Warum die Wiener U6 kein Essverbot, sondern ein Solidaritätsgebot braucht

Die Wiener Linie U6 hat einen schlechten Ruf: Sie sei dreckig, stinke und ständig seien zu viele Menschen mit ihr unterwegs. Um das Image aufzupolieren, erließ die Politik ein Essverbot. Das ist der falsche Weg, findet unsere Autorin. Ein Kommentar.

Warum die Wiener U6 kein Essverbot, sondern ein Solidaritätsgebot braucht

Mit Slogans wie „Pizza Kriminale“, „Tatort Leberkäs“, „Klare Scharftat“ und ein „Nudelfall ungelöst“ soll auf das Essverbot in der U6 aufmerksam gemacht werden. Foto: Wiener Linien

Obwohl draußen ein eisiger Wind weht, ist es in der Bahn der Linie U6 abartig heiß. Die Luft steht. Menschen stehen wie die Sardinen aneinander gepresst. Eine Frau mit einem kleinen Kind steigt ein. Unter ihrem Mantel wölbt sich ein Babybauch. Niemand bietet der Schwangeren und ihrem Kind einen Sitzplatz an. Ein Mann tötet sie mit Blicken und beginnt immer lauter zu schimpfen. Vermutlich, weil sie ein Kopftuch trägt.

Ein anderer Tag, eine andere Frau, wieder in der U6. Sie telefoniert, spricht in einer slawischen Sprache in ihr Telefon, weint herzzerreißend. Um sie herum sitzen Menschen. Manche starren sie an, andere starren auf den Boden. Ihr laufen immer mehr Tränen über die Wangen, ihre Nase trieft. Eine ältere Dame viele Reihen weiter steht auf, reicht ihr ein Taschentuch und tätschelt flüchtig ihre Schulter. Die Frau schluchzt nun noch lauter, lächelt dabei aber.

[Außerdem auf ze.tt: Diese nervigen Typen trifft du jeden Sommer in der U-Bahn]

Es sind zwei Geschichten, die uns davon erzählen, wie ein Zusammenleben im öffentlichen Raum funktionieren oder eben nicht funktionieren kann. Während ich über Solidarität und Zivilcourage nachdenke, höre ich bei der Durchsage genauer hin: „Der kleine Leberkäse und seine geruchsintensiven Freunde haben sich in die U6 verlaufen. Sie möchten abgeholt und draußen verspeist werden“, schallt es aus den Lautsprechern des U-Bahnwaggons. Ich kenne die Durchsage bereits. Seit Anfang September haben die Wiener Linien eine großspurige Kampagne gestartet.

Kampagne Essverbot U6: Tatort Leberkäs

Essen ist in der U6 seit Neuestem verboten. Mit einer breiten Kampagne und Slogans wie „Pizza Kriminale“, „Tatort Leberkäs“, „Klare Scharftat“ und ein „Nudelfall ungelöst“ wollen die Wiener Linien sich dieses Themas mit Humor annehmen. Das Essverbot wird nach eigenen Angaben mit einem Kinospot, Piktogrammen, Plakaten und Fensterbeklebungen in den U-Bahnen thematisiert. Auch an den Stationen erinnern sie mit Plakaten an den Durchgängen, Durchsagen und der Einblendung von Botschaften bei den Anzeigentafeln daran.

Eine Online-Befragung des städtischen Verkehrsbetriebs ergab, dass sich eine Mehrheit der Nutzer*innen ein Essverbot wünscht. Öffi-Stadträtin Ulli Sima sagte dazu: „Niemand will sich auf mit Nudeln verklebte oder auf mit Ketchup verschmierte Sitze setzen und kaum jemand ist begeistert vom intensiven Geruch der Thunfischpizza in der vollen U-Bahn.“ In dieser Aussage wird ihr niemand widersprechen. Aber Kritiker*innen sehen in der Kampagne der sozialdemokratischen Politikerin (SPÖ) auch den Versuch, nach rechten und konservativen Wähler*innen zu fischen.

