Warum diese Dozentin darauf besteht, mit ihrem Doktortitel angesprochen zu werden

Die US-amerikanische Kommunikationswissenschaftlerin Shannon McGregor möchte von Studierenden mit ihrem Titel angesprochen werden. Es geht dabei um hart erarbeiteten Respekt, Privilegien und vor allem: Feminismus.

Doktor der Kommunikationswissenschaften in den USA: Shannon McGregor

Doktor der Kommunikationswissenschaften in den USA: Shannon McGregor Quelle: Twitter, Shannon McGregor

Es war ein kurzes, simples Gedicht, das Shannon McGregor an die Tür ihres Büros hängte. Es reihte sich ein in die Sammlung von Fotos, Texten und Memes, die an Türen von Universitätsbüros weltweit hängen. Eigentlich etwas, das man eher im Vorbeilaufen aus dem Augenwinkel bemerkt. Ein Symbol, aber nichts Weltbewegendes. Doch Shannon McGregor hängte es nicht nur an ihre echte Tür im Fachbereich Kommunikationswissenschaften an der Universität von Utah, USA; sie hängte es auch an ihre digitale Pinnwand: Sie postete es bei Twitter. Und dort bewegte es zwar nicht die Welt, aber es erreichte viele Menschen. Es polarisierte. Und wie das im Internet schnell passiert, blieb Hass nicht aus.

Weglassen des Titels ignoriert harte Arbeit

Besagtes Gedicht ist von der Schriftstellerin und promovierten Literaturwissenschaftlerin Susan Harlan. „Nein, du kannst mich nicht bei meinem Vornamen nennen, und ja, ich weiß, dass ein männlicher Professor dir gesagt hat, dass Titel dumm sind“, lautet sein Beginn.

Shannon McGregor hatte nur auf den passenden Moment gewartet, um es zu veröffentlichen: „Ich hatte das Gedicht mehr als ein Jahr lang auf meinem Desktop gespeichert – und habe mich gefragt, wie und wann ich es mit anderen Leuten teilen könnte.“ Letztendlich gab es nicht den einen Auslöser, aber es sei vermehrt vorgekommen, dass Studierende sie auf unterschiedlichste Weise angeredet hätten: Shannon, Sharon, Mrs. McGregor. Für McGregor respektlos, weil das Weglassen des Doktortitels ihre harte Arbeit dafür ignoriert.

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Susan Harlans Gedicht © Susan Harlan

In Deutschland wäre das unvorstellbar – das „Sie“ stellt schließlich eine klare hierarchische Trennung her: „Das schafft immer schon eine gewisse Barriere“, sagt Birte Fähnrich, Kommunikationswissenschaftlerin an der Zeppelin Universität in Baden-Württemberg. Ähnlich wie McGregor begann sie kurz nach ihrem Abschluss zu lehren. Negative Erfahrungen mit respektlosen Studierenden hat sie allerdings nicht gemacht. Vielleicht auch dank der „Sie“-Barriere: „Solange ich Leute in meinem Kurs habe, die ich bewerten muss, lasse ich mich auch siezen.“ Für beide Seiten logisch, schließlich gibt sie den Studierenden deren Noten, ist also in der Hierarchie klar über ihnen.

Privilegien reflektieren

Aber bei simplen Titeln und Formalitäten hört das Gedicht nicht auf:

„weil eine bestimmte Sorte Mann immer darauf brennt, sich performativ seiner einfach gewonnenen Autorität zu entledigen“

Denn es geht hier um mehr als nur eine respektvolle Anrede. Das Problem liegt an den unterschiedlichen Privilegien von männlichen und weiblichen Dozierenden und Professor*innen. Deswegen fordert sie auch, dass männliche Kollegen es ihr aus Solidarität gleichtun.

McGregor wollte einen Denkanstoß für sie liefern. Die Menschen sollten darüber nachdenken, was für einen Einfluss das Ablegen ihrer einfach gewonnenen Autorität auf Kolleg*innen hat, die zu unterrepräsentierten Gruppen (zum Beispiel Frauen, People of Color) gehören und die hart für ihre Autorität arbeiten mussten, die ihnen keineswegs automatisch aufgrund ihrer Geschlechtserscheinung gewährt wurde und wird, erklärt sie.

Geschlechterungleichheit in der Wissenschaft

Denn in der Wissenschaft, sowohl in Lehre als auch in Forschung, sind Männer und Frauen immer noch nicht gleichgestellt. „Der implizite Bias von Menschen gibt automatisch Männern Autorität und Respekt, aber nicht Frauen“, kritisiert McGregor. Das Problem hat viele Facetten: In der Lehre beispielsweise bei den traditionellen Evaluationen durch Studierende am Ende des Semesters. Dabei werden Frauen nach anderen Parametern beurteilt als Männer und zwar solchen, die weniger professionellen Respekt seitens der Studierenden suggerieren. Was Forschung angeht, zeigt es sich am deutlichsten bei wissenschaftlichen Publikationen: „Die Top-Journals für Politikwissenschaften veröffentlichen regelmäßig mehr Artikel von männlichen Autoren als von weiblichen Autorinnen“, sagt McGregor.

[Außerdem auf ze.tt: Weg mit den Doktortiteln auf Klingelschildern und in Pässen]

Von der Lehre abgesehen, sieht Fähnrich dieses Problem auch in Deutschland: „Ich glaube, das ist tatsächlich eine gesamtgesellschaftliche Geschichte“, da wäre die Wissenschaft genauso betroffen wie jeder andere Bereich auch. „Als junge Frau muss man sich sehr viel mehr unter Beweis stellen und sehr viel mehr sichtbar machen“, sagt Fähnrich. Das beginnt bereits auf dem Weg zum Doktortitel bei der Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin: „Untersuchungen haben gezeigt, dass, verglichen mit ihren männlichen Kollegen, Frauen in der Wissenschaft eher Arbeit erledigen – und darum gebeten werden sie zu erledigen – die mit Service und Mentoring von Studierenden zu tun hat“, nennt McGregor ein Beispiel.

Fähnrich hat das Gleiche in Deutschland erlebt: „Ich habe Konstellationen gehabt, wo es männliche und weibliche Mitarbeiter an einem Lehrstuhl gab. Die weiblichen Mitarbeiter haben alle irgendwelchen Administrationskram gemacht und die männlichen Mitarbeiter haben mit dem*r Professor*in publiziert.“ Wie begegnet man dem als Frau in der Wissenschaft? Öffentlich Kritik an den überkommenen Strukturen zu üben, wie McGregor es getan hat, ist eine Möglichkeit. Für Fähnrich ist es wichtig, immer sehr gut vorbereitet zu sein: „Ich geh’ nirgendwo hin und mach irgendwas aus dem Stegreif“. Beide empfehlen, sich ein Netzwerk aufzubauen und Mentor*innen zu suchen, denn „wenn Menschen dich persönlich kennen, kann das helfen, potenziell negativen geschlechtsspezifischen Stereotypen entgegenzuwirken“, empfiehlt McGregor.

Der Tweet als Denkanstoß

Ihr Denkanstoß jedenfalls hat offensichtlich Wirkung gezeigt: Der Tweet bekam ein Vielfaches mehr an Retweets und Favorisierungen, als für sie üblich. Die Reaktionen waren zwiegespalten. Viele Frauen gaben McGregor recht oder retweeten den Post. Einige zeigten Unsicherheit, aber waren für den Vorschlag dankbar.

„Ich bekam auch viele unterstützende Nachrichten von männlichen Professoren, die zugaben, dass sie nie wirklich über diesen Aspekt von Titeln und wie sich das je nach Geschlecht unterschiedlich verhalten könnte, nachgedacht hatten“, erzählt McGregor. Aber wie so oft bei Debatten rund um das Thema Gender blieb natürlich ein Shitstorm nicht aus, „vor allem nachdem mir ein paar bekannte alt-right und rechte Twitter-Accounts geantwortet hatten“.

Ob über das Thema nun sachlich diskutiert wird oder nicht, und auch wenn das Problem dank des Siezens in Deutschland so nicht auftritt – McGregors Forderung hat vor allem eine symbolische Komponente. Gleichstellung ist ein langwieriger Prozess. Ob solche Symboliken dabei helfen, bezweifelt Fähnrich: „Vielleicht sind das kleine Steinchen auf dem Weg dahin, aber ich weiß nicht, ob das zielführend ist.“ Dennoch bleibt eine Wirkung: Der Tweet hat gezeigt, dass Frauen in der Wissenschaft immer noch zu oft diskreditiert werden. Er hat einen Lösungsvorschlag formuliert. Auch Shannon McGregor sieht ihn selber als nur eine Möglichkeit von vielen: „Es gibt viel, was getan werden kann – das ist ein kleiner Weg, die Dinge vielleicht zu verbessern.“