Warum ein Fitnessstudio ein scheußlicher Ort ist

Wie so viele rennt unser Autor regelmäßig ins Fitnessstudio und fragt sich, warum er sich das Abmühen zwischen Poser*innen und Hantelbänken eigentlich antut. Ein Kommentar

Fitnessstudios werden immer beliebter. © Scott Webb | Unsplash

Menschen neigen dazu, sich zu Beginn eines neuen Jahres Vorsätze zu machen, diese dann für ein paar Tage oder gar Wochen durchzuziehen, um dann so zu tun, als hätte es diese Vorsätze nie gegeben: Weniger Alkohol? Weniger Fleisch? Weniger kaufen?

Auch ein äußerst beliebter Vorsatz: Sport machen. Eine Studie für das Jahr 2017 ergab, dass sich 50 Prozent aller Befragten vorgenommen hatten, mehr Sport zu machen. Allein diese Formulierung fällt mir schon schwer. Denn wenn ich vorher gar keinen Sport gemacht habe, dann ist „mehr Sport“ an sich schon mal relativ. Außerdem stellen sich zwangsläufig einige Fragen: Welche Sportart? Allein? Mit einer Trainingpartner*in? Wie oft? Was ist mein Ziel? Warum zur Hölle tue ich mir das an? Fragen über Fragen, die viele mit nur einem Wort beantworten: Fitnessstudio.

Die Sporttempel werden tatsächlich immer beliebter: Eine Studie des internationalen Netzwerks Deloitte aus dem Jahr 2017 kürte Deutschland sogar zu Europas wichtigstem Fitnessmarkt. Ende 2016 waren insgesamt knapp zehn Millionen Menschen in einer der 8.684 Fitnessanlagen angemeldet, besonders Fitnessketten im Discountpreisbereich waren beliebt. Kein Wunder, dass diese gerade jetzt zu Beginn des neuen Jahres, wenn all die guten Vorsätze noch frisch sind, mit Dumping-Preisen und Testangeboten locken.

Auch ich bin in einem dieser Studios angemeldet.“

Ich möchte auch gar nicht um den heißen Brei herumreden: Auch ich bin in einem dieser Studios angemeldet. Und auch ich habe das in einem Januar getan. Allerdings mehr aus dem Grund, dass ich nach dem Erklimmen der vier Treppen bis zu meiner Wohnung keine Schnappatmung mehr bekommen wollte. Ich bin sogar relativ gewissenhaft, gehe auch nach über einem Jahr Mitgliedschaft noch immer in die Hallen des kollektiven Schwitzens, und ich habe gelernt: Fitnessstudios sind keine schönen Orte. Dafür gibt es viele Gründe.

Der Geruch

Der erste steigt einem bereits beim Betreten des Studios in die Nase und verlässt einen auch bis zum Verlassen desselben nicht mehr: der Geruch. Eine penetrante Mischung aus Parfum und Deo verschiedenster Preisklassen und Schweiß verschiedenster Zustände vermischt sich zu einem beißenden Geruch, von dem ich nicht genau sagen kann, ob er mich high macht oder zum Kotzen bringt. Aber wie sagt mindestens ein Onkel auf jeder Familienfeier: Nur die Harten kommen in den Garten. Also Augen zu und durch.

Non-stop-Beschallung

Und worauf konzentriert man sich, wenn man die Augen geschlossen hat? Genau, auf die Ohren. Für die halten Fitnessstudios nämlich ein ganz besonderes Klangerlebnis bereit. Im Studio meines Vertrauens ballert fast 24/7 laute, bass-lastige Musik aus den irgendwo in der Decke versteckten Boxen. Besonders beliebt scheinen EDM und Genres wie Dance- und Electro-Pop – David Guetta lässt grüßen. Das Schöne an dieser Non-Stop-Beschallung mit gefühlt 200 Dezibel: Man braucht, nein, man kann die eigene Musik gar nicht hören. Denn selbst wenn ich mir meine Kopfhörer aufsetze, vermischt sich meine private Musik sofort mit der studioeigenen Bumsmucke, und ein komplett neues Genre entsteht. Ein Genre, das kein Mensch braucht. Besonders nett: Neuerdings spielen von Zeit zu Zeit auch Live-DJs in dem Sportstudio. Berghain? Kater? Sisy? Nein, Fitti! Ich hoffe einfach, dass die Bezahlung dermaßen gut ist, dass sie das Gefühl des Versagens vergessen lässt.

Die Stöhner*innen

Die Musik kann ich vielleicht noch ausblenden, doch was ich auf gar keinen Fall ignorieren kann, sind die Stöhner*innen: Menschen, die auf den Geräten sitzen und bei jeder Bewegung, bei jeder Wiederholung ein lautes, aufdringliches und nerviges Stöhnen von sich geben. Was sich anhört wie eine Mischung aus Porno und starken Schmerzen, möchte eigentlich nur sagen: „Guck mal, wie hart ich trainiere. Ich bin schon echt ein toller Hecht.“ Ja, vielleicht bist du das, aber vor allem bist du mit deinem Gestöhne gerade echt nervig. Außerdem sehe ich, dass du trainierst. Das musst du nicht noch zusätzlich auf einer Audio-Ebene untermalen.

„Guck mal, wie hart ich trainiere. Ich bin bin schon echt ein toller Hecht.“

Ich laufe also, von Avicii und Schweißgeruch begleitet, vorbei an den Pumper*innen, den Stöhner*innen und komme endlich in der Umkleide an. Hier bietet sich mir, wie eigentlich jedes Mal, wieder ein Spektakel sondergleichen: Breitschultrige, muskulöse Männer in Jogginghosen stehen oberkörperfrei vor den riesigen Spiegeln, die überall in der Umkleide aufgehängt sind, und werfen sich in erstaunliche Posen, welche anschließend mit dem Handy festgehalten werden. Ich bin mir sicher, dass mehr als die Hälfte dieser Bilder auf Instagram landen, versehen mit dem Hashtag #NoPainNoGain oder #WorkHardPlayHard.

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Zwei Dinge finde ich daran besonders verblüffend: einerseits die Tatsache, dass sich auf fast alle Fotos ein Duckface schleicht, und andererseits, dass der menschliche Körper tatsächlich so viele Muskeln an so vielen unterschiedlichen Stellen haben kann. Ich bin vom Körpertyp her nämlich eher das, was man laut Jugendsprache heute als Lauch bezeichnen würde und finde es beeindruckend und beängstigend zugleich, an welchen ungeahnten Stellen sich Muskeln verstecken können.

Walk Of Shame

Ich suche mir also einen freien Spind, wische das Proteinpulver, welches überall in der Umkleide verteilt ist, von der Sitzbank und ziehe mich um. Statt professioneller, schweißabweisender, atmungsaktiver, ergonomischer Sportswear reicht es bei mir dann meist nur für die Jogginghose, die ich eigentlich ausschließlich auf der Couch trage, ein altes Band-Shirt und Schuhe, die ich ab und an noch heimlich auf der Straße trage. Fertig umgezogen bereite ich mich mental auf das vor, was mir gleich bevorsteht: der Walk of Shame. So nenne ich den Gang vorbei an den verschwitzten Sportler*innen, vorbei an den Blicken der Trainer*innen, hin zum Crosstrainer.

Dort angekommen, erwartet mich oft eine glitschige Überraschung. Zwar sind alle Mitglieder des Studios dazu angehalten, die Geräte nach dem Benutzen mit Papier und Desinfektionsspray von jedweden Körperflüssigkeiten zu reinigen, doch de facto interessiert das anscheinend nur wenige. Und so hinterlassen sie die Höllenmaschinen nass und verschwitzt – wie ein Hund, der sein Revier markieren wollte und es ein bisschen übertrieben hat.

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Nachdem ich mich dann zum Aufwärmen auf den Cardio-Geräten kaputtgestrampelt habe, geht’s zu den richtigen Geräten. Oder besser gesagt: Es geht zu den Schlangen vor den Geräten. Denn die Rudermaschine, die Brustpresse und Co. sind hart umkämpft. Und so wartet man. Und wartet. Und wartet. Bis man dann irgendwann an der Reihe ist und das mitgebrachte Handtuch vorbildlich auf dem Gerät ausbreitet, wodurch man einerseits klarmacht, dass man das Gerät ganz sicher nicht vollschwitzen wird, andererseits aber auch immer ein bisschen Cluburlaub-Feeling aufkommen lässt. Nur dass es hier statt Cocktails und Shots leider nur Proteinshakes und stilles Wasser gibt.

Die Vorhölle

Bevor ich dann mit den Übungen anfangen kann, muss ich erst mal das Gewicht einstellen. Ich weiß zwar nicht genau, wer vor mir an dem Gerät war, jedoch scheint diese Person ungefähr fünfmal kräftiger als ich zu sein, und so schiebe ich möglichst unauffällig und betont beiläufig den Stab der Gewichtsanzeige von hundert Kilo auf irgendwas mit einer Zwei vorne. Danach gibt’s keine Ausreden mehr: Es kann losgehen. Und so sitze ich da, auf diesen seltsamen Geräten, deren Funktion mir in den meisten Fällen sowieso schleierhaft ist, und mache Übungen, von denen ich glaube, dass sie eventuell und vielleicht richtig sein könnten. Die eiserne Regel dabei lautet: keine Miene verziehen und so gucken, als wüsste man ganz genau, was man da tut.

Manchmal streunen die Trainer*innen durch die Reihen, beobachten, geben Tipps. Mein Tipp: Auf gar keinen Fall Blickkontakt suchen. Am besten beschäftigt an ihnen vorbeigucken und sich nicht helfen lassen. Die schadenfreudigen, bösen Blicke der anderen tun in etwa so weh wie eine Weisheitszahn-OP und sind ähnlich angenehm wie Zahnfleischbluten.

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Nach knapp einer Stunde Training gehe ich dann genau darauf: auf meinem Zahnfleisch – und schleppe mich mit letzter Kraft zurück in die Umkleidekabine. Auf dem Weg dorthin gibt es noch ein letztes Mysterium zu ergründen: den Freihantelbereich. Ich kenne diesen Ort nur aus Erzählungen, habe ihn selbst noch nie betreten und plane auch nicht, das in naher Zukunft zu tun. Beim Gang zur Umkleide kann man einen kurzen Blick davon erhaschen: den Anfang, die Vorhölle quasi. Darin tummeln sich Sportwütige, die gerne schwere Dinge heben und dabei, wie die Stöhner*innen, laute Geräusche von sich geben. Seltsame, aus Bändern bestehende Apparaturen, die sowohl in einem Fitnessstudio als auch in einem BDSM- oder Fetischklub stehen könnten, laden ein zum fröhlichen … Ja, wozu genau eigentlich? Weiß ich nicht. Will ich auch gar nicht wissen.

Das Fitnessstudio und ich, eine Hassliebe.

Ich mag es, mich über Dinge zu beschweren, die ich sowieso nicht ändern kann. Und deshalb komme ich letztendlich doch immer wieder zurück zu diesem Ort, an dem Schweiß und Testosteron vorherrschen. Ein Fitnessstudio ist kein schöner Ort. Das ist doch das Schöne daran. Und warum ich mir das antue? Naja, ich kann jetzt wieder Treppen steigen, ohne danach ein Sauerstoffzelt zu brauchen.