Warum du aufpassen solltest, wenn dir diese Leute Reichtum versprechen

Computer für dich arbeiten lassen, Neukund*innen werben und vom Strand aus reich werden? Die Firma cryptoempire lockt auf Social Media mit Bildern von einem wunderschönen Leben. Wie seriös ist ihr Angebot, mit Bitcoins viel Geld zu machen?

Von Thailand aus arbeiten und mehr verdienen als fast alle zu Hause in Deutschland? Foto: © Instagram / Merlin Endler

Eine Bar in Berlin-Friedrichshain Mitte Juli. Im Gastraum läuft das WM-Spiel Frankreich gegen Belgien, im Hinterzimmer sitzen etwa 20 Leute auf Bierbänken und wollen erfahren, wie sie reich werden können. Sie sind gekommen, um den Brüdern Albin (22) und Merlin (24) Endler zuzuhören. Die beiden haben gemeinsam mit einem Freund die Firma cryptoempire gegründet, die nach eigenen Angaben mittlerweile 5.000 Mitglieder hat.

Auf Instagram und Facebook geben sich diese Menschen erfolgreich und dynamisch: mit schnellen Autos, an Stränden, auf Gipfelketten. Viele Einträge vermitteln den Eindruck, dass der Reichtum nur einen Mausklick entfernt und für alle erreichbar ist. Wenn man nur wirklich will.

Unter den Bildern und Videos finden sich Hashtags wie #ByeByeHamsterrad oder #billionairemindset. Häufig stehen dort Sätze wie dieser: „Nur mal angenommen ich könnte dir eine Möglichkeit und Motivation bieten, deine Ziele zu erreichen. Würdest du die Chance ergreifen, oder suchst du weiterhin Ausreden?“

Vor Kurzem haben wir unsere Mutter in Frührente geschickt. Das war ein Milestone.“ – Albin Endler

Jetzt warten die etwa 20 Zuhörer*innen darauf, von den Brüdern mehr über diese Chancen und Möglichkeiten zu erfahren. In Jeans und T-Shirt stehen sie neben einem Flipboard und erzählen, wie sie auf die Idee für ihr Unternehmen kamen. Nach dem Abi wussten sie nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. Weder Ausbildung noch die Uni schien ihnen der richtige Weg. Fünf Jahre studieren? Nicht ihr Fall. Sie wollten schnell finanziell unabhängig sein. Ein Begriff, der an diesem Abend oft fällt. Die Mutter habe sich Sorgen um ihre Söhne gemacht, sagt Albin. „Vor Kurzem haben wir unsere Mutter in Frührente geschickt. Das war ein Milestone“, sagt Merlin.

Digitales Goldschürfen

Jetzt warten die Zuhörer*innen darauf zu erfahren, wie ihnen das gelungen ist. Die Antwort steht auf dem T-Shirt, das sie tragen. #AskMeAboutBitcoin ist da zu lesen. cryptoempire hat sich auf das sogenannte Mining von Bitcoins spezialisiert. Es scheint auf den ersten Blick einfache Möglichkeit zu sein, Geld zu verdienen.

Stark vereinfacht funktioniert sie so: Wann immer Menschen die Digitalwährung Bitcoin benutzen, muss diese Überweisung durch eine komplexe Rechenaufgabe bestätigt werden. Miner konkurrieren darum, diese Aufgabe zu lösen. Wer es als erste*r schafft, erhält als Gegenleistung einige Bitcoins. Diese lassen sich dann in reales Geld umtauschen.

[Außerdem auf ze.tt: Sie schreibt die Bewerbung – andere kriegen den Job]

Natürlich ist cryptoempire nicht die erste Firma, die auf diese Idee gekommen ist. Deshalb ist das Unternehmen Teil eines Netzwerks, das sich Bitclub Network nennt. Es hat sich zusammengeschlossen, um gemeinsam möglichst schnelle und viele Rechner zu kaufen. Ein herkömmlicher PC ist fürs Mining nämlich viel zu langsam.

Die Rechner des Bitclub Networks stehen in Island. Dort ist es kalt und der Strom billig – perfekte Bedingungen für große Rechner. Albin sagt: „Wenn ihr bei cryptoempire einsteigt, könnt ihr mit uns dahin fahren und sie anschauen.“

Der Computer arbeitet für dich

Im Vortrag klingt es so, als ob man etwas investiert, das aus Geld mehr Geld macht. „Ihr lasst die Computer für euch arbeiten und habt so ein passives Einkommen“, sagen die Brüder. Dann fragt Albin seinen Bruder: „Sag doch mal, Merlin, wie hoch war der Gewinn in den letzten Monaten?“ Merlin schaut auf sein Smartphone und spult eine Liste monatlicher Renditen herunter. Die lag in den vergangenen zwei Jahren im Durchschnitt bei acht Prozent – pro Monat. Zum Vergleich: Auf einem Sparkonto erhält man im Durchschnitt 0,3 Prozent auf sein eingesetztes Geld – pro Jahr.

