Warum die queere Coming-of-Age-Story „Kokon“ der Film dieses Sommers ist

Eine Liebe zwischen zwei Schülerinnen und ein heißer Sommer in Berlin zwischen Schwere und Leichtigkeit – einen Film wie Kokon gab es im deutschen Kino noch nie. Eine Kritik

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Ein Sommer in wärmsten Farben: "Kokon". Foto: © Kokon / Edition Salzgeber

Bevor es leicht wird, ist es oft schwer. Wie der Gang von der Umkleide zur Liegewiese, früher im Freibad. Denn dort, auf der Wiese, liegt nämlich schon jemand aus der Parallelklasse, also genau genommen nicht einfach nur irgendjemand, sondern die Person, deren Schulterhärchen man so gerne im Gegenlicht betrachtet. Und man selbst läuft nun im vielleicht doch zu kindlichen Badeanzug, mit vielleicht doch nicht gut genug rasierten Beinen auf diese Person zu und hat so gar keine Ahnung, wie man denn nun selbst im Gegenlicht aussieht. Das ist schwer. Aber wenig später wird es Pommes geben, und Slusheis und Beckenrandschubsen und es wird doch noch ein leichter Tag.

Erinnert ihr euch daran? An diese gemischten Gefühle und an das Geräusch aneinanderklatschender Haut im Becken, das Rumliegen auf der Wiese, die zähen Tage, die dann doch eher vorbei sind, als man genug von ihnen hat?

Ein Sommer voller Schwere und Leichtigkeit

Die Autorin und Regisseurin Leonie Krippendorff erzählt in ihrem zweiten Spielfilm von solchen Erinnerungen und Gefühlen, von einem solchen Sommer. Kokon spielt in Berlin-Kreuzberg, es ist sehr heiß, Menschen können sich noch unfassbar nah sein und die 14-jährige Nora (Lena Urzendowsky) erlebt einiges an Schwere, aber auch viel Leichtigkeit.

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Nora (links) mit ihrer Schwester Jule (rechts) und einer Freundin im Freibad. Foto: © Kokon / Edition Salzgeber

Ihr Körper verändert sich, ihre Gefühle verändern sich. Aber wie sie mit all dem umgehen soll, weiß sie noch nicht genau. Aber sie wird es schon noch herausfinden. Die Zuschauer*innen können sie ein Stück weit, einen Sommer lang, dabei begleiten. Nora und ihre Freund*innen, ihre etwas ältere Schwester Jule (Lena Klenke) und die alkoholkranke Mutter der beiden.

Wenn die Emotion groß genug ist, darf man sich die Freiheit nehmen, ihr zu vertrauen.

Leonie Krippendorff, Regisseurin

In diesem Sommer wird sich Nora verlieben, in Schwimmbäder einbrechen, auf Dächern besoffen einschlafen, enttäuscht werden. Nora und Jule sind dabei fast ausschließlich auf sich allein gestellt und es ist rührend, wenn man ihnen dabei zusieht, wie vor allem Jule dabei immer von der selbstbewussten Attitüde zurück ins kindliche Kümmer-dich-um-mich kippt: „Ich kann nicht schlafen!“

„Die Grundidee war eine körperliche“, sagt Leonie Krippendorff im Gespräch mit ze.tt über ihren Film. „Das Gefühl, wie überwältigend es ist, wenn sich der Körper verändert. Wenn die Emotion groß genug ist, darf man sich die Freiheit nehmen, ihr zu vertrauen.“ Und dieser überwältigenden Emotion vertraut Krippendorff erzählerisch, aber sie vertraut vor allem auch ihren famosen Schauspieler*innen. Die Rollen von Nora (Newcomerin Lena Urzendowsky), Jule (Lena Klenke) und Romy (Jella Haase) in die sich Nora verliebt sind mit Lena Klenke (Hot To Sell Drugs Online Fast) und Jella Haase (Fack ju Göhte 1-3) prominent besetzt. Aber die meisten anderen Jugendlichen werden von Laien gespielt, die Regisseurin Krippendorff in einem Street Casting am Kottbusser Tor, wo der Film hauptsächlich spielt, gefunden hat.

Ort und Charaktere haben also ordentlich Potenzial für einen filmischen Klischeereigen, aber Schauspieler*innen und Krippendorff umschiffen die Gefahr mit einer sorgfältig erarbeiteten Lässigkeit, die bewundernswert ist: Dieser Film wirkt, muss man vielleicht auch mal wieder sagen, authentisch.

