Warum dieses türkische Rap-Video Rekorde auf YouTube bricht

In dem Lied Susamam thematisieren 20 Künstler*innen politische Missstände in der Türkei – und treffen offensichtlich einen Nerv. 

Susamam-Musikvideo-Türkei

"Ich kann nicht schweigen", singt Künstler Şanışer im Refrain. Screenshot: YouTube / Şanışer

Seit Anfang September wurde er mittlerweile fast 20 Millionen mal aufgerufen – Susamam (zu Deutsch: Ich kann nicht schweigen) nennt sich der Track, der es nicht nur in der Türkei in die Schlagzeilen geschafft hat. Auch der dazugehörige Hashtag #Susamam trendet seit vielen Tagen in den sozialen Medien. Von „Revolution“ oder „Zeitenwende“ ist in den YouTube-Kommentaren die Rede, Medien im In- und Ausland schlagen ähnliche Töne an. Einige YouTube-Kommentator*innen schreiben lediglich: „Ich kommentiere dieses Video nur, damit es wieder auf Platz eins der Musik-Trends schafft.“ Denn Susamam hat eine politische Message, die viele Menschen verbreiten wollen.

Worum geht’s?

„Während die Tage an dir vorbei jagen, hast du vergessen, warum du existierst. Du bist dir nicht bewusst, für welche Missstände du verantwortlich bist. Du willst lachen und Spaß haben. Das Leben ist schon hart genug. Du willst, dass die Musik dich von deinen Sorgen ablenkt. Aber wir glauben daran, dass die Musik etwas verändern kann. Schließ dich uns an!“

So beginnt das knapp 15-minütige Musikvideo, in dem insgesamt 20 Künstler*innen in verschiedenen Kapiteln über politische Missstände in ihrem Land rappen und singen: über Umweltverschmutzung, Polizeigewalt, Femizide, den ungerechten Zugang zu Bildung, Korruption, die Einschränkung der Persönlichkeitsrechte und der Pressefreiheit sowie die Missachtung von Tierrechten. Manche Musiker*innen haben auch persönlichere Themen und emotionalere Zugänge gewählt. Sie rappen über Depressionen oder Suizidgedanken. Verbunden sind die einzelnen Segmente immer wieder durch den Refrain, in dem der Rapper Şanışer singt: „Hab keine Angst, komm mit mir. Der Tag wird kommen, an dem diese Sätze eingesperrt werden. Sie werden es nicht merken, wenn ich besiegt werde und verschwinde. Auch dann schweige ich nicht. Ich kann nicht schweigen.“

Wer steckt dahinter?

Der Rapper Şanışer, auf dessen Kappe der namensgebende Refrain von Susamam geht, hat Regie geführt. Die Rapper Ados, Hayki, Server Uraz, Beta, Tahribad-ı İsyan, Sokrat St, Ozbi, Sehabe, Yeis Sensura, Aspova, Defkhan, Aga B, Miraç, Mert Şenel, Kamufle, der in Deutschland aufgewachsene Künstler Fuat  und die Singer-Songwriterin Deniz Tekin haben musikalische Kapitel beigesteuert.

Die Künstler*innen waren bislang eher aus dem Kontext von Internetplattformen wie YouTube bekannt und weniger einer breiten Öffentlichkeit. Das dürfte sich jetzt geändert haben.

Wie ist das Video entstanden?

Die Initiatoren, darunter Şanışer und der Rapper Sokrat St riefen die Künstler*innen dazu auf, sich musikalisch einem politischen Thema zuzuwenden. Innerhalb eines Monats wurde das Projekt bereits abgeschlossen und am 5. September veröffentlicht. Sokrat St erzählte der taz.gazete, er habe nicht erwartet, dass das Video ohne jegliche PR-Kampagne so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde: „Wahrscheinlich ist es die Zeit, in der wir leben.“ Es sei die erste Kollektivarbeit von Hip-Hop-Musiker*innen mit so vielen unterschiedlichen politischen Überzeugungen gewesen. „Wir haben versucht, Dinge auf der Welt und in unserem Land anzusprechen, von denen wir der Ansicht sind, dass sie nicht richtig laufen“, kommentierte auch der Rapper Şanışer.

Wie geht es nun weiter?

Ob Susamam nun tatsächlich zu einer Revolution führen wird, wie es sich viele YouTube-Kommentator*innen wünschen, bleibt abzuwarten. Derweil spekulieren viele, ob das Musikvideo Konsequenzen für die Künstler*innen haben wird, auch wenn es mit der Angabe endet: „Die in dem Lied Angesprochenen stimmen mit keiner realen Person oder Institution überein.“ Erst im vergangenen Jahr saßen drei bekannte Rapper wegen ihrer Texte monatelang in Untersuchungshaft.

Tatsächlich ließen die Reaktionen aus Regierungskreisen nicht lange auf sich warten: Der stellvertretende Ministerpräsident Hamza Dağ von der Regierungspartei AKP kommentierte Susamam auf Twitter so: „Kunst sollte nicht für Provokationen und politische Manipulation missbraucht werden.“ In einem Artikel der Zeitung Yeni Şafak, die der Familie des Finanzministers gehört, der zugleich der Schwiegersohn des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ist, wurde das Video als „gemeinsame Produktion der Terrororganisationen PKK und FETÖ“ bezeichnet.

Die Künstler*innen zeigen sich indes gelassen. Auf Twitter schrieb der Rapper Şanışer: „Hätte ich vorgehabt, Angst zu haben, zurück zu schrecken, abzuhauen oder mich klein zu machen, hätte ich dieses Lied nicht produziert.“

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