Warum ein Paartherapeut sich nicht wundert, dass Jamaika geplatzt ist

Die FDP ließ die Gespräche um eine mögliche Jamaika-Koalition platzen. Paar- und Sexualtherapeut Friedhelm Schwiderski kennt solch ein Verhalten aus Liebesbeziehungen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel in der ersten Sitzung des Bundestages nach dem Platzen der Sondierungsgespräche. © Sean Gallup/Getty Images

Im Interview erklärt Schwiderski wieso eine Jamaika-Sondierung so schwierig war und was die Parteien mit Geschwisterkrieg, Weihnachtsessen und unterschiedlichem Gehalt zu tun haben.

ze.tt: Herr Schwiderski die Sondierungen zu Jamaika sind am Sonntag gescheitert, kurz bevor es ernst wurde. Wäre das in Ihrem Arbeitsbereich ein Ehemann, der noch am Altar flieht?

Ja, das könnte so sein, aber so häufig kommt das gar nicht vor. Viel passender ist die aktuelle Weihnachtszeit. Da gehen nämlich viele Partnerschaften auseinander, weil unterschiedliche Familientraditionen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten aufeinanderprallen.

Genau wie die Parteien jetzt unterschiedliche Vorstellungen für eine Regierung hatten, herrschen auch in der Weihnachtszeit verschiedene Konzepte vor, wie man beispielsweise den ersten Weihnachtsfeiertag verbringt. Im Rahmen der Großfamilie oder doch lieber zu zweit? Wenn es schon vorher einige Differenzen und Enttäuschungen gab, dann platzt in Beziehungen oft genau jetzt die Bombe.

Paar- und Sexualtherapeut Friedhelm Schwiderski. © privat

Welche Rolle spielt die Angst vor dem Scheitern bei Paaren und welche könnte sie bei den Sondierungen gespielt haben?

Die Angst ist ein kräftiger Begleiter, wenn es um wichtige Verhandlungen geht, bei denen das Gegenüber ganz andere Vorstellungen hat und damit durchkommen möchte. Bei der Weihnachtsentscheidung hat man seine Familie hinter sich, vor der man bestehen möchte.

Man will ihr zeigen: Ich bringe meinen Partner dazu, dass wir Weihnachten so unter dem Tannenbaum feiern, wie es bei uns üblich ist. Sonst drohen Kommentare wie „Das haben wir doch immer so gemacht, das kann doch nicht wahr sein, dass du dich nun davon abbringen lässt.“ Im Falle der Parteien sind das die Parteimitglieder, vor denen man nicht das Gesicht verlieren will.

Haben Sie aus paar- oder psychotherapeutischer Sicht eine Erklärung für das Scheitern von Jamaika?

Bei Jamaika haben wir ein Phänomen, welches man in einer Familie erleben kann, wenn Geschwister miteinander streiten. Heftige Zuspitzungen erlebt man hier etwa, wenn es um den Erbfall geht. Die CDU könnte man in diesem Fall als das älteste Geschwisterkind sehen, FDP und Grüne als die jüngeren Geschwister, die sich trotzdem behaupten wollten.

Wenn in dem Fall der Geschwister keine klaren Erbregelungen getroffen sind – so wie nun auch bei Jamaika das Ende offen war – dann können alte Wunden wieder aufreißen. Das heißt dann vielleicht „Ich wurde als Kind schon zu wenig berücksichtigt und bekomme nur wenig“ oder „Ich möchte auf jeden Fall diesen Gegenstand“. Bei den Parteien kann man das mit dem Verteilen der Ministerien vergleichen und dem Durchsetzen ihrer Vorstellungen. In solchen Situationen kann eine so heftige Dynamik entstehen, dass die Beteiligten später nicht mehr miteinander sprechen wollen.

Politiker*innen unterschiedlicher Parteien haben gesagt, die Vertrauensbasis habe während der Gespräche nicht wachsen können. Welche Rolle spielt Vertrauen in der Paartherapie und wie hätte es bei den Parteien hergestellt werden können?

Vertrauen ist eine wesentliche Grundlage für jedes menschliche Miteinander. Es ist das Gegenteil von Angst, beides gleichzeitig geht nicht. Vertrauen heißt auch, dem anderen einen Vertrauensvorschuss zu geben – ihm also zuzutrauen, dass er sich in einer Weise verhalten wird, mit der ich gut zurechtkommen könnte. Auch die Parteien hätten sich für eine gemeinsame Regierung einen solchen Vertrauensvorschuss geben müssen.

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Wenn man sich aber von der Angst leiten lässt, dann versucht man Regelungen zu treffen, die ein mögliches Risiko minimieren. Es kann sein, dass sich die Parteivertreter aus dieser Angst heraus, besonders viel im Vorfeld sichern wollten. Paare vereinbaren oft „Wir bleiben uns immer treu und wenn einer davon abweicht ist die Beziehung beendet.“

Vertrauen ist eine wesentliche Grundlage für jedes menschliche Miteinander.“

In der Praxis zeigt sich, wenn das wirklich passiert, ist es oft so, dass der betrogene Partner neu zu überlegen beginnt. Er sagt dann vielleicht: Ja, das haben wir damals so vereinbart, aber ich würde die Beziehung gerne fortführen. Ein solches Szenario hätten wir sicherlich erlebt, wenn es zu einer gemeinsamen Regierung gekommen wäre. Dann hätten die Parteien eventuell zu ihren Wählern gesagt: Wir haben das so vereinbart, aber unter den gegebenen Umständen müssen wir neu denken.

An welchem Punkt ist es für Paare legitim die Beziehung zu beenden und es nicht mehr zu versuchen?

Dann, wenn einer der Partner innerlich und äußerlich aussteigt. Manchmal schwankt ein Partner schon über längere Zeit innerlich und beendet die Beziehung dann bei einer weiteren Enttäuschung. Wenn es also zum Weihnachtsstreit kommt, sagt er vielleicht: Das war es jetzt, ich gehe alleine ins neue Jahr.

Manchmal schwankt ein Partner schon über längere Zeit innerlich und beendet die Beziehung dann bei einer weiteren Enttäuschung.“

Wenn derjenige dann ein Aufatmen verspürt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass beide noch einmal eine neue gemeinsame Basis finden. Bei der FDP hatte man diesen Eindruck. Erkennen kann man ein solches Schwanken, wenn jemand seine Hauptaufmerksamkeit in andere Bereiche wie Arbeit, Hobby oder einen anderen Partner lenkt. Vielleicht hat die FDP innerlich schon länger mit den alternativen Optionen, wie dem Gang in die Opposition, geliebäugelt.

Die Bundestagswahl liegt zwei Monate zurück. Hätte man in dieser Zeit schon längst erkennen müssen, dass die Beziehung aussichtslos ist?

Bei Paaren gehen solche Verhandlungen oft über Jahre. Gemeinsamer Besitz oder Kinder können heftige Bindekräfte sein, die ein Auseinandergehen verhindern. Auch wenn einer von beiden zu dem Ergebnis gekommen ist, dass er die Partnerschaft beenden möchte, dann muss diese Entscheidung erst einmal umgesetzt werden.

Bei dieser Umsetzung kann es noch einmal Schwankungen geben und grübelnde Fragen wie: Verliere ich nicht doch zu viel? Soll ich nicht lieber zurückgehen? Auf die politischen Verhältnisse angewandt könnte das heißen, dass die Parteienvertreter sich nach dem Scheitern durchaus fragen: Hätten wir die Chance nicht doch nutzen sollen? Einige stehen sicherlich in Spannung zu ihrem vergangenen Verhalten und sind unglücklich darüber.

Eine Ehe oder Partnerschaft besteht aus zwei Beteiligten, bei den Jamaika-Sondierungen verhandelten jedoch drei Akteure. Wie unterscheiden sich drei Verhandelnde am Tisch von zwei Beziehungspartner*innen?

Wenn drei dabei sind ist die Dynamik deutlich anspruchsvoller. Eine Dreierkonstellation hat immer das Problem, dass einer sich ausgeschlossen fühlen kann und das Gefühl haben kann, die anderen verbündeten sich gegen ihn. Derjenige der sich ausgeschlossen fühlt, wird versuchen seine Position zu stärken oder geht noch mehr in die Angst herein – das kann unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.

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Vermutlich hat die FDP sich stellenweise als ein solcher Außenseiter gefühlt. Klar ist, dass eine Dreierkonstellation ein sehr unsicheres Gebilde ist. Die Zweierkoalitionsbildung kann ständig wechseln. Das heißt: Letztendlich ist jeder der drei in der Gefahr, Außenseiter zu werden.

Union, FDP und Grünen haben viele Differenzen und hätten sich für eine Koalition aufeinander zubewegen müssen. Was raten Sie Paaren, wenn ein Kompromiss unmöglich erscheint?

Dann würde ich empfehlen sich zu fragen, warum die Situation jetzt so angespannt ist, dass keine gemeinsame Lösung möglich ist. Oft gibt es nämlich eine lange Vorgeschichte, bei der sich jeder in der Vergangenheit in seiner Position vom anderen nicht richtig berücksichtigt fühlte. Dazu zählt der Eindruck ins Hintertreffen geraten zu sein und nun seine Interessen verstärkt durchsetzen zu müssen. Bei der FDP ist es ja beispielsweise so, dass sie länger an keiner Bundesregierung beteiligt war.

Man muss überprüfen, warum man eigentlich zusammen ist.“

In solchen unversöhnlichen Situationen muss man die Basis überprüfen und fragen, warum man eigentlich zusammen ist. Dabei kann man dann entweder merken, dass man sich immer weiter entfernt hat oder man erwacht und sagt: Wenn wir den Weg des Kampfes miteinander weitergehen, dann ist die Trennung nah. Die Jamaika-Parteien sind offensichtlich nicht erwacht. Wenn man sagt, wir wollen miteinander, braucht es Mut zum Vertrauen, um weitere Schritte miteinander zu unternehmen.

Die Parteien haben durch ihre Wahlergebnisse unterschiedliche Verhandlungspositionen gehabt. Was macht es mit einer Beziehung, wenn eine*r der Partner*innen eine privilegierte Stellung hat?

In der Regel ist das eine Belastung für denjenigen, der sich unterprivilegiert fühlt. Es muss aber nicht zwingenderweise so sein. Mit Privilegien sind nämlich auch Verantwortungen und Pflichten verbunden, die belastend sein können.

In Partnerschaften gibt es häufig Ungleichheiten bei dem Einkommen – hier kann sich der Besserverdiener in seiner Rolle als Haupternährer auch belastet und unter Druck fühlen. Diese Ungleichheit hat in jedem Fall zusätzliche Spannung in die Verhandlungen gebracht.

Bundespräsident Steinmeier möchte, dass alle Beteiligten noch einmal miteinander reden. Wie viele Chancen rechnen Sie dem aus?

Es könnte eine Chance haben, wenn die beteiligten Vertreter noch einmal in sich gehen und überlegen, ob es wirklich die beste Lösung war das Ganze platzen zu lassen oder ob es eine erneute Anstrengung zur Investition in Vertrauen wert wäre.

Dass es keine Liebesheirat werden würde, war von Anfang an klar. Zusammengehalten hat die Sondierungen die gemeinsame Verantwortung für Deutschland. Bei Paaren könnte das beispielsweise ein gemeinsames Kind sein. Raten Sie da auch manchmal: Besser keine gemeinsamen Eltern sein, anstatt schlechte Eltern sein?

Ja, das kommt durchaus vor und zwar dann, wenn deutlich wird, dass die Eltern im Wesentlichen nur für das Kind zusammenbleiben. Hier ist zu beachten, dass so eine Konstellation in vielen Situationen für das Kind eine riesige Belastung bedeutet. Denn das Kind merkt, dass es die Verantwortung dafür trägt, dass die Eltern beisammenbleiben. Genauso wurden die Sondierungsgespräche durch die Verantwortung für das Land zusammengehalten.

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Ein Kind kann sich in diesem Fall als Bindeglied fühlen und in der Zerreißprobe stehen, denn es spürt, dass die Eltern eigentlich getrennt sein wollen. Kinder sind sehr sensibel dafür, was in den Eltern vorgeht und spürt, ob die Eltern glücklich miteinander sind. Auch die Wähler konnten in Talkshows merken, dass die Parteien nicht ganz glücklich miteinander sind. Für ein Kind – und eben auch das Land – kann es günstiger sein, wenn sich die Eltern, oder die Parteien, in einem solchen Fall trennen und in gutem Kontakt miteinander bleiben.