihrem Buch mehr als eindrücklich, nicht nur um Begriffe wie „Klaus“, „Erdbeerwoche“ oder freie Tampons am Arbeitsplatz, es geht letzten Endes ums große Ganze: Wie wollen wir mit den Körpern der Hälfte der Menschheit umgehen? Frei hofft, dass mehr und umfangreichere Aufklärung über das Thema den Grundstein dafür legen, dass sich langfristig etwas ändert: „Wir müssen stückweise das Tabu abbauen, das andere Generationen aufgebaut haben.“