Coming of Age

Kokon ist ein in mancher Hinsicht klassischer Coming-of-Age-Film; ein Film, der erzählt, was passiert, wenn sich ein junger Mensch finden will, über die Sehnsucht nach dem Sich-selber-spüren-wollen und darüber, wie es dabei manchmal übers Ziel hinausgeht. Und noch mal. Und noch mal. Ein Coming-of-Age-Film, noch dazu einer, der im Sommer spielt, ist nichts Neues, das kennt man von Dirty Dancing in den 80ern bis Call Me By Your Name von 2017. Was an Kokon aber so außergewöhnlich ist, ist nicht nur, dass er sich ganz auf die Geschichte junger Frauen fokussiert, sondern auch, dass er von einer queeren Liebe erzählt: „Zwei Schulmädchen verlieben sich ineinander. Eine solche Geschichte gibt es meines Wissens nach noch nicht im deutschen Kino,“ sagt Regisseurin Leonie Krippendorff. 

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Nora und Jule auf dem Dach ihres Hauses, direkt am Kottbusser Tor. Foto: © Kokon / Edition Salzgeber

Und auch in diesem Aspekt ist der Film besonders: Er zeigt, was es für junge Menschen heute heißt, sich zu finden. Zwischen dem Druck von Instagram-Feeds und dem Wunsch nach Selbstfindung. Zwischen so sein zu wollen, wie die anderen, und dem Verlangen nach Einzigartigkeit. Wie schwierig das alles ist, wenn man mittendrin steckt, Eltern abwesend und die Hormone am Anschlag sind, kann man bei Nora und ihren Freund*innen beobachten. Sie sind dabei auch oft genug fies und gemein gegenüber anderen, aber man verliert trotzdem nicht die Sympathie für sie. Es ist eben nicht leicht, ein Leben einzuschwenken. Als Zuschauer*in fühlt man das.

Eine Liebe, die nicht viel sagt, die auch nicht viel sagen muss, weil was gibt es schon zu reden, wenn man 14 ist und es gibt Wein und Nächte auf Dächern.

Zwischen „ich“ und „aber“

Wie spannungsvoll ein junges Leben ist, wird selbst in kleinsten Beobachtungen geschildert: Als Nora einmal eine Nachricht an Romy schicken will, schlägt ihr Smartphone ihr folgende Wörter vor: „ich“ und „aber“. Zwischen „ich“ und „aber“ bewegt sich auch die Verliebtheit, die Nora über den Sommer begleitet. Die beiden Mädchen kommen sich in der Schule nah, erst wäscht die eine der anderen Menstruationsblut aus der Hose, dann liegen sie am See und pusten sich Streicheleinheiten über die Haut. Eine Liebe, die nicht viel sagt, die auch nicht viel sagen muss, weil was gibt es schon zu reden, wenn man 14 ist und es gibt Wein und Nächte auf Dächern.

Als Zuschauer*in kann man sich dabei an die eigene erste Liebe erinnern, ihre Intensität, aber vielleicht auch ihre Brüchigkeit: „Wenn man sich ganz jung verliebt, ist das oft noch keine tiefe Beziehung, sondern ein bewunderndes Bild, in das man sich verliebt. Und man verliebt sich dann eben auch meistens in Bilder, die einem später das Herz brechen“, erklärt Krippendorff und man fühlt sich ertappt, denn man hat selber schon ideale Bilder angeschmachtet, nur um dann von genau dem, was einen so begeisterte die Wildheit, das Freie, das Unbändige –, tief getroffen zu werden. Das prägt. Nora ist am Ende des Sommers auch eine andere geworden.

Jackie Baier photography
Nora und Romy. Foto: © Kokon / Edition Salzgeber

In einigen Momenten kann man sich als Zuschauer*in dabei auch mal fragen, ob Kokon nicht fast zu stimmig erzählt ist. Mit seinen großzügig bebilderten Metaphern, wie den Raupen, die Nora zu Hause hält, und den Schmetterlingen, die sich daraus entpuppen und davonflattern. Wie Krippendorff manchmal Bilder so sehr verdichtet, dass sie sich direkt selber deuten. Aber dann wiederum ist es mit der Erinnerung selbst ja auch nicht viel anders. Auch sie verdichtet und verklärt sich und braucht dazu manchmal auch nicht viel mehr als den Geruch von Sonnenmilch und Chlor.