Warum die Sextipps von Dr. Ruth auch 2018 wichtig sind

Die Sexualtherapeutin Ruth Westheimer, besser bekannt als Dr. Ruth, wird heute 90 Jahre alt. Ein guter Zeitpunkt, um uns zu erinnern, was wir bisher von ihr lernen durften.

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Dr. Ruth Westheimer, vielen nur als Dr. Ruth bekannt, gehört zu den wichtigsten Sexualaufklärer*innen unserer Zeit. Obwohl sie heute 90 Jahre alt wird, sind viele ihrer Tipps und Thesen so aktuell wie in den 80er Jahren. © Getty Images / Paul Morigi

Die im unterfränkischen Karlstadt geborene Ruth Westheimer wurde 1938 von ihrer Familie aus Angst vor den Nationalsozialist*innen auf einem Kindertransport in die Schweiz geschickt. Ihren Eltern gelang die rechtzeitige Flucht aus Deutschland nicht: Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt, wurden sie im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Ruth Westheimer gelang die Emigration in die USA, wo sie als junge Frau Soziologie studierte. Heute ist sie eine der bekanntesten Sexualtherapeut*innen in den Vereinigten Staaten.

Als Sex noch als peinlich und schmutzig galt, sprach sie aus, was sich sonst niemand traute

In den 80er Jahren fragte ein New Yorker Radiosender in dem Krankenhaus, in dem Ruth Westheimer damals arbeitete, an, ob sie jemanden beschäftigen würden, der bereit sei, eine Sendung über sexuelle Aufklärung zu moderieren. Ruth Westheimer war die einzige, die sich einverstanden erklärte und wurde von da an als Dr. Ruth in den USA, aber auch in Europa und Israel bekannt. Ihre Sendung, die zunächst ein Null-Uhr-Beitrag im Lokalradio war, wurde immer populärer und Dr. Ruth war in unterschiedlichen Fernsehformaten zu sehen und bestritt zahlreiche TV-Auftritte und gab Interviews.

Mit ihrer schelmischen Art brachte Westheimer Millionen dazu, offen über tabuisierte Themen zu sprechen. Lachend und mit einem markanten, deutschen Akzent lud sie Prominente und Zuschauer*innen dazu ein, vor laufenden Kameras auf einer plüschigen Couch über Stellungswechsel, ungwöhnliche Vorlieben, Selbstbefriedigung, sexuelle Langeweile, Verhütungsmethoden und sexuelle Gesundheit zu sprechen.

Auch vierzig Jahre nach Dr. Ruths erster Show werden wir nicht müde, einige ihrer immer noch aktuellen Ratschlägen und Grundsätze zu wiederholen:

1. Für guten Sex muss man die Dinge beim Namen nennen

Dr. Ruth verzichtete von Anfang an auf Verniedlichungen: Vagina, Vulva und Penis wurden von ihr auch als solche bezeichnet. Verniedlichungen und Umschreibungen wie Pullermann, Mumu und Muschi, die in den 80er Jahren aufgrund fehlender sexueller Aufklärung und einem mit den Geschlechtsorganen verbundenen Schamgefühl noch häufig verwendet wurden, hatten in ihren Sendungen keinen Platz. Sie nannte die Dinge beim Namen.

Sie scheute sich auch nicht, ihre Gegenüber bis ins Detail über deren Sexleben auszufragen. Auf diese Weise nahm sie vielen US-Amerikaner*innen die Scheu davor, Zweifel, Fragen und Unklarheiten rund ums Thema Sex offen anzusprechen.

2. Guter Sex ist safer Sex

In einem Interview sagte Westheimer: „Sehen sie das Verhütungsmittel nicht als etwas, das ihre Lust mindert. Werten sie es auf, indem sie sich vor Augen führen, dass es ihnen Gesundheit und lange währende Lust schenkt.“ Daran sollte auch heute wieder häufiger erinnert werden. Trotz jahrzehntelanger Aufklärung über sexuell übertragbare Krankheiten wie AIDS und Hepatitis, zeigt eine Statistik der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass 2016 nur 76 Prozent aller 16- bis 20-Jährigen beim Sex ein Kondom verwendeten.

3. Über Sex spricht man am besten mit einem Lächeln

Westheimer lacht viel. In ihren Sendungen wurde gescherzt und gewitzelt. Sie steckte mit ihrer humorvollen Art die Gäste und die Zuschauer*innen an den Bildschirmen an. Sie erklärte der Radiojournalistin Renée Montagne dazu einmal: „Ich glaube an sexuelle Aufklärung. Ich glaube daran, dass anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse gelehrt werden muss und daran, dass man sie mit einer gewissen Portion Humor vermitteln sollte.“

[Außerdem auf ze.tt: Was Sexlosigkeit mit einer Beziehung macht]

4. Überhöhte Erwartungen führen zu Einsamkeit und schlechtem Sex

„Meiner Meinung nach sind heutzutage viele deshalb einsam, weil unsere Erwartungshaltungen gegenüber anderen Menschen absurd hoch sind“, sagte Westheimer in einer Radiosendung. Die sozialen Netzwerke wie Facebook und Instagram würden die Erwartungshaltungen vieler gegenüber sich selbst und gegenüber anderen zustätzlich erhöhen – und so Einsamkeit in unserer Gesellschaft befördern.

Westheimer riet immer wieder dazu, sich im Bett nicht zu hohen Erwartungshaltungen überwältigen zu lassen. Dazu sei es zunächst einmal wichtig, das eigene Sexleben nicht mit den Darstellungen in Hollywoodfilmen zu vergleichen. „Hollywoodfilme machen uns weis, dass die Prominenten jede Nacht glänzen und scheinen. Das entspricht nicht der Realität“, sagte Westheimer.

5. Sex sollte auch unter alten Menschen nicht tabuisiert werden

„Ich glaube, dass Leute, die über Sexualität gut Bescheid wissen, bis ins 99. Lebensjahr sexuell aktiv sein können“, sagte Westheimer kürzlich in einem Interview. Sie ist davon überzeugt, dass viele Menschen vor allem deshalb im Alter auf Sex verzichten würden, weil sie nicht wüssten, was beachtet werden muss. Ein älterer Mann könne nur selten alleine aufgrund sexueller Fantasien eine Erektion bekommen, was aber noch lange nicht bedeute, dass die Erektion nicht durch körperliche Stimulation herbeigeführt werden könne, erklärte Westheimer. Und viele ältere Frauen wüssten oft nicht, dass schon Gleitgel oder Creme dazu beiträgt, auch im Alter schmerzfrei sexuell aktiv zu sein.

Wir hoffen, Dr. Ruth macht ihren Job noch lange weiter!

Transparenzhinweis:

Der Geburtsort von Ruth Westheimer wurde nachträglich korrigiert. Sie wurde im unterfränkischen Karlstadt, nicht in Frankfurt am Main, geboren.