Warum diese junge Millionärin ihr geerbtes Vermögen teilen will

Das Geld, über das Christina verfügt, ist für sie keine Selbstverständlichkeit. Sie habe einfach Glück gehabt, in die richtige Familie geboren zu sein.

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Früher hat ihr Vermögen und das Nicht-Reden darüber Christina isoliert. Stockfoto: Tyler McRobert / Unsplash | CC0

Über arme Menschen wissen wir in Deutschland eine ganze Menge. Sie werden statistisch gut durchleuchtet. Über vermögende Menschen wissen wir hingegen vergleichsweise wenig. Sie sind in Deutschland eine ziemliche Blackbox – und es ist in ihrem Interesse, dass das so bleibt. Denn wo Daten fehlen, fehlt auch eine Basis für eine Debatte über Umverteilung. Eine weitere Folge: Unser Bild von reichen Menschen bleibt oft klischeehaft, geprägt durch Filme, Serien und Prominente oder einige wenige Protzende.

Auf den ersten Blick würde man wohl auch Christina nicht für eine Millionärin halten. Die 31-Jährige wohnt in einem kleinen Ort, ist Studentin im Master, interessiert sich für Klimaschutz und jobbt nebenher beim örtlichen Metzger. Christina ist aber eben genau das: Millionärin. Ihr Großvater gründete das Unternehmen, in dem sie heute eine der Gesellschafter*innen ist. Das bedeutet, sie hält Anteile an dem Betrieb, der mittlerweile rund 2.000 Menschen beschäftigt. Christina ist also vermögend, weil sie Erbin ist. Wie denkt sie darüber?

„Einerseits ist das ein großes Glück. Ich habe ein sehr gutes Leben dadurch. Und andererseits ist das auch eine riesengroße Verantwortung. Ich habe teilweise die Verantwortung für den Unterhalt von 2.000 Familien. Die Entscheidungen, die ich treffe, können und haben diese Familien beeinflusst. Damit kann ich nicht flapsig umgehen oder es für selbstverständlich nehmen.“

Es klingt nach Luxusproblemen, aber für mich war das Geld schon eine Belastung.

Christina

Christina beginnt einige Antworten auf Fragen nach ihrem Vermögen mit dem Wort „einerseits“. Eindeutig scheint für sie beim Thema Geld vieles nicht zu sein. Vielmehr gibt es oft zwei Seiten, Fluch und Segen, würde man abgedroschen sagen, doch Christina verwendet das Wort Fluch nicht. Sie spricht stattdessen immer wieder von Verantwortung. Verantwortung, die aus ihrem Reichtum folgt. Denn das Geld, über das sie verfügt, hat sie schließlich nicht selbst erarbeitet. Sie habe einfach Glück gehabt, in die „richtige“ Familie geboren zu werden.

Gerade Millionär*innen haben einen Großteil ihres Vermögens geerbt

In die „richtige“ Familie geboren zu werden, ist in Deutschland ein entscheidender Faktor, wenn es um Vermögen geht. Vermögen ist hierzulande extrem ungleich verteilt – und zwar noch ungleicher, als lange angenommen. So ergab kürzlich eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, die im Auftrag des Arbeitsministeriums durchgeführt wurde, dass die obersten zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland rund zwei Drittel des Gesamtnettovermögens besitzen – bisher waren Schätzungen von 59 Prozent ausgegangen. Das reichste Prozent verfügt dabei über rund 35 Prozent, und nicht wie bisher angenommen über knapp 22 Prozent.

Der wichtigste Grund für die großen Vermögensunterschiede in Deutschland sind laut Marcel Fratzscher, Chef des DIW: Erbschaften. Und insbesondere Millionär*innen, von denen es in Deutschland rund eine Million gibt, haben dem DIW zufolge einen großen Teil ihres Vermögens geerbt. Meist geschieht das in Form von Immobilien oder Betriebsvermögen, so wie auch bei Christina.

Die spricht von einem „riesengroßen Graben“ zwischen Vermögenden und Nicht-Vermögenden. Und sie hat Recht: Die Hälfte der Bevölkerung hat laut Angaben des DIW gar kein oder nur ein geringes Vermögen, im Durchschnitt rund 3.700 Euro. Darüber wünscht sich Christina mehr öffentliche Diskussion; sie hat sich deshalb einem Aufruf internationaler Millionär*innen angeschlossen. In diesem fordern die Unterzeichner*innen, dass reiche Menschen in der Corona-Pandemie und in der darauffolgenden Krise – von der auszugehen sei – mehr Verantwortung übernehmen. Ihr Vorschlag: „Besteuert uns!“ So wollen die Millionär*innen eine aus ihrer Sicht notwendige und faire Umverteilung erreichen.

Kein besonders populäres Thema unter Vermögenden, was Christina nicht wundert: „Vermögen ist immer auch Macht und Kontrolle. Und wenn man Vermögen abgeben muss, muss man auch von seiner Macht abgeben. Das machen viele sehr ungern.“

Wollen wir lieber ein demokratisch gewähltes Organ, das mit dem Geld umgeht oder wollen wir, dass das Geld in den Händen von Einzelnen ist?

Christina

Zwar gebe es viele reiche Menschen, die ihr Vermögen in Stiftungen investieren beziehungsweise eigene gründen oder Geld gezielt für Zwecke spenden, die ihnen am Herzen liegen. Auch Christina trat mit einem fünfstelligen Betrag in eine Stiftung ein, die sich für soziale Projekte einsetzt.

Aus ihrer Sicht reicht diese Form des Engagements aber nicht. Weil es sich dabei nur um punktuelle Förderung handle, die zudem keinem demokratischen Prozess unterworfen sei. „Natürlich kann man diskutieren, wie gut der Staat Steuergelder verwendet. Da gibt es sicherlich Verbesserungsmöglichkeiten. Aber die Frage ist doch: Wollen wir lieber ein demokratisch gewähltes Organ, das mit dem Geld umgeht oder wollen wir, dass das Geld in den Händen von Einzelnen ist, die nach ihrem Belieben damit umgehen?“

Viel Geld kann auch isolieren

Nicht immer hat Christina so offen über das Thema Geld gesprochen. Als sie mit 14, 15 die finanziellen Unterschiede zwischen sich und ihren Mitschüler*innen realisiert, fällt es ihr zunächst schwer, damit umzugehen. Davon zu erzählen, dass sie in einem großen Haus mit Garten und Haushälterin lebt, dass ihre Familie ohne Probleme drei Wochen nach Kanada in den Urlaub fliegen kann, um dort Verwandte zu besuchen oder zu sehen, wie viel für einige davon abhängt, schnell eine Ausbildungsstelle oder einen Studienplatz zu bekommen, während ihr alle Möglichkeiten offen stehen, sich erstmal auszuprobieren.

„Ich habe mich dadurch ziemlich isoliert und hatte in der Schule wenig Freunde – auch, weil ich eher eine Einzelgängerin bin. Wir hatten wenig gemeinsam. Und es war schwierig zu entscheiden, wo ich anfange zu erzählen und wie viel ich überhaupt sagen kann. Es klingt nach Luxusproblemen, aber für mich war das Geld damals schon eine Belastung.“ Bis heute spürt Christina eine gewisse Scheu anderer Menschen, wenn diese bemerken, dass ihr Gegenüber deutlich reicher ist als sie. Manchmal gehen sie dann den Umweg über ihren Partner, um nachzufragen, ob und wie reich Christina ist. Im Großen und Ganzen seien die Reaktionen aber positiv. Auch weil – so glaubt Christina – sie so offen und „normal“ damit umzugehen versucht wie möglich.

Vermögen ist immer auch Macht und Kontrolle.

Christina

Darauf, dass ihre Kinder nicht abheben oder sich aufgrund des Vermögens ihrer Familie nicht für etwas Besseres halten, hätten ihre Eltern von Anfang an geachtet, sagt Christina. Einen anderen wichtigen Moment gab es für sie nach dem Abitur, als sie für einige Monate als Freiwillige ins Ausland ging. „Wenn es Menschen gibt, die – wo auch immer – am Rande des Existenzminimums gerade so überleben und ich die Möglichkeit habe, etwas besser zu machen – nicht nur auf dem Niveau als Freiwillige –, müsste ich ja die Augen verschließen und mir die Ohren zuhalten, um das zu ignorieren. Ich könnte mich nicht mehr im Spiegel angucken.“

Ein zukunftsfähiger Planet für alle

Wie und wofür Christina ihr Geld verwenden möchte, hat sie noch nicht final entschieden. Derzeit lässt sie zum Beispiel gemeinsam mit ihrer Mutter ein altes Backhaus in ihrer Region für die Gemeinschaft sanieren. Wichtig ist Christina aber vor allem das Thema Klimaschutz: „Ich würde das Geld gern so einsetzen, dass wir möglichst viel für einen zukunftsfähigen Planeten tun. Wir in den Industriestaaten sind die, die zum größten Teil verantwortlich für die Klimakrise sind, während die, die keine Schuld tragen, besonders stark betroffen sind. Deshalb müssen wir auch Teil der Lösung sein.“

In der Metzgerei will Christina bis auf Weiteres weiterarbeiten. Ein ungewöhnlicher Nebenjob für eine Millionärin? „Ich finde das gar nicht ungewöhnlich, auch wenn ich es monetär nicht bräuchte. Viele Studenten haben doch einen Nebenjob. Und außerdem würde ich verrückt werden, wenn ich nur zu Hause rumsitze. So habe ich Kontakt zu ganz vielen Menschen aus dem Dorf, lerne dazu und höre den ganzen Klatsch und Tratsch. Eine ziemlich schöne Beschäftigung.“