Warum es vom Einkommen deiner Eltern abhängt, was aus dir wird

Der Bildungserfolg von Kindern hängt weiterhin vom Einkommen ihrer Eltern ab. Das muss sich dringend ändern. Ein Kommentar

Nach den Sternen greifen? Nur, wenn das Geld der Eltern reicht. Illustration: Elif Küçük / ze.tt

Montag Turnen, Dienstag Yoga, Mittwoch Musikschule, Donnerstag Ballett, Freitag Chor. Was sich anhört wie das Angebot eines Kreativzentrums, ist nicht selten der Wochenplan eines Kindes. Für einen Monat Yoga oder Ballett zahlen Eltern zwischen 20 und 50 Euro. Eine volle Woche Freizeitaktivitäten können sich nur privilegierte Familien leisten. Abgesehen von der Zeit, die Eltern damit verbringen, ihre Kinder zu den Angeboten zu bringen. Auch die müssen Eltern sich leisten können.

Bildungschancen von Kindern hängen in Deutschland weiterhin vom Einkommen der Eltern ab – so sehr wie in kaum einem anderen vergleichbaren Land. Der Ökonom Daniel Schnitzlein untersuchte für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) den Zusammenhang des Einkommens der Eltern und dem ihrer Kinder. Ergebnis der Studie: Rund 40 Prozent unseres Einkommens lassen sich statistisch mit unserer Herkunft erklären. Beim Bildungserfolg beträgt der Zusammenhang sogar rund 50 Prozent. Du wirst, was deine Eltern sind – zumindest, was Einkommen und Bildung angeht. Schnitzlein kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland „kaum Chancengleichheit besteht“.

Seit dem Jahr 2000 beauftragt die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) die PISA-Studie, eine internationale Schulleistungsstudie. Untersucht wird darin auch, inwieweit es den unterschiedlichen Bildungssystemen in den Teilnehmerländern gelingt, jungen Menschen gerechte Chancen für ihren Bildungserfolg zu geben – unabhängig von ihrer sozioökonomischen und soziokulturellen Herkunft. Deutschland holt zwar langsam auf, schneidet aber weiterhin schlecht ab, was die Abhängigkeit zwischen Bildung von Kindern und Einkommen von Eltern angeht.

Benachteiligte und privilegierte Schüler*innen bleiben jeweils unter sich

Um dem Bildungssystem gar nicht erst ausgesetzt sein zu müssen, schicken immer mehr Eltern ihre Kinder auf Privatschulen. „Es ist uns auf jeden Fall die soziale Mischung abhanden gekommen“, sagt Bildungsexperte Marcel Helbig. Er forscht an der Universität Erfurt zu Bildung und sozialer Ungleichheit und sieht als Folge der fortschreitenden schulischen Segregation auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen: „Wenn ich die ganze Zeit in meiner Blase lebe, in der der nächste Bio-Laden wichtiger ist als alles andere, und wir auf der anderen Seite ganz andere Problemlagen haben, wo es darum geht: Wo kriege ich genug Essen für meine Kinder her, ohne zur Tafel gehen zu müssen? Wenn sich dies völlig entmischt, dann ist das nicht gut für demokratische Prozesse.“

Die Kinder bleiben jeweils unter sich; auf den Privatschulen die der privilegierten Eltern, auf den anderen Schulen die benachteiligten Schüler*innen. Und das, obwohl sich eine vielfältige Zusammensetzung von Lerngruppen positiv auswirkt – ohne den besseren Schüler*innen zu schaden. Das Grundgesetz verbietet zwar die „Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern“, jedoch unternehmen Privatschulen meist wenig Anstrengungen, auch Kindern aus wirtschaftlich schwachen Familien den Besuch zu ermöglichen.

Schulen sind ein Teil von Bildung, die Freizeit ist ein anderer. Armutserfahrungen wirken sich auf beide Lebensbereiche von Kindern aus. Aktivitäten in der Freizeit sind für Kinder und Jugendliche eine Möglichkeit der sozialen Teilhabe. Beim Sport oder beim Erlernen eines Musikinstruments werden nebenbei Soft Skills erlernt, also soziale, emotionale und kommunikative Kompetenzen, die wichtig sind für den weiteren Lebens- und Bildungsverlauf. Kinder und Jugendliche, denen das nicht ermöglicht wird, sind benachteiligt – und bleiben es mit größter Wahrscheinlichkeit auch.

Was also tun, um die Bildungsschere zu verkleinern? Einen Anfang könnten privilegierte Familien machen, indem sie ihre Kinder nicht auf die teure Privatschule schicken, sondern auf die Schule um die Ecke. Doch natürlich kann und sollte ein strukturelles Problem nicht ausschließlich privat gelöst werden. Die OECD empfiehlt den Ausbau der Kinderbetreuung für Familien aus wirtschaftlich schwächeren Familien. Mehr Geld bräuchten vor allem Schulen in so genannten Problembezirken und benachteiligte Schüler*innen.

Mehr Geld für die frühkindliche Bildung

Doch die Bildungsschieflage beginnt nicht erst mit der Segregation in oder durch die Schulen, sondern bereits davor. Um wirklich etwas gegen Chancenungerechtigkeit zu tun, muss man früher ansetzen, bei der frühkindlichen Bildung. Denn in der Schule haben sich die Unterschiede zwischen Kindern oft schon verfestigt. Mehr Geld für Kitas, eine bessere Ausstattung für Kitas, angemessen bezahltes Personal in Kitas, das wäre ein Anfang. Denn bei der aktuellen Kita-Krise geht es nicht in erster Linie um die Eltern, die in der öffentlichen Debatte zu hören sind, weil sie sich das leisten können. Es geht vor allem um die Kinder, deren Bildungserfolg genau von diesen fehlenden Kita-Plätzen abhängt. Kitaplätze für Kinder, die von Ballett und Chorproben nur träumen können und genau deshalb von einer guten Betreuung in der Kita oder einer guten staatlichen Schule profitieren würden.

„Ich möchte freie Zeit“, verkündete mein 5-jähriges Kind vor einigen Wochen. Deshalb sieht unser Familienwochenplan aktuell so aus: Montag bis Freitag nachmittags frei. Wir haben die Freizeitaktivität, die wir uns leisten konnten, gekündigt. Auch das – sowohl, dass wir sie uns leisten konnten, als auch die Kündigung – ein Privileg. Weil wir die Wahl haben. Viele Familien haben sie weiterhin nicht.


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