Warum du beim nächsten Mal unbedingt eine Straßenzeitung kaufen solltest

Der Verkauf von Straßenzeitungen soll von Armut betroffenen Menschen helfen, ihre Lage zu verbessern. Hinter den Blättern stecken oft Vereine, die über die Zeitungen hinaus wichtige Arbeit leisten. Doch ihr Fortbestehen ist permanent unsicher.

Hinter Straßenzeitungen stecken Vereine, die über die Blätter hinaus wichtige Arbeit leisten.

Hinter Straßenzeitungen stecken Vereine, die über die Blätter hinaus wichtige Arbeit leisten. Foto: Marc Tirl/dpa

Seit einem Jahr verkauft Lasse* in Köln den Draussenseiter. In der linken Hand hält er einen Stapel Hefte, in der rechten seinen offiziellen Verkaufsausweis. Freundlich begrüßt er die Passant*innen und fragt, ob sie die Ausgabe haben wollen. Viele laufen vorbei, immer wieder hält aber auch jemand vor Lasse an. „Inzwischen habe ich eine kleine Stammkundschaft, die mir die Straßenzeitung regelmäßig abkauft“, sagt er stolz.

1,70 Euro nimmt Lasse für eine Ausgabe. Zuvor hat er die Hefte dem Kölner Verlag für 70 Cent das Stück abgekauft. Wenn ihm jemand tatsächlich eine Zeitung abkauft, fühlt er sich wohler, als wenn ihm jemand bloß einen Euro hinlegt und weiterläuft: „Ich weiß, dass das nett gemeint ist, aber ich will gerne etwas für das Geld tun. Später wird mir auch nichts mehr geschenkt.“

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Mit den Einnahmen will Lasse Schritt für Schritt von der Straße kommen. Es tut ihm gut, mit den Heften unterwegs zu sein. Der Straßenverkauf gibt ihm einen klaren Tagesrhythmus. „Und es fühlt sich an, als würden mir die Menschen mehr auf Augenhöhe begegnen, seit ich die Zeitung in der Hand habe“, erklärt er.

„Straßenzeitungen sind keine Obdachlosenzeitungen“

Das Ziel von Straßenzeitungen ist es, armutsbetroffenen Menschen eine Perspektive zu geben. Sie sollen über den Verkauf ihr Leben strukturieren. Außerdem erhalten Verkäufer*innen in der Regel 50 Prozent der Einnahmen, um auf diese Weise langfristig ihre Lebensumstände verbessern zu können. Straßenzeitungen gibt es in vielen großen Städten in Deutschland: die Motz in Berlin, Hinz&Kunzt in Hamburg, den Draussenseiter in Köln, die BISS in München.

Weil sie häufig von wohnungslosen Menschen verkauft werden, gelten sie als Obdachlosenzeitschriften. Johannes Denninger ist es wichtig, dass sich dieses Verständnis ändert. Er leitet den Vertrieb der Münchner Straßenzeitung BISS. „Straßenzeitungen sind keine Obdachlosenzeitungen“, sagt Denninger. „Das ist ein Fehler, der noch oft gemacht wird und schwer aus den Köpfen der Leute herauszubekommen ist.“ Verkäufer*in kann werden, wer im Sinne des Sozialgesetzbuches (SGB) bedürftig ist – das trifft nicht nur auf wohnungslose Menschen zu.

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Damit die Verkäufer*innen möglichst viel Geld erhalten, sind Straßenzeitungen nicht darauf ausgelegt, möglichst viel Geld in die eigene Tasche zu wirtschaften. Der Gewinn der Verkäufer*innen soll maximiert werden und die Einnahmen der Redaktion lediglich das Überleben und den qualitativen Bestand der Zeitung sichern. Auf diese Weise ist es jedoch schwierig, die Herstellungskosten des Magazins inklusive der Honorare, der Gehälter des Fachpersonals und der Betriebskosten zu bezahlen. Auf öffentliche Gelder verzichte man bei BISS zudem, um unabhängig zu bleiben, erklärt Johannes Denninger. Deshalb sei die Zeitung auf Spenden angewiesen. Dabei helfen auch Bußgelder, die den Macher*innen von BISS „sporadisch von Richtern und Staatsanwälten zugesprochen werden“, wie es auf der Webseite heißt.

Vom generellen Einbruch der Auflagenzahlen von Print-Erzeugnissen sind auch die Straßenzeitungen betroffen. Das International Network of Street Papers listet aktuell knapp 20 Projekte in Deutschland auf, während es vor drei Jahren noch mehr als 30 waren. Auch die Straßenzeitungen sterben – und damit verlieren hilfebedürftige Menschen eine wichtige Anlaufstelle. Denn Straßenzeitungen leisten mehr als gedruckte Inhalte.

Unterstützung für Kinder, Obdachlose und Tiere

Die BISS wird seit 1993 von dem gleichnamigen und gemeinnützigen Verein herausgegeben, der über die Zeitung hinaus noch mehr gegen Armut macht. Der Verein betreibt zum Beispiel aufklärende Öffentlichkeitsarbeit an Schulen. Durch die sogenannte Schreibwerkstatt haben die Verkäufer*innen der BISS zusätzlich die Möglichkeit, Texte zu publizieren und auf ihre Situation, ihre Probleme und Wünsche hinzuweisen.

Die Türen unserer Sozialarbeiter*innen stehen immer offen.“ – Birgit Müller

Auch der Redaktion der Hamburger Straßenzeitung Hinz&Kunzt ist es wichtig, über die bloße Zeitungsproduktion hinauszugehen. „Die Türen unserer Sozialarbeiter*innen stehen immer offen“, betont Birgit Müller, die Chefredakteurin des Blattes. „Unsere Sozialarbeiter*innen beraten die Menschen, die zu uns kommen bei Suchtproblemen, Geldsorgen oder sie helfen bei der Suche nach einer Unterkunft. Sie stehen auch zur Seite, wenn Stress mit den Ämtern oder Ärger mit der Familie aufkommt.“

Derzeit verwalten sie elf Wohnungen, in denen Menschen unterkommen können. Außerdem initiierten sie Arbeitsprojekte mit Kooperationspartnern wie Spende dein Pfand am Flughafen in Hamburg. In den Terminals stehen sechs durchsichtige Behälter, in die Passagier*innen ihre Pfandflaschen spenden können. Aus den Pfand-Erlösen finanziert das Hamburger Straßenmagazin die Arbeitsplätze von vier ehemaligen Langzeitarbeitslosen, die die Sammelbehälter regelmäßig leeren, das Pfandgut sortieren und zur Abholung bereitstellen.

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Für den Karuna e. V. in Berlin – Herausgeber des Karuna-Kompass, Nachfolger des Strassenfegers – steht seit Gründung die Hilfe für Kinder im Mittelpunkt. Hierfür wurde die Einrichtung Drugstop aufgebaut, die eine Vielzahl von Beschäftigungsmöglichkeiten bietet. Es kann im Tonstudio, in der Küche oder beim Modelabel Sophisticated People mitgearbeitet werden. Es geht darum, dass die Kinder und Jugendlichen den Tag sinnvoll und geschützt verbringen. Außerdem können eine individuelle Beratung in Anspruch nehmen. Ebenso hat der Karuna e. V. mit der Villa Störtebeker ein Jugendwohnprojekt aufgebaut.

Für die Straßenzeitung fiftyfifty in Düsseldorf ist der asphalt e. V. zuständig. Gemeinsam mit dem Wohlfahrtsverband und Dienstleister Paritätisches NRW verfolgt er den sogenannten Housing-First-Ansatz. Wohnraum wird an die erste Stelle gestellt und die Wohnungssuchenden müssen nicht erst ihre sogenannte Wohnfähigkeit unter Beweis stellen. Von Anfang an besteht also ein normales, unbefristetes Mietverhältnis mit allen Rechten, aber auch Pflichten. Dabei wird so lange Unterstützung geboten, wie es nötig ist. Das Straßenmagazin fiftyfifty und der asphalt e. V. sind ebenso für die mobile Tierarztpraxis Underdog verantwortlich. Die Mittel dafür werden allein durch Spenden finanziert. Mit dem gutenachtbus haben sie ein mobiles Ess- und Sprechzimmer eingerichtet, aber auch einen Notfalltransport. Ein weiteres Projekt sind Stadtführungen, die von den Verkäufer*innen des fiftyfifty geleitet werden. Sie beantworten dabei auch Fragen über ihren Alltag.

Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass Menschen auf der Straße liegen

„Armut ist überall sichtbar. Die Menschen sind damit überfordert und machen deshalb häufig zu“, sagt Hinz&Kunzt-Chefredakteurin Birgit Müller. Ihre Mission ist es auch, ein Umdenken in unserer Haltung zu vermitteln: Wir dürfen uns nicht an die Tatsache und den Anblick gewöhnen, dass Menschen auf der Straße leben.

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Mit der Hilfe von Straßenzeitungen und deren Verlagen finden die Verkäufer*innen wieder einen Arbeitsplatz, eine Wohnung und gesundheitliche Unterstützung. Es ist ein erster Schritt zurück in die Normalität, der auch Lasse gelungen ist. Nun muss er dran bleiben und darf den Mut nicht verlieren: „Irgendwann will ich Menschen helfen, denen es so geht wie mir jetzt.“

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