Warum diese vier Berliner*innen eine Bühne gegründet haben, auf der ausschließlich People of Color auftreten

In Kunst und Medien werden People of Color oft auf eine Leidensgeschichte oder Klischees reduziert. Die Berliner Lesebühne „Parallelgesellschaft“ zeigt, dass es anders geht.

Live-Musik, Stand-Up-Comedy und Spoken Word füllen einmal im Monat das Programm der Lesebühnenshow „Parallelgesellschaft“ in Berlin Neukölln. Seit eineinhalb Jahren treten hier ausschließlich Künstler*innen of Color auf die Bühne. In ihren Texten kommentieren sie auch unter anderem aktuelle politische Debatten. Wenn also Jens Spahn meint, von Hartz IV könne man doch ganz gut leben, wird er kurz darauf zum Thema des Abends. Auch ist der Name „Parallelgesellschaft“ nicht zufällig gewählt. Um den Vorwurf der Selbstabschottung vorwegzunehmen, hätten sie sich diese Bezeichnung schlicht angeeignet, sagt Temye Tesfu, einer der vier Veranstalter*innen, und betont: „Der Vorwurf der Selbstsegregation wird auch nur dann erhoben, wenn es sich um nicht-weiße Menschen handelt“.

Parallelgesellschaften entstehen immer da, wo Menschen ausgeschlossen werden.“ – Temye Tesfu

Das Wort, das an eine vermeintlich gescheiterte Integration erinnert, erklärt der Duden als eine „von einer Minderheit gebildete, in einem Land neben der Gesellschaft der Mehrheit existierende Gesellschaft.“ Im September 2015 verkündete Kanzlerin Angela Merkel im Bundestag, trotz ihrer wiederholten „Wir schaffen das“-Botschaft, dass man nicht wegsehen dürfe, wenn sich Parallelgesellschaften herausbilden würden. „Hier darf es keine Toleranz geben“, betonte sie. „Parallelgesellschaften entstehen immer da, wo Menschen ausgeschlossen werden“, entgegnet Temye und findet, dass die sogenannte Mehrheitsgesellschaft durch ihre Ausschlussmechanismen doch nur selbst eine weitere Parallelgesellschaft sei. Wenn Menschen der Zugang zu bestimmten Räumen verweigert würde, solle man sich nicht wundern, wenn sich diese zusammenfänden, sagt Temye.

Weil es die einzige Möglichkeit ist, nicht die Quote zu sein“

Zu den Leseabenden sei jede*r herzlich eingeladen. Das Ensemble und die Gäste auf der Bühne jedoch bestehen ausschließlich aus People of Colour, „weil es die einzige Möglichkeit ist, nicht die Quote zu sein“, erzählt uns der Wahlberliner. Eine Quote dient der Erhöhung der Anzahl unterrepräsentierter Menschengruppen in politischen Institutionen, Organisationen, Kunst- und Kultureinrichtungen, etc. Sie ist wichtig, um starre und homogene Strukturen aufzubrechen. Für Temye sei es aber nicht akzeptabel immer nur auf eine gnädige Einladung von der Mehrheitsgesellschaft zu warten, um dann als Ausnahmeerscheinung einen vorgefertigten Platz einzunehmen. Eine Person of Color könne es auf solch einer Bühne auch eigentlich nur falsch machen: „Sobald man über die Themen spricht, die einen beschäftigen heißt es: ,Klar sprichst du über Rassismus. Das war ja erwartbar.‘ Wenn du nicht darüber sprichst, sondern über etwas anderes und das dann irgendwie lobend erwähnt wird, dann heißt es: ,Schön, dass es mal nicht um Rassismus ging“.

Geschichten zu eigenen Bedingungen erzählen

Geschichten, die wir hören, lesen oder sehen sind wichtig und prägen unser Selbst- und Weltverständnis, sie beeinflussen nicht zuletzt unser Bild von der Normalität. Dieser Meinung ist auch auch der emeritierte Professor Michael Morgan für Kommunikationswissenschaften der University of Massachusetts. Der Huffington Post erklärt er, dass die Abwesenheit von marginalisierten Menschen und ihren Geschichten in den Medien nur folgende Botschaft aussenden könne: „Du bist unsichtbar. Du zählst nicht. Da ist etwas falsch an dir.“ Mit „Parallelgesellschaft“ möchten die vier Veranstalter*innen einen öffentlichen Raum schaffen, in dem die Realitäten von People of Color gehört werden und zu ihren eigenen Bedingungen erzählt werden können. Sie möchten lieber Erzähler*innen sein, als dass über sie erzählt wird, die Narrative selbst bestimmen.

Wir sind weniger eine Lesebühne mit erhobenem Zeigefinger, als eine Lesebühne mit erhobener Faust.“ – Temye Tesfu

„Parallelgesellschaft“ möchte keine Beschwerdebühne sein, den Veranstalter*innen ginge es vielmehr um die Inhalte und ihre Kunst. „Unterhaltung mit Haltung – das ist, was wir machen wollen.“ Gemeinsam mit dem Publikum möchten Temye Tesfu, Tanasgol Sabbagh, Jokaa und Jacinta Nandi gesellschaftskritische Debatten um Rassismus, Sexismus und soziale Ungerechtigkeit behandeln, während sie selbst die Rahmenbedingungen festlegen. „Wir sind weniger eine Lesebühne mit erhobenem Zeigefinger, als eine Lesebühne mit erhobener Faust.“