Schließlich ist die U6 nicht irgendeine Linie, sie gilt als verschrien und hat seit langer Zeit ein Imageproblem. Erst einmal kann man drüber streiten, ob die U6 überhaupt eine U-Bahn ist, da sie die meiste Zeit oberirdisch fährt – dementsprechend heiß und stickig wird es in ihren Waggons im Sommer. Sie verbindet den Norden und Süden der Stadt und fährt großteils entlang des Wiener Gürtels. Dort befinden sich viele Bars und Clubs – die sogenannten Gürtel-Lokale Wiens. Manch ein Fahrgast hat gerade am Wochenende einiges intus. Dazu kommt, dass sich an der Strecke ebenfalls Sucht- und Obdachlosen-Beratungsstellen befinden. Die Linie fährt auch durch Bezirke, in denen vermehrt Menschen mit Migrationshintergrund leben.

Aufgrund dieser Faktoren muss die U6 immer wieder als Sündenbock und Beispiel für den angeblichen Kultur-Clash Wiens herhalten. Im Grunde ist die so oft beschimpfte U6 einfach etwas zu international für das konservative Wien. Wie man sich als Politiker*in in Wien zur U6 positioniert, hat viel Gewicht und polarisiert.

Gratis-Deos in der U6: Liebe Gäste, ihr stinkt!

Viel Aufmerksamkeit, aber auch Kritik, bekamen die Wiener Linien sowie Ulli Sima, als sie im Juli diesen Jahres gratis Deosprays an die Fahrgäste der Linie U6 verteilten, insgesamt 14.000 Dosen. Gedacht war die Aktion vermutlich als kecker Marketing-Gag. Die Deos sollten die Gäste „erfrischen“, hieß es. Doch wenn man einen Moment genauer darüber nachdenkt, wird klar, wie übergriffig diese Aktion war. Im Grunde wurde mit den Deos die Botschaft verteilt: Liebe Gäste, ihr stinkt, tut was dagegen! Anstatt die Schuld dafür auf sich zu nehmen, dass bis jetzt nicht alle Waggons der U-Bahn klimatisiert sind und die Leute wie die Sardinen aneinander gedrückt stehen müssen.

Massenmedium U-Bahn anders nutzen

Die U6 wird jährlich (nach eigenen Angaben) von 90 Millionen Fahrgästen genutzt. Was also allein in der einen Bahn plakatiert, durchgesagt und angezeigt wird, verfügt über enorme Reichweite. Wenn man so will, ist die U-Bahn ein Massenmedium. Und anstatt sich für etwas einzusetzen, wie ein stärkeres gemeinsames Miteinander, mehr Solidarität und Respekt voreinander, entschieden sich die Wiener Linien für die Erlassung eines Verbotes. Es ist ein populistischer Versuch, den Menschen glauben zu machen, dass man mit einem Essverbot in der U6 die Probleme dort löst.

[Außerdem auf ze.tt: Benehmt euch in Bussen und Bahnen nicht wie die Trampel!]

Denn Essen und ihre Verzehrer*innen zu kriminalisieren, ist der falsche Weg. Manche mögen sagen: Wir brauchen Regeln oder auf andere Städte verweisen, wo ein Essverbot in den öffentlichen Verkehrsmitteln längst herrscht. Es ist auch das Essverbot an sich gar nicht das Problem, sondern wie es kommuniziert und dargestellt wird. Die Kampagne hätte das Potenzial gehabt, das Denken vieler Menschen anzuregen. Wie: Wie gehen wir im öffentlichen Raum miteinander um? Setzen wir uns füreinander oder gegeneinander ein?

Am Ende des Tages sitzen wir alle zusammen in der überfüllten Bahn. Reiben unsere verschwitzten Rücken aneinander. Wir brauchen mehr Solidarität im öffentlichen Raum – ohne irgendjemanden zu diskriminieren oder auszuschließen. Wenn man schon viel Geld und Aufmerksamkeit in eine Kampagne buttert, die so viele Menschen sehen, dann sollte die Message sein: Achten wir mehr aufeinander! Versuchen wir alle, mehr Anstand und Respekt voreinander zu haben! Anstatt den kleinen Kebab (Döner) und den kleinen Leberkäse zu kriminalisieren.

Ab 15. Januar soll das Essverbot übrigens auf alle Linien in Wien ausgeweitet werden. Ich wünsche mir, dass sich Politik und Wiener Linien bis dahin endlich mit den großen Themen unseres Zusammenleben auseinandersetzen. Denn wenn wir uns alle ein kleines Stück solidarischer verhielten, wäre es ganz selbstverständlich, niemanden mit geruchsintensivem Essen zu belästigen.