Warum du auch auf der Arbeit deine Gefühle zeigen solltest

Im Job sollen wir uns eine professionelle Identität zulegen und Privates außen vor lassen? Das ist nicht nur anstrengend, sondern auch Quatsch.

Gefuehle Arbeit

Nein, bei der Arbeit muss man kein knallharter Businesstyp sein. Foto: Christina Morillo / Stocksnap | CC0

„Ich habe nicht ein einziges Mal auf der Arbeit geheult“, sagte meine Kollegin sichtlich stolz – und gleichzeitig vollkommen fertig. Ihr Freund hatte sie nach mehreren Jahren Beziehung am Vorabend aus heiterem Himmel verlassen. Und das, was ihr in dem Moment am wichtigsten war: im Job professionell sein. Härte zeigen. Bloß nicht weinen.

Das ist schon einige Jahr her, aber wir hören das im beruflichen Kontext so oft: Erzähl nichts Privates, trag das Herz nicht auf der Zunge, leg dir ein dickes Fell zu. Aber wer sich dauerhaft verstellt, echte Gefühle und Bedürfnisse unterdrückt und sich eine professionelle, aalglatte, knallharte Job-Identität zulegt, tut sich damit nichts Gutes.

Wer authentischer ist, ist glücklicher

Gesünder und produktiver ist es stattdessen, sich im Job nicht zu verstellen und zu seiner Persönlichkeit zu stehen – das haben auch Wissenschaftler*innen mehrerer US-Universitäten in einer umfassenden, gemeinsamen Untersuchung herausgefunden.

Dafür haben die Forscher*innen 65 Studien analysiert, die sich mit den Auswirkungen der Unterdrückung von (auch zeitlich begrenzten) Identitätsaspekten im Job befassen – darunter unter anderem sexuelle Orientierung, psychische Erkrankungen und Schwangerschaften.

Ergebnis: Menschen, die am Arbeitsplatz offen mit diesen Aspekten umgingen, waren insgesamt glücklicher mit ihrem Leben und außerdem produktiver im Beruf. Sie erlebten weniger Ängste in Zusammenhang mit der Arbeit, waren selbstsicherer in Bezug auf ihr Job-Profil und zeigten höheres Engagement. Auch außerhalb der Arbeit waren sie weniger gestresst und zufriedener.

Fühlen ist menschlich – auch im Job

Laut der an der Studie beteiligten Psychologin Dr. Eden King liege das daran, dass Selbstoffenbarung im Normalfall eine gute Erfahrung sei – weil sie es Menschen erlaubt, Beziehungen auf- und auszubauen und den Kopf von belastenden Gedanken zu befreien. Sich zu verstellen und in eine Art Job-Identität zu schlüpfen kostet logischerweise mentale Energie; ein Teil von uns muss immer auf der Hut sein – wie anstrengend.

Und wir Menschen sind eigentlich dazu gebaut, über emotionale Verbindungen Beziehungen mit anderen herzustellen. Dazu haben wir laut Neurowissenschaftler*innen die sogenannten Spiegelneuronen im Gehirn. Sie sorgen vereinfacht gesagt unter anderem dafür, dass wir Emotionen in anderen erkennen und ein Stück weit nachempfinden können.

Wer sich also öffnet, Gefühle und Gedanken preisgibt und vermeintlich Schwäche zeigt, sorgt nicht nur für eine Annäherung und besseres Miteinander, sondern trainiert gleichzeitig auch, andere Perspektiven wahr- und einnehmen zu können. Anderen zu vertrauen führt im Gegenzug auch oft dazu, dass entsprechendes Vertrauen zurückgegeben wird – und all das hat positiven Einfluss auf die gesamte Unternehmenskultur.

Außerdem: Wer die eigenen Fehler, Probleme und Schwächen kennt, kommuniziert und damit vernünftig umgeht, ist ihr Boss. Offener Umgang mindert das Risiko, dass sie möglicherweise gegen einen verwendet werden könnten. Nach dem Motto: Ja, ich habe ein gebrochenes Herz und bin total am Ende – und jetzt kommst du.

Umfeld und Augenmaß sind wichtig

Allerdings hat die Meta-Studie auch herausgefunden, dass das nicht im gleichen Maße auf Menschen mit sofort erkennbaren Charakteristika zutrifft – dazu gehören beispielsweise Hautfarbe und körperliche Einschränkungen. Laut Dr. Eden King hänge das damit zusammen, dass wir gern etwas Neues über andere erfahren wollen. Das ist es, worauf wir positiv reagieren.

Davon abgesehen hängt das passende Maß an Offenheit und Authentizität durchaus ein Stück weit vom Umfeld ab. Und es geht auch nicht ohne Augenmaß und gesunden Menschenverstand: Mit welchem Teil meiner Identität fühle ich mich sicher? Und wer wäre mit zu viel persönlicher Information überfordert?

Authentisch ja – aber nicht übergriffig

Nein, niemand muss mit jedem privaten Detail hausieren gehen und nur noch über persönliche Empfindungen und Erlebnisse sprechen. Job ist Job, es gibt ja schließlich auch das eine oder andere Stückchen Arbeit zu erledigen. Und es gibt selbstredend Grenzen.

Doch sich nicht zu verstellen, sich stattdessen zu öffnen und authentisch zu sein, ist eine gute Art, mit anderen Menschen echte Beziehungen aufzubauen. Dazu gehört ein bisschen Mut. Aber wir lassen unsere Persönlichkeit ja nicht zu Hause, wir sind soziale Wesen, wir haben auch im Job Gefühle – und das ist nun mal die Ebene, auf der wir uns miteinander verbinden.

Außerdem gilt: Wer permanent die Ellenbogen ausgefahren hat, stößt sich ständig und unter einem besonders dicken Fell fängt’s halt irgendwann an zu müffeln.