Wie viel genau man investieren soll, darüber sprechen die beiden nicht und es fragt auch niemand aus dem Publikum. Nur einmal fällt ein Vergleich: „Wenn ihr ein Restaurant aufmachen würdet, bräuchtet ihr auch 50.000 bis 100.000 Euro.“

Die Brüder erzählen nun von einem zweiten Weg für diejenigen, die kein so großes Startkapital hätten. Das Publikum rutscht auf den Bierbänken hin und her und wartet, wie es weitergeht. „Wer neue Mitglieder für cryptoempire wirbt, erhält Provision. Ganz so als ob ihr ein Immobilienmakler wärt“, sagt Merlin. Im Schnitt etwa zehn Prozent, sagen die Brüder. Falls ein neues Mitglied mit 5.000 Euro einsteigt, bekommt die Person, die sie geworben hat, 500 Euro.

Was dahintersteckt

Das Modell, das hinter der Firma cryptoempire steckt, nennt sich Empfehlungsmarketing und ist im Prinzip schon alt. Auch Firmen wie Tupperware setzen es ein. Man nutzt persönliche Beziehungen und Freundschaften, um seine Produkte zu verkaufen.

Firmen wie cryptoempire gehen noch einen Schritt weiter. Dort baut man sich ein Team oder eine sogenannte downline auf, die man sich wie eine Pyramide vorstellen kann. An jedem Umsatz, der unter einem in der Pyramide getätigt wird, verdient man mit. Multilevel-Marketing (MLM) nennt sich das und es ist weder illegal noch grundsätzlich unseriös.

Doch häufig herrscht in diesen Unternehmen eine starke Gruppendynamik und Ideologie vor, schreibt Zeit Online in einem Artikel über Multilevel-Marketing (kostenpflichtig). Wie das Titelbild dieses Artikels und Dutzende weitere Posts in sozialen Medien zeigen, macht sich auch cryptoempire diese Dynamik zunutze. Es gibt Teamtreffen am Strand von Thailand und sogenannte hustlerdays, bei denen die Spitzen des Unternehmens vor bis zu 600 Mitgliedern und Interessent*innen auftreten. Auch im Gespräch mit ze.tt schwärmte einer der sogenannten Co-Founder von cryptoempire von der ultrageilen community. „Das ist wie eine Riesenfamily“, sagt er.

Gepostet von Crypto Empire Hustlerday am Freitag, 1. Juni 2018

Mangelnde Transparenz

ze.tt hat Claudia Groß um eine Einschätzung von cryptoempire anhand der Webseite und Firmenvideos gebeten. Sie ist Assistant Professor an der Radboud Universität in den Niederlanden und forscht seit 2004 zum Thema Multilevel-Marketing. Groß sagt: „Was mir auf jeden Fall auffällt, ist die fehlende Transparenz auf der Webseite. Wie kann ich einsteigen, wie funktioniert es genau?“ Im Gegensatz zu anderen Empfehlungsmarketing-Firmen fehle auch ein öffentlich einsehbarer Provisionsplan. „Wie viel Provision bekomme ich und wofür genau bekomme ich sie? Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, wie seriös diese Webseite überhaupt ist.“

Groß sagt, dass Multilevel-Marketing-Firmen häufig mit Träumen werben und mögliche Interessenten stark über Emotionen ansprechen. Wie diese Ziele konkret zu erreichen sein sollen, werde aber nicht immer klar erläutert. „Der atemberaubende Lifestyle, der auf Firmenvideos präsentiert wird, wird in MLM-Unternehmen lediglich von einem sehr geringen Anteil aller aktiven Mitglieder erreicht.“

Die Verbraucherzentrale warnt

Im Hinterzimmer der Bar in Berlin-Friedrichshain sind die beiden fast am Ende ihres gut einstündigen Vortrages angekommen. Nun wenden sie sich noch mit einem Appell in Richtung Bierbänke. „Ihr könnt jetzt einfach hier rauslaufen und nichts tun. Oder ihr kontaktiert die Leute, die euch die Einladung für diesen Abend geschickt haben.“ Die meisten Zuhörer*innen nicken und verlassen eilig den Raum.

Auf der Veranstaltung ist weder wirklich klar geworden, wie das Mining mit cryptoempire funktioniert, noch wie man in der Pyramide aufsteigen kann. ze.tt hat einige Tage nach dem Vortrag mit einem Mitglied von cryptoempire ein Videotelefonat geführt und darum gebeten, mehr über die Details zu erfahren. Doch das Mitglied verwies auf ein Erklärvideo, das dem Vortrag in der Bar ähnelte und fragte, ob man nun für 15.000 oder 100.000 Euro einsteigen möge.

Kein Wunder, dass Verbraucherzentralen immer wieder vor Investitionen in Kryptowährungen warnen. Nicht, weil diese grundsätzlich unseriös seien, aber weil es gerade hier viele undurchsichtige Geschäftsmodelle gebe. Erst vor wenigen Tagen war die Berliner Firma Envion in den Medien, weil sie Anleger*innen um 100 Millionen Euro gebracht haben. Ihr Geschäftsmodell: Mining.

Kristina Böhlandt ist bei der Vebraucherzentrale Hessen im Projekt Marktwächter tätig und sagt zu ze.tt: „Wir untersuchen aktuell Beschwerden zu rund 35 verschiedenen Anbietern im Bereich Kryptowährungen.“ Der Grund: Viele Anbieter werben mit übertriebenen Renditeversprechen, und fordern dazu auf, neue Interessenten zu werben. Häufig haben sie komplizierte Geschäftsmodelle und ihren Sitz im Ausland.

[Außerdem auf ze.tt: So lächerlich ist indirekte Werbung auf Instagram]

Auch den Partner von cryptoempire beobachtet die Verbraucherzentrale schon länger. „Bei Bitclub Network deutet einiges darauf hin, dass es sich hier um einen solchen Anbieter handelt“, sagt Böhlandt.

Tatsächlich ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft Hamburg unter dem Aktenzeichen 5612Js80/18 gegen eine Privatperson, die Werbung für das Bitclub Network gemacht haben soll. Der Vorwurf lautet Betrug. ze.tt hat mit der Staatsanwaltschaft gesprochen und auch mit der Person, die vorgibt, betrogen worden zu sein. Der 58-Jährige aus Hamburg war damals mit 20.000 Euro eingestiegen und sagt heute: „Nach drei Monaten sind meine Mining-Erträge rapide gesunken.“ Wie viel und ob er von seinen 20.000 Euro etwas zurückbekommt, weiß er nicht. Er sagt: „Wer da jetzt noch investiert, ist bekloppt.“ Die Staatsanwaltschaft teilt mit, dass die Akte momentan bei der Kriminalpolizei in Augsburg sei und man keine weiteren Auskünfte geben könne.

ze.tt hat die Gründer von cryptoempire telefonisch und schriftlich kontaktiert und sie gebeten, offene Fragen zu klären, die sich im Laufe der Recherche ergeben haben. Die Antwort: „Wir möchten uns dazu nicht äußern.“

Mining

Dass man mit Mining viel Geld verdienen kann, ist unbestritten. Das zeigt etwa das Beispiel von Robert Küfner, der 2010 mit Mining begann und heute Millionär ist, wie der Tagesspiegel schreibt. Doch 2015 stieg er aus dem Geschäft aus. „Es ist mittlerweile ein monopolistischer Markt“, sagt er. Es gebe nur wenige Hersteller der speziellen Rechner, die für Mining benötigt würden, sagte er zu ze.tt. Zudem würde sich die Hardware immer schneller überholen. „Die Zeiten des Mining sind mittelfristig vorbei“, sagt er.

Anmerkung, 12. September 2018: Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat die Ermittlungen ausgeweitet. Der Vorwurf lautet jetzt bandenmäßiger Betrug und Verstoß gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). 

Anmerkung, 19. September 2018: Aufgrund der vielen Kommentare, hier einige Anmerkungen:

  • In einer ursprünglichen Fassung war von „schnellem“ Reichtum die Rede, wir haben das „schnell“ gestrichen und lediglich Reichtum geschrieben. Auf der Website, den Veranstaltungen und in sozialen Medien wird kein schneller Reichtum versprochen, aber doch eine Möglichkeit innerhalb relativ kurzer Zeit abseits der Plackerei in normalen Berufen ein gutes Vermögen verdienen zu können – wenn man nur hart genug dafür arbeite. 
  • Viele Kommentator*innen weisen darauf hin, dass cryptoempire keine Firma sei. Laut Impressum auf der – mittlerweile verschwundenen – Website handelt es sich bei cryptoempire um ein oHG, also eine Firma. Das bedeutet nicht, dass alle Leute, die Mitglied von cryptoempire sind, auch automatisch Angestellte oder Mitarbeiter dieser Firma sind. Gleichwohl gibt es eine Firma mit dem Namen cryptoempire und Gründer, die die Geschäftsidee entworfen haben.
  • Im Artikel ist nicht von Renditeversprechen für die Zukunft die Rede – wohl aber präsentieren die Gründer auf ihrer Veranstaltung Zahlen aus der Vergangenheit.
  • Die Gründer hatten mehrmals die Möglichkeit, auf die kritischen Anmerkungen von Verbraucherschützer*innen und der Expertin für MLM, zu reagieren – entschieden sich aber dagegen.