Warum du aufhören solltest, Dinge zu verheimlichen

Geheimnisse sind schlecht für unsere Gesundheit. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit tut auch unseren Beziehungen gut.

Warum du aufhören solltest, Dinge vor anderen zu verheimlichen

Dinge zu verheimlichen ist so gut wie nie eine gute Idee. Foto: Kyle Sudu / Unsplash | CC0

Als mir das erste Mal bewusst wurde, wie schädlich Geheimniskrämerei sein kann, saßen die Wunden schon zu tief. Ich hatte in einer Beziehung verschwiegen, dass ich unglücklich bin, viel zu lange. Ich dachte immer, es wird schon irgendwie besser werden. Wurde es nicht.

Ich redete mir ein, ich hätte das aus dem Wunsch heraus geheim gehalten, den Menschen an meiner Seite zu schützen, ihn nicht vor den Kopf zu stoßen. Tatsächlich hatte ich einfach nur Angst, kritisiert zu werden, warum ich nicht schon früher ausgepackt hatte – mich verletzlich zu machen und dazu gezwungen zu sein, mich mit mir selbst zu beschäftigen.

Ich fühlte mich schlecht und unter Druck. Ich weiß heute, dass das nicht nur mir selbst gegenüber feige war: Ich nahm uns dadurch die Chance, an der Beziehung zu arbeiten. Ich habe mir seitdem vorgenommen, offener zu werden und alles, was wichtig ist, direkt anzusprechen. Doch wie gelingt das eigentlich, bedingungslos offen und ehrlich zu sein? Und wie kann man dem Drang widerstehen, Geheimnisse zu haben?

Das Geheimnis des Geheimnisses

Jeder Mensch trägt durchschnittlich dreizehn Geheimnisse mit sich herum, fand der renommierte Forscher und Psychologe Michael Slepian in mehreren Studien heraus. Fünf davon werden nie jemandem verraten. Diese Geheimnisse können ganz harmlose sein, etwa unser Rezept für das beste Rührei oder schwerwiegendere wie eine ernste Erkrankung.

In der Wissenschaft wird das Phänomen laut dem Magazin Spektrum so definiert: „Es ist das absichtliche Verheimlichen von Information vor mindestens einer Person, die aktive Unterdrückung von Offenheit oder die mutwillige Täuschung, indem man eine Information weglässt.“

Mittlerweile ist auch bekannt, warum Menschen Geheimnisse für sich behalten: Es ist ein Regulativ im sozialen Miteinander. Durch unsere Geheimnisse können wir steuern, wem wir uns annähern – und wem wir fremd bleiben. Die Psychologin Catrin Finkenauer von der Universität Utrecht nennt es „die Währung der Freundschaft“. Wer seine Geheimnisse mit anderen teilt, intensiviert den Kontakt und die zwischenmenschliche Beziehung zu ihnen.

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Das ist auch der Grund, aus dem wir etwa ab der Pubertät beginnen, Dinge vor unseren Eltern zu verheimlichen – Jungen übrigens mehr als Mädchen. Wir sehnen uns nach Selbstbestimmung. Häufig verschweigen wir Dinge, die moralisch geächtet werden und zu Bestrafung führen könnten. Je mehr wir in dieser frühen Phase verheimlichen, desto emotional unabhängiger entwickeln wir uns.

Doch das kann auch umschlagen: Studien zeigen, dass die Geheimniskrämerei auch die Beziehung zu den Eltern belastet. Wieder andere zeigen: Jugendliche entwickeln umso wahrscheinlicher psychische Probleme, je weniger sie preisgeben. Das ist der Preis für Verschwiegenheit, unser Leben lang. Wir fühlen uns immer schlecht damit, etwas zu verheimlichen, das für die andere Person von Relevanz sein könnte. Das wissen alle, die schon mal etwas vor jemandem geheim hielten.

Wir halten unsere Emotionen geheim

Fakt ist: Je mehr Geheimnisse wir voreinander haben, desto mehr schadet das unserer Beziehung zueinander. Sie führen zu einem distanzierten Verhältnis zueinander, das gilt insbesondere für romantische Beziehungen.

Dabei geht es nicht etwa um Details zu Erzählungen, die wir selbst nicht als wichtig erachten, weil sie die Beziehung in keiner Weise tangieren, oder nicht sinnvoll für den Kern einer Geschichte sind – beispielsweise, ob wir im Kino eine*n Ex-Partner*in getroffen haben, über den*die wir längst hinweg sind. Sondern um solche Dinge, bei denen wir schon selbst merken, dass es für uns und die anderen nicht gut tut, sie zu verheimlichen: sexuelle Neigungen, finanzielle Notlagen, eine schlimme Diagnose oder eine andere relevante Information für das partnerschaftliche Miteinander.

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Halten wir so etwas geheim, kann es laut einer aktuellen Studie auch für uns selbst fatale Folgen haben: Stress, Angst, Depression, Einsamkeit und mangelndes Selbstwertgefühl. Das schadet auch unseren kognitiven Fähigkeiten, wir treffen schlechtere Entscheidungen, Hindernisse im Alltag wirken größer. Das kann uns regelrecht lähmen oder zu einer Stressspirale führen, weil wir ständig damit beschäftig sind, Informationen geheim zu halten.

Wie wir da rauskommen

Wenn der Bauch uns signalisiert, dass das Geheimnis besser raus sollte, dann sollte es auch raus. Denn oft hüten wir Geheimnisse vor allem deshalb, weil wir uns für unsere eigenen Emotionen schämen, schreibt die Sozialwissenschaftlerin Hilary Jacobs Hendel. Sie gibt fünf Ratschläge, die helfen können, unserer Geheimniskrämerei zu entfliehen und offener zu werden:

  1. Wir sollten verstehen, dass Geheimniskrämerei ein angelerntes Verhalten ist, das uns in der Kindheit beschützt habe. „Der Körper und der Geist funktionieren so, weil sie für emotionales Überleben programmiert wurden.“
  2. Wir sollten verstehen, dass es nicht unsere eigene Schuld ist, dass wir etwas geheim halten.
  3. Wir sollten uns bewusst machen, dass wir als Erwachsene besser mit Ablehnung umgehen können und es keinen Grund gibt, Dinge zu verheimlichen.
  4. Wir können uns mit Partner*innen und Freund*innen umgeben, die uns unterstützen und verstehen wollen, die uns so wahrnehmen, wie wir uns selbst im Moment wahrnehmen.
  5. Wir sollten üben, unseren Reflex zur Geheimhaltung zu verändern. Wir sollten uns die Erlaubnis geben, tiefgreifende Gefühle rauszulassen, wenn sie entstehen, ob das nun Freude oder Aufregung ist.

Klar ist aber auch: Nur weil wir uns dazu entschließen, künftig offener mit unseren Emotionen und Gedanken umzugehen und Geheimnisse zu meiden, heißt das nicht, dass alle Menschen damit einfach klarkommen. Die meisten Menschen sind vorbelastet – wir verspüren manchmal Scham oder das Gefühl, wir wollten andere nicht mit unseren Problemen belasten.

Offenheit kann andere Menschen herausfordern. Das kann anstrengend sein – aber auch befreiend, weil man damit aktiv an der zwischenmenschlichen Beziehung arbeitet, man schärft das Verständnis füreinander. Dazu gehört auch, sich von Rollenbildern lösen, neue und vermeintlich verrückte Gedanken zulassen, eine Art Abenteuerlust entwickeln: Warum bin ich so, wie ich bin?

Eine Freundin erzählte mir kürzlich, sie schlafe besser, wenn sie keine Geheimnisse mit sich rumschleppe. Außerdem gelte der Spruch „Lügen haben kurze Beine“ auch für Geheimnisse. Das stimmt wohl. Sie kommen raus: Entweder durch uns selbst oder einen Knall.


In unserer Reihe „Wie du zu dir findest“ beschäftigen wir uns mit dem Klarkommen in dieser schnelllebigen Welt. Wie werde ich zufriedener? Wie werde ich schädliche Denkmuster los? Für die Tricks und Kniffe – wir nennen sie Psychohacks – beschäftigen wir uns mit gängigen Studien und Methoden und befragen Expert*innen.