Warum drei mächtige Politikerinnen ein Anfang sind

Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer machen noch keine chancengleiche Welt. Aber sie zeigen uns und unseren Kindern, dass Frauen nicht nur Statistinnen, sondern politische Entscheiderinnen sind. Ein Kommentar

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Ganz so fröhlich wie diese drei ist unsere Kolumnistin nicht. Aber sie meint: Mächtige Politikerinnen können ein Anfang sein. Foto: Michael Kappeler/dpa

Okay, „Angela Merkel“ waren jetzt nicht die allerersten Worte, die mein Kind gesprochen hat. Allerdings war ihm schnell klar: „Das ist die Chefin von Deutschland“. Neulich – wir kamen an einem Plakat von Katarina Barley für die Europawahl vorbei – sprachen wir über Politikerinnen. „Was muss man denn dafür machen, um Politikerin zu werden?“ fragte mich mein Kind. „Zum Beispiel viel lesen“, antwortete ich. „Geht auch Videos schauen?“, fragte mein Kind. Ich musste lachen. Ja, vermutlich geht auch Videos schauen. Vor allem aber geht ganz selbstverständlich: Politikerin werden.

Mein Kind wächst ganz selbstverständlich in einer Welt mit Politikerinnen auf. Mit einer „Chefin von Deutschland“, wie sie Angela Merkel nennt. Mit Katarina Barley auf EU-Wahlplakaten, mit Ursula von der Leyen als neuer Präsidentin der Europäischen Kommission, mit Annalena Baerbock als gehandelte Kanzlerinnenkandidatin. Na gut, für eine dieser Aussagen scheint die Welt noch nicht bereit zu sein. Aber dennoch: Die Politiklandschaft in Deutschland sieht heute anders aus als in meiner eigenen Kindheit. Zwischen all den Anzugmännern gibt es immer mehr Frauen in Röcken, Kleidern und Hosenanzügen.

Noch immer sind die politischen Ämter nicht paritätisch besetzt, aber die Machtverhältnisse verändern sich. Und ja, die Freude darüber ist nicht ungetrübt. Dass mit Annegret Kramp-Karrenbauer, Ursula von der Leyen und Angela Merkel drei konservative Frauen, die sich bisher nicht für eine moderne Gleichstellungs- und Familienpolitik eingesetzt haben, an den entscheidenden Positionen sitzen, lässt meine Zähne knirschen. Dass es weiße Frauen sind, ebenso. Nach wie vor braucht es eine vielfältigere Zusammensetzung von Politiker*innen in den Parlamenten. People of Color, Menschen mit Behinderungen, junge Menschen, Menschen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft und Zugängen zu Bildung. Und doch: Die Macht dieser Politikerinnen ist ein Anfang.

Eine politische Welt, in der Frauen nicht nur Statistinnen sind, sondern Entscheiderinnen.

Denn sie zeigt uns und vor allem unseren Kindern eine politische Welt, in der Frauen nicht nur Statistinnen sind, sondern Entscheiderinnen, Machthaberinnen, Gestalterinnen. Eine Welt, in der Mädchen Mütter werden können und EU-Kommissarin, eine Welt, in der Mädchen Astronautinnen werden können. Eine Welt, in der Mädchen Physikerin und Bundeskanzlerin werden können. Trotz der ungerechten Schieflage, die es nach wie vor gibt – nicht alle Menschen haben aufgrund von Diskriminierungen die gleichen Chancen – sind diese mächtigen Politikerinnen ein gutes Zeichen. Es ändert sich etwas, und unsere Kinder wachsen mit neuen Bildern der Macht auf.

Diese Bilder sind wichtig. „Im Alter von zwei, drei Jahren bilden sich Geschlechtsvorstellungen von Kindern aus“, sagt Elementarpädagoge Lars Burghardt. Kinder beginnen zu begreifen, was ein Junge und was ein Mädchen ist. Und sie fragen sich: Was bin ich eigentlich selbst? Was macht mich aus? Die Antworten finden sie im Abgleich mit ihrer Lebensrealität, die aus dem persönlichen Umfeld besteht, aber auch aus den Medien, die sie konsumieren. Kinderbücher, Videos, Nachrichten.

Eine „Chefin von Deutschland“ ist für ein kleines Mädchen eine Identifikationsfigur. Bleibt zu hoffen, dass diese Chefinnen zukünftig nicht nur alte weiße Frauen sein werden, sondern auch junge, Schwarze, behinderte Menschen, Kinder von Arbeiter*innen, Menschen, die in Laut- und Gebärdensprache kommunizieren, Menschen mit Studium und ohne, Menschen mit Kindern und Menschen ohne. Damit irgendwann wirklich alle alles werden können.

 


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