Warum du mit Elektroautos nicht die Welt rettest

Autos sind schlecht für die Umwelt, das Klima und unsere Mitmenschen – weiß jede*r. Trotzdem sind wir zu faul zum Laufen oder Radfahren. Nun sollen es Elektroautos richten.

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Sind Elektroautos wirklich so umweltschonend, wie man denkt? Foto: John Cameron / Unsplash | CC0

Stell dich mal hinter ein Elektroauto, dessen Motor läuft, und atme tief ein. Wenn nicht gerade ein Benziner oder Dieselauto vorbeifährt, riechst du: nichts. Jedenfalls keine Abgase. Ungesund ist es auch nicht. Kein Auspuff, kein Gestank, ein sauberes Gefährt, dieses E-Auto. Klingt nach der perfekten Alternative für einen unserer schlimmsten Klimakiller: das Fahrzeug mit Verbrennungsmotor.

Denn die 18 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland, die der Verkehr ausmacht, werden fast ausschließlich vom Straßenverkehr verursacht. So denkt offenbar auch die Bundesregierung und wollte eigentlich bis 2020 mindestens eine Million E-Autos auf deutsche Straßen bringen – nur falls du dich gewundert hast, warum gerade in Großstädten auf einmal so viele Ladestationen die wenigen Parkplätze blockieren. Am 1. Januar 2019 waren in Deutschland 83.175 Elektroautos zugelassen. Nun sollen es bis 2022 eine Million werden. Super.

Wie umweltfreundlich ist so ein Elektroauto?

Bringt uns das wirklich weiter? Wie klimaschonend und umweltfreundlich ist denn so ein E-Auto? Ja, sie stoßen beim Fahren kein CO2 aus, jenes Treibhausgas, das hauptverantwortlich für die Klimakatastrophe ist. Das war es aber schon.

Der Strom, mit dem E-Autos fahren, muss ja irgendwo hergestellt werden. Weil unser Strom nur zu 38 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammt, also noch immer hauptsächlich aus Kohle gemacht ist, verlagern Elektroautos das Problem nur. Sie verschmutzen die Luft zwar nicht auf der Straße, dafür irgendwo außerhalb der Städte, wo die Kohlekraftwerke stehen. Hilft dem Klima jetzt auch nur bedingt.

Und: Beim Bremsen verursachen sie Feinstaub wie jedes andere Auto auch. Die winzigen Partikel können über unsere Atemwege bis in die Lungenbläschen und den Blutkreis vordringen und dort Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen und andere unschöne Folgen haben. Bei Pflanzen lagert sich Feinstaub auf den Blättern ab und entzieht ihnen Feuchtigkeit. Damit sind sie Wassermangel und Dürre schutzloser ausgeliefert.

Autos – egal ob Elektro, Benzin oder Diesel – schaden Umwelt und Klima nicht nur durch Emissionen, Feinstaub und Abrieb beim Bremsen. Wie klimafreundlich ein Produkt ist, zeigt sich erst, wenn man den gesamten Schaden von der Herstellung bis zur Entsorgung anschaut. Und da schneiden E-Autos auch nicht gut ab.

Wenn ein E-Auto keine Abgase ausstößt, woher kommt dann die schlechte CO2-Bilanz?

Auch Elektroautos sind aus Stahl und Kunststoff gebaut, da fällt natürlich schon eine Menge CO2 und Feinstaub an. Besonders umweltschädlich ist aber die Produktion der Batterie, allein dabei verursacht ein E-Auto schon mehr Feinstaub als ein Verbrenner. Einziger Pluspunkt: Der Feinstaub, der bei der Batterieherstellung entsteht, belastet nicht die Bewohner*innen der Städte, die Fabriken stehen ja meistens außerhalb. In der Natur.

Außerdem sind für die Batterien einige Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Grafit nötig. Um sie abzubauen, werden Wälder gerodet und Tiere vertrieben, die Erde aufgerissen und Unmengen an Wasser verbraucht. Ganz abgesehen von den Treibhausgasen, die beim Rohstoffabbau von Maschinen und Transportfahrzeugen verursacht werden. Pro Kilowattstunde Speicherkapazität werden allein dadurch schon bis zu 200 Kilo CO2 ausgestoßen.

Insgesamt muss ein Elektrokleinwagen, der mit einem Strommix fährt, etwa 80.000 Kilometer fahren, um klimafreundlicher zu sein als ein Benziner. Es ist nicht einmal sicher, ob die Batterie so lange hält. Und vergleicht man ein E-Auto der oberen Mittelklasse mit einem Diesel, dann ist das E-Auto erst nach 580.000 Kilometern klimafreundlicher.

Ich habe mir gerade ein E-Auto gekauft, war das jetzt völlig umsonst?

Wenn du schon ein E-Auto hast – aber auch, wenn du sonst in deinem Leben Strom verbrauchst –, solltest du wenigstens vollständig auf echten Ökostrom umsteigen. Aber nicht nur auf Strom, dessen CO2-Ausstoß mit dem Kauf von CO2-Zertifikaten heruntergerechnet wurde. Das Umweltbundesamt empfiehlt Strom mit dem Label Grüner Strom oder OK Power. Aber auch dann ist ein Elektroauto nur ein weiteres Fahrzeug auf unseren ohnehin verstopften Straßen. So retten wir die Welt nicht.

Und ob mit Ökostrom oder ohne – Elektroroller sind eine noch größere Pest. Fressen ebenfalls Strom, verbrauchen auch wertvolle Rohstoffe, rasen viel zu schnell über den Gehweg. Und ob es tatsächlich Menschen gibt, die ihr Auto abgeschafft haben, weil jetzt überall diese feschen Roller rumstehen, ist fraglich.

Gibt es gar keine Hoffnung?

Doch. Wenn Batterien deutlich leistungsfähiger sind, Strom nur noch aus erneuerbaren Energien gewonnen wird, die Autos und ihre Batterien nur noch aus recyceltem Material gebaut werden – dann wären E-Autos wahrscheinlich ein klimafreundliches Verkehrsmittel. Spare aber lieber auf ein gutes Fahrrad. Das mit dem klimaneutralen Elektroauto dürfte noch eine Weile dauern.

Und bis dahin?

Geh. Zu. Fuß. Fahr Fahrrad. Nimm die Bahn. Und wenn es unbedingt das Auto sein muss, dann nimm wenigstens noch Leute mit oder lass dich mitnehmen (zum Beispiel über eine Mitfahrzentrale im Internet), denn vier Leute im Auto verursachen natürlich weniger CO2-Ausstoß pro Kopf und Kilometer als ein einzelner Mensch im Wagen.

Oder lohnt es sich, ein Auto anzuschaffen, das mit Biomüll fährt? Das wäre zwar möglich, jedenfalls fahren Busse in Augsburg mit Biomethan, das aus der städtischen Bioabfallvergärungsanlage stammt, also aus Augsburger Biomüll. Damit ließe sich auch ein Erdgasauto betanken – allerdings fehlt es an Zapfstellen.

Und bleib auf dem Boden. Fliegen ist klimaschädlicher als jedes andere Verkehrsmittel. Aber das weiß ja jede*r. Letztendlich müssen wir alle allmählich (besser sofort) im Interesse von Klima und Umwelt auf einige der Annehmlichkeiten verzichten, die wir gewohnt sind. Radfahren ist sowieso gesünder und geht in der Stadt meistens schneller als Autofahren. Mit dem Zug kommt man auch an ganz wunderbare Urlaubsorte in Deutschland, Spanien oder sogar Thailand (dauert etwa zwei Wochen für eine Strecke). Ohne dass gerade wir in unseren reichen Ländern auf Bequemlichkeiten verzichten, lässt sich der Klimawandel nicht mehr aufhalten. Schon gar nicht mit Elektroautos.