Warum diese Influencerin keinen Bock mehr aufs Coachella hat

Aktuell tummeln sich wieder allerlei Stars und Sternchen auf dem Coachella-Festival in Kalifornien. Die deutsche Modebloggerin Masha Sedgwick fährt ganz bewusst nicht mehr hin. Ein Kommentar

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Influencerin Masha hat genug von der Scheinwelt auf dem Coachella. © masha

Pünktlich im April grüßt mich jährlich das Murmeltier. Nur, dass das Murmeltier in Fransenshorts und Blumenkränzen im Haar daherkommt. Wenn der seit fünf Jahren angesagte Festivallook wieder die Social Media übernimmt, weiß ich: Das Coachella hat begonnen.

Das Coachella ist eines der größten Musikfestivals der Welt und findet jedes Jahr an zwei Wochenenden im April in Kalifornien statt. Es ist so was wie der Hotspot der Musikindustrie, ein Heimspiel für viele Musiker*innen und ein magischer Ort für Stars und Sternchen, um sich und ihre Festivallooks auszuführen. Und wo sich Stars tummeln, sind Influencer*innen auch nicht weit. Sie haben in den vergangenen Jahren das Festival übernommen, bis es zu dem wurde, was es heute ist: eine einzige große Shooting-Location um sich und seine Crowd online abzufeiern.

[Außerdem auf ze.tt: Alles für das perfekte Foto – warum die Instagram-Welt einfach nur noch absurd ist]

Das Festival ist eine einzige Fotokulisse

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Festivals und die Acts auf dem Coachella-Festival sind der absolute Wahnsinn. Aber hier kommen wir auch schon zum ersten Problem: Um die Acts geht es nämlich gar nicht in erster Linie, sondern vor allem um das perfekte Instagrambild bei Abendsonne – mit Riesenrad im Hintergrund.

Es geht nicht um die Acts!“

Pünktlich gegen 17 Uhr, wenn die Main Acts auftreten, verwandelt sich das Coachella in eine riesige Fotokulisse, in der jeder Fleck fleißig von Influencer*innen-Bienchen wegfotografiert wird, ganz nach dem Motto: Wenn man es nicht gefilmt hat, ist es auch nicht passiert. Und jede*r, aber wirklich jede*r soll ja auch mitbekommen, dass man auf dem Festival des Jahres ist; dass man es geschafft hat, ganz oben angekommen ist im Influencer*innen-Olymp.

Beyoncé trat dieses Jahr als erste Headlinerin of Color des Coachella-Festivals auf. © Kevin Winter / Staff

Dass die echten Festival-Besucher*innen (rar gesät, aber immer noch vorhanden) genervt sind, die Follower*innen auch, scheint die Jungs und Mädels in ihren Boho-Looks kaum zu stören. Hauptsache das Foto aus Palm Springs bekommt genug Likes und man verdient noch ein bisschen was dabei. Dafür hat es sich ja schon gelohnt.

Aber was ist eigentlich dran an dem Hype um das Festival? Ich kann euch sagen: weniger als ihr denkt!“

Aber was ist eigentlich dran an dem Hype um das Festival? Ich kann euch sagen: weniger als ihr denkt! Bereits vergangenes Jahr beschloss ich deshalb, nicht mehr aufs Coachella zu fahren. Nachdem ich die vergangenen zwei Jahre genauso umhergehüpft war und feststellen musste, dass der Glitzer nur die Schattenseiten der Social Media überdeckte, wollte ich einfach kein Teil mehr dieser Welt sein, die mir in diesen Momenten noch falscher als sonst vorkam.

Ein Luxus-Festival, dem die Stimmung fehlt

Das ganze Problem fängt damit an, dass das Festival unheimlich teuer ist: Tickets, Anreise, Verpflegung, Übernachtung, da ist man schnell mal bei über 5.000 Euro – für ein Wochenende. Für das Geld kann man sich auch eine Asien-Rundreise gönnen. Aber wer ohne mit der Wimper zu zucken einige tausend Euro für Taschen ausgibt, dem tun die paar Tausender für ein Festival vermutlich auch nicht mehr weh. So findet gleich schon mal eine Selektion statt. Das Coachella ist die Luxus-Version eines Festivals: Alle schlafen in Hotels, die Modelkörper stecken in Designerklamotten und wer sich zwischendurch auch mal was zu essen oder trinken gönnen will, verschuldet sich fast.

Das Sicherheitsgefühl bezahlt man mit dem Fehlen der ausgelassenen Stimmung.“

Immerhin fühlt man sich auf dem Gelände sehr sicher. Nachdem man sechs Securitykontrollen hinter sich gebracht hat, steht überall, wo man hinsieht, eine Sicherheitsperson und passt auf, dass der Spaß nicht zu wild wird. Das Sicherheitsgefühl bezahlt man zwar mit dem Fehlen der ausgelassenen Stimmung und der Freiheit, aber in den USA kann man sich schließlich nicht beschützt genug fühlen.

Ein Muss beim Coachella-Festival: ein Selfie vorm Riesenrad. © Christopher Polk/Getty Images for Coachella

In Zeiten der Unsicherheit und Veränderungen scheint es immerhin eine Konstante zu geben: Auf dem Coachella hat man noch das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben und man würde in einer friedlichen Welt leben. Das größte Problem besteht hier darin, an einen veganen Burger auf dem Gelände zu kommen, da die Schlangen an den Detox/Healthy-Food-Ständen so lang sind und Anstehen doch so uncool ist. Entschuldigung, gibt es hier auch eine Gästeliste? Ihr müsst nämlich wissen, auf dem Coachella ist wirklich jede*r wichtig und möchte auch so behandelt werden. Hier prallen Egos aufeinander. Vielleicht sind da die paar Securitys mehr keine schlechte Idee, bevor sich die jungen Instagram-Millionär*innen die Chloé-Kleider vom Leib kratzen.

Geballte Oberflächlichkeit adé!

Im Nachhinein kann ich gar nicht sagen, was mich am meisten auf dem Coachella gestört hat, ob es die geballte Oberflächlichkeit war oder das Fehlen einer echten Festivalstimmung, bei der man sich durch die Musik mit den anderen Besucher*innen verbunden fühlt. Zwar kann man mit seinen Freund*innen trotzdem eine richtig gute Zeit haben und auch das Tragen von Blumenkränzen ist keine Pflicht, aber dennoch ist das Coachella für mich kein „richtiges“ Festival, sondern nur das Abbild eines perfekten Festivals ohne Ecken und Kanten – ein Festival, bei dem man nicht mal seine Komfortzone verlassen muss. Und wer will schon Geschichten eines Festivals erzählen, bei dem es keine Abenteuer zu erleben gibt?