Warum dieses Paar verheimlicht, dass es Sex mit anderen hat

Untreue zählt noch immer zu den häufigsten Trennungsgründen. Unsere Autorin erzählt die Geschichte eines Paares, das eine besondere Regelung für sich gefunden hat.

Wie kommt man von Smalltalk zu Sex? Foto: Becca Tapert / Unsplash

Sie lieben sich seit elf Jahren. Vor zwei Jahren haben sie beschlossen, auch mit anderen Menschen Sex zu haben. Doch Marie und Jonas* führen keine offene Beziehung – sie begeben sich gemeinsam auf sexuelle Abenteuer. Sie treffen andere Paare und besuchen Veranstaltungen, bei denen gilt: Alles kann, nichts muss. Im vergangenen Jahr haben Marie und Jonas geheiratet. Romantischer Antrag, große Feier und weißes Brautkleid inklusive – das volle Programm. Nach außen hin führen sie eine klassische romantische Zweierbeziehung. Davon, dass ihre Wochenenden oft wesentlich unkonventioneller aussehen, wissen nur ihre engsten Freund*innen.

Irgendwann stellte Jonas sich die Frage: Wenn ich diese Frau heirate, werde ich dann den Rest meines Lebens nur noch mit ihr schlafen? „Als er mir eine offene Beziehung vorgeschlagen hat, dachte ich, er spinnt“, sagt Marie heute. Die beiden standen vor einer essenziellen Entscheidung: Werden sie sich trennen, oder finden sie einen gemeinsamen Weg? „Ich bin schon eifersüchtig und für mich kam nicht in Frage, dass er in irgendwelchen Betten verschwindet und ich nicht weiß, mit wem er Sex hatte.“ Jonas hatte dann die Idee, zusammen andere Leute zu treffen, auf entsprechende Partys zu gehen und sich mal anzugucken, wie das so ist. Die erste Veranstaltung dieser Art war zwar eine neue Erfahrung für beide, Marie aber nicht sonderlich begeistert. Also beschlossen sie, über eine Plattform – „eine Art Facebook für Sex-Dates“, wie sie es beschreiben – ein anderes Paar zu treffen, das genau wie sie auf der Suche nach etwas Abwechslung war.

Von Smalltalk zu Sex

Das erste Mal war rückblickend richtig seltsam. Wir haben uns schon morgens zum Brunch mit dem anderen Paar getroffen, sind danach mit zu ihnen und haben erstmal super viel geredet. Für beide war es auch das erste Mal und es war eine ganz komische Situation. Wie machen wir’s? Spricht man jetzt offen an: ‚Kommt, wir gehen ins Schlafzimmer!‘?“ Alle vier waren angespannt und überfordert mit der Situation, bis sie schließlich den Schritt vom Smalltalk zum Sex schafften. Marie, die dem Ganzen zuvor skeptisch gegenüberstand, lässt sich danach auf weitere Treffen ein.

Je mehr sich die beiden mit dem Thema auseinandersetzen, umso mehr Möglichkeiten finden sie, gemeinsam neue sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Ihre Recherche ergibt schließlich, dass es so genannte Young Generation-Swingerclubs gibt. Etablissements, in die nur Paare oder Solo-Frauen Eintritt haben, die maximal 45 Jahre alt sind. „Mein erster Impuls war: In Swingerclubs gehen doch nur alte Säcke. Außerdem ist es da schmuddelig und strange.“ Als Marie zum ersten Mal auf eine dieser Partys ging, war sie überrascht. „Alles war schön hergerichtet, extrem sauber, die Frauen liefen in Dessous rum und die Männer trugen Boxershorts. Niemand drängte zu irgendwas“, so Marie. Beide fühlten sich wohl und fingen an, diese Swinger-Partys und die Treffen mit anderen Paaren regelmäßig in ihrer Beziehung stattfinden zu lassen.

Das gemeinsame Geheimnis

Marie und Jonas wollen sich nicht erklären, keine Zweifel an ihrer Liebe zueinander zu spüren bekommen. „Ich weiß, dass die meisten Menschen um mich herum kein Verständnis dafür hätten und voller Vorurteile wären – genauso, wie ich es selbst mal war“, sagt Marie. Wenn sie gefragt werden, was sie am Wochenende so gemacht haben – und sie an besagtem Wochenende Sex mit anderen hatten – dann tischen sie mittlerweile ihre klassische Ausrede auf. „Wir sagen immer, dass wir Freunde in einer anderen Stadt besucht haben“, erzählt Jonas. „Erst letztens fragte meine Mutter: ‚Und welche Freunde? Kenne ich die auch? Wie heißen die denn?‘. Da kam ich schon ein bisschen ins Schwitzen“, so Marie.

Für Nadine Pfeiffer, Paartherapeutin aus Köln, ist das Modell, das Marie und Jonas leben, keine Seltenheit: „Es gibt häufig Paare, die solche Übereinkünfte haben und es nur wirklich engen Freunden erzählen. Mich überrascht das in diesem Fall gar nicht – die beiden kennen sich schon sehr lange und wissen, worauf sie sich einlassen.“ Außerdem macht sie deutlich: „Das, was für andere von außen sichtbar ist, hat oft nichts mit dem Sexleben zu tun. Es ist eigentlich absurd, sich zu erklären, wenn man sich selbst damit wohlfühlt.“ Aus ihrer Sicht ist dieses Modell ein gesunder Kompromiss für etwas Excitement im Schlafzimmer. Wichtig sei dabei, dass es beide Partner*innen wollen: „Einer gibt immer den Anstoß, das ist wirklich die Regel. Aber wenn der andere es nur macht, um dem Partner gerecht zu werden oder ihn nicht zu verlieren, dann muss man das Ganze schon kritischer sehen. Denn Liebe heißt Begegnung und in einem gewissen Maße auch Verzicht. Wenn sich aber beide wohlfühlen und glücklich mit diesem Modell sind, dann ist es eine sehr gesunde Art und Weise, solche Bedürfnisse anzugehen.“

Für Marie und Jonas gilt: Nur, wenn sich beide einig sind – was bei der Wahl von Sexpartner*innen nicht immer vorkommt – lassen sie sich auf die Sache ein. An allererster Stelle stehen nach wie vor ihre Beziehung und ihr Vertrauen zueinander. Nur so können sie ihr kleines Geheimnis glücklich miteinander und anderen ausleben.

*Die Protagonist*innen sind der Redaktion bekannt, sie möchten anonym auftreten